07.03.2012, 00:32  von Esther Mitterstieler

"Boomende Wirtschaft ist das beste Mittel gegen Pfusch"

Eine Studie des Linzer Uniprofessors Friedrich Schneider zeigt: Die Hälfte der Österreicher findet Pfusch in Ordnung. Je weniger Wachstum, umso mehr blüht der Pfusch.

Wien. Der Pfusch treibt weiter Blüten und die Österreicher finden nichts dabei, im Gegenteil -bei einer Befragung des Instituts für Volkswirtschaftslehre der Johannes Kepler Universität Linz vom 10. Jänner bis 9. Februar zeigte sich: 49 Prozent der Befragten betrachten Pfusch als Kavaliersdelikt. Gegenüber dem Jahr 2010 waren dies immerhin um drei Prozent mehr. Insgesamt verringerte sich die Schattenwirtschaft um 2,07 Prozent im Vorjahr auf 19,83 Milliarden €oder 7,86 Prozent des BIP. Professor Friedrich Schneider erklärt im WirtschaftsBlatt-Gespräch, was zu erwarten ist.

WirtschaftsBlatt: Warum ist die Hälfte der Bevölkerung so offen gegenüber dem Pfusch?

Friedrich Schneider: Die Studie zeigt: Eine große Mehrheit sieht den Pfusch als Kavaliersdelikt. Pfuschen ist nach wie vor das mit Abstand beliebteste Delikt, aber insgesamt sinkt der Trend. Von 1998 bis 2006 akzeptierten noch 62 Prozent der Bevölkerung die Schattenwirtschaft als gegeben.

Angesichts der derzeitigen Diskussionen um Korruption: Kann man von der Offenheit gegenüber der Schattenwirtschaft auf ein Verständnis gegenüber der Korruption rückschließen?

Nein, da kann man keinen Rückschluss ziehen. Umfragewerte haben wir dazu derzeit nicht. Im nächsten Jahr möchte ich mir das aber genauer ansehen.

Wann steigt der Hang zum Pfusch?

Je mehr Arbeitslose und je höher die Steuerlast, umso mehr blüht die Schattenwirtschaft.

Das müsste also heißen: Das Spar-und Steuerpaket wird die Menschen wieder dazu verleiten, mehr zu pfuschen oder auf Dienste aus der Schattenwirtschaft zurückzugreifen?

Wenn die Leute das Gefühl haben, dass nicht bei allen Einkommensstufen gleich viel Steuern erhöht wurden, kann man das sagen. Prinzipiell gilt: Wenn das Gerechtigkeitsgefühl verletzt wird, steigt die Bereitschaft zu pfuschen. Ich erinnere nur an den Fall des ehemaligen deutschen Postchefs Klaus Zumwinkel im Jahr 2008. Er hat ein oder zwei Millionen €Strafe dafür gezahlt, dass er Steuern hinterzogen hat. In den Monaten danach stieg der Anteil der Schattenwirtschaft in Nordrheinwestfalen signifikant. Wenn man einen Großen laufen lässt, hinterlässt das nicht ein Stigma wie etwa nach einer halbjährigen Haftstrafe. Das hätte das Gerechtigkeitsgefühl besser bedient.

Wie schaut es hierzulande aus?

Wenn ich mir die Informationen ansehe, die ich aus den Zeitungen habe, dann sollte Karl-Heinz Grasser meiner Meinung nach vor Gericht gestellt werden. Das riecht schwer nach Steueroptimierung. Das ist eine Frage der Steuermoral. Da würde jeder sehen: Es wird untersucht. Wenn man Grasser nichts nachweisen kann, ist natürlich selbstverständlich, dass er freigelassen wird. Der Bürger muss aber das Gefühl haben, dass er gleichbehandelt wird.

Zurück zur Schattenwirtschaft: Welche Branchen sind am meisten betroffen? Mit 38 Prozent halten das Baugewerbe und Handwerksbetriebe den größten Anteil an der Schattenwirtschaft. Dann folgen Hotels, Gaststätten, Hausarbeit und natürlich auch Alten-und Krankenpflege. Besonders in diesem Bereich gibt es großes Verständnis für den Pfusch. Hier stellt sich oft die Frage der Leistbarkeit.

Was ist Ihr Rezept gegen die Schattenwirtschaft?

Ich würde einen Freibetrag für handwerkliche Leistungen nach dem deutschen Modell machen und Dienstleistungen und Investitionen im Haushalt bis zu 2000 €steuerlich absetzbar machen. Die Häuslbauer sollte man verpflichten, Rechnungen zu sammeln, auf denen die Lohnnebenkosten ausgewiesen werden. Im Zuge der Wohnbauförderung sollten die Lohnnebenkosten refundiert werden. Das sollte für alle arbeitsintensiven Dienstleistungen gelten, sonst sollte keine Förderung fließen. Allein mit dieser Maßnahme würde der Pfusch pro Jahr um ein bis zwei Milliarden €sinken. Außerdem würde ich Firmen, die schwarzarbeiten lassen, für drei bis fünf Jahre von öffentlichen Aufträgen ausschließen.

Ihre Pfusch-Prognose für die nächsten Jahre?

Boomt die Wirtschaft weiter, sinkt der Pfusch. Eine boomende Wirtschaft ist das beste Mittel gegen Pfusch.

Das Interview führte ESTHER MITTERSTIELER

ZUR PERSON

Friedrich Schneider Uniprofessor

Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität in Konstanz hatte Professor Schneider Forschungsaufenthalte unter anderem an den US-Universitäten Yale und Princeton. 1983 habilitierte er an der Universität Zürich. Seit 1986 ist Schneider ordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz.

Grafik: SCHATTENWIRTSCHAFT IN ÖSTERREICH

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