30.01.2011, 16:06  von Daniela Friedinger

Das hässliche Entlein Osteuropa

Bild: WB/Peroutka

Mit der Finanzkrise hat Osteuropa seinen Ruf als Top-Standort für Investments eingebüßt. Dabei sei die Region keinesfalls ein „hässliches Entlein", wie Nikolaus Görg, Mitglied des Chief Investment Office bei der Bank Gutmann AG, es ausdrückt. Er und Friedrich Strasser, Vorstandsmitglied der Wiener Privatbank, zählen Ost- und auch Südosteuropa vielmehr zu den vielversprechendsten unter den Emerging Markets.

„In den vergangenen zehn Jahren hat Osteuropa besser performt als Asien", begründet dies Görg. Und auch jetzt gebe es gute Gründe für das wiedererstarkte Vertrauen der Banker in die Region. Diese liegen unter anderem darin, dass die Länder ihre Schwächen erkannt haben.

Zu diesen zählt Görg zum einen das Leistungsbilanzdefizit der meisten CEE-Staaten. Zum anderen ­seien Kapitalzuströme, die vorwiegend in bubbleanfällige Branchen wie Immobilien gehen, eine Gefahr. Beide Phänomene seien in den baltischen Ländern stark ausgeprägt gewesen, weshalb diese die Krise auch besonders stark traf.
Laut Görg könnte ausländisches Kapital aber in Richtung verarbeitende Industrie kanalisiert werden, indem es zum Beispiel steuerliche Anreize für die Renovierung einer Fabrik gibt. Und in Sachen Leistungsbilanz gibt es bereits Länder, die Überschüsse erzielen, etwa Tschechien und Ungarn.

Erstaunlich stabil

Gelingt es darüber hinaus noch, das Vertrauen der lokalen Bevölkerung in die Banken zu stärken, sei die Region krisenresistenter als in der Vergangenheit. „Natürlich wäre es naiv zu sagen, es wird keine Korrekturen geben", so Görg. Nachsatz: „Die nächste Krise kommt bestimmt." Aber was die Krise in Osteuropa ausgemacht hat, sei die Geschwindigkeit gewesen, mit der man von ausländischem Kapital abhängig wurde. „Die öffentliche Verschuldung oder die private Verschuldung waren es nicht", betont der Banker. Zudem erweise sich die Region, anders als etwa Nordafrika, als erstaulich politisch stabil. Und einer ihrer entscheidenden Vorteile liege darin, ­einen stabilen Finanzierer zu haben, nämlich die EU.

Empfehlung Einzelhandel

Für die Bank Gutmann, die Ost­europa in ihrem Portfolio sechs Prozent und damit genauso viel wie für Asien einräumt, besteht die Region keineswegs nur aus Russland: Während andere Russland innerhalb Osteuropas mit 75 Prozent gewichten, sind es bei Gutmann bloß 35 Prozent. Laut Strasser ist auch Südosteuropa, wo der Aufholprozess nun so richtig einsetze, ein heißer Tipp. Unter anderem sehen die Banker in Einzelhandelsketten in Serbien, aber auch im polnischen Einzelhandel sowie im polnischen Schuh- und Bekleidungshandel großes Potenzial. „Wir glauben an eine Langfrist-­Story und die heißt Konsum", fasst es Görg zusammen.

 

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