19.05.2001, 00:00  von Michael Riedler

Gutes Gespür für's Gehör

Michael Riedler

Technikerin, Forscherin und erfolgreiche Unternehmerin: Mit dieser Konstellation ist Ingeborg Hochmair in Österreich eine seltene Ausnahme - und mit ihrer Firma Med-El weltweit im Bereich der Hörimplantate führend. Der Antrieb der vierfachen Mutter: Hinter äusserlicher Schüchternheit verbirgt sich ein gewaltiger Ehrgeiz.

Was für ein Erbe: Der Vater ist Universitätsprofessor für Mechanik und Fahrzeugdynamik, die Mutter Physikerin, der Grossvater Professor für Mechanik. Und die Grossmutter war eine der ersten Chemie-Ingenieurinnen Österreichs. Keine grosse Überraschung also, dass sich auch Ingeborg Hochmair als junge Frau für den Studiengang Elektrotechnik an der Technischen Universität (TU) Wien eintrug.

Zweieinhalb Jahrzehnte später ist die 48-Jährige nicht nur mit Forschungspreisen überhäuft, sondern auch eine äusserst erfolgreiche Unternehmerin: Ihre Medizintechnik-Firma Med-El hat sich mit hochspezialisierter Hörtechnik weltweit in einer exklusiven Nische positioniert, hat Tochterbetriebe in elf Ländern (darunter im Mittleren Osten, in Tokio, auf den Philippinen und in Argentinien). 300 Mitarbeiter sind weltweit für Med-El tätig. Im Stammhaus in Innsbruck sind 180 Leute beschäftigt, die einen Umsatz von 300 Millionen Schilling erwirtschaften. Erzeugt werden die High-Tech-Hörimplantate in einem "Reinraum" in der Steril-Atmosphäre eines OP-Zimmers. Die meisten Arbeitsschritte werden unter dem Mikroskop von Hand erledigt.

Nach Auslandssemestern in Karlsruhe arbeitete Ingeborg Hochmair auch als Assistentin am Institut für allgemeine Elektrotechnik und Elektronik in Wien. 1975 gelang es, die ersten Chochlea-Hörimplantate zu entwickeln - Geräte, die taube Menschen wieder hören lassen konnten. Mit Ehemann Erwin, der als Professor an das Institut für angewandte Physik nach Innsbruck berufen wurde, übersiedelte Hochmair nach Tirol.

>> Internationale Preise <<

Nächster Schritt: Die mittlerweile mehrfach preisgekrönte Forschung von Hochmair (1979: Holzer-Preis, 1980: Leonardo-da-Vinci-Preis, 1984: Sandoz-Preis, 1996: Wilhelm-Exner-Medaille) sollte auf stärkere finanzielle Beine gestellt werden. Auf Drängen des Wissenschafts-Forschungsfonds suchte Hochmair einen internationalen Firmenpartner - und kam 1981 auf den US-Konzern 3M. Hochmairs Fazit im Rückblick: "Der grösste Fehler meine Lebens."

Zunächst aber war Hochmair beeindruckt: "Die sind mit Rechtsanwälten, Patentanwälten, einem Riesenvertragswerk angekommen. Das hat uns imponiert, aber in der Folge nicht zum erwarteten Erfolg geführt. Denn der Konzern war einfach zu gross."

Dann folgte der Beschluss, die medizintechnischen Implantate auf eigene Faust zu produzieren und zu vermarkten. "Ich wollte immer Elektro-Medizin machen", sagt Hochmair, die sich bei der Firmengründung im Jahr 1989 aber nicht ausmalen konnte, wie stark das Unternehmen in der Folge wachsen würde.

"Ich bin ein sehr zielstrebiger Mensch", erklärt sie ihren Erfolg. Hochmair ist zweifellos ehrgeizig, hat wissenschaftliche Arbeitskreise geleitet und sich wissenschaftlich vielseitig engagiert. Nach aussen hin zeigt sie diesen Ehrgeiz aber in sehr zurückhaltender, fast schüchterner Form.

>> "Woman of the Year" <<

Diese Mischung aus Zielstrebigkeit, Erfolg und unprätentiösem Auftreten hat ihr unter anderem die Auszeichnung zur "Veuve Cliquot Business Woman of the Year 1995" eingebracht.

Die Mutter von vier Kindern im Alter zwischen sieben und 19 Jahren geniesst Freizeitwert im Wohnort Axams: "Wir wohnen direkt am Ende des Skiabfahrt." Der Standort Tirol sei auch für viele Mitarbeiter anziehend: "Es kommen Leute aus den USA, England und Deutschland gerne hierher."

>> Mit Helfen verdienen <<

Genau das ist es, was Hochmair auch besonders fasziniert: "Die Internationalität: Wir haben Mitarbeiter aus aller Welt." Hochmair ist auch stolz darauf, "dass wir mit dieser Idee, die auf der Uni entstanden ist, wirklich zu einem global agierenden Unternehmen geworden sind und sehr vielen Leuten zu einer erkennbar verbesserten Lebensqualität verholfen haben. Und damit können wir auch noch Mitarbeiter beschäftigen und Umsatz wie Gewinn machen."

Wenn etwas weitergeht, dann ist Hochmair in ihrem Element. Wenn dagegen "Zeit sinnlos vertrödelt wird", wird sie ärgerlich. Doch in der Firma, die als eine der wenigen in der Branche qualitätszertifiziert ist, wird nicht viel getrödelt. 40 F-&-E-Mitarbeiter sind mit 30 Zukunfts-Entwicklungsprojekten beschäftigt. "Es gibt noch so viel zu tun", sagt Hochmair. Sie denkt dabei an die Entwicklung anderer Neuroprothesen, die menschliche Nerven stimulieren können, und damit nicht nur im Bereich Hören eine Heilhilfe sein können.

>> Chancen in Nischen <<

Hochmair will auch in Tirol noch einiges bewegen. Es wäre schön, wenn sich junge Medizintechnik-Firmen stärker zusammenschliessen könnten, sagt sie, die sich auch im "Cluster Medizin Tirol" engagiert. Denn dort seien genau die Chancen Österreichs: In hochspezialisierten Nischen Weltspitzenleistungen zu erbringen und in diesen Bereichen dann global zu agieren. Doch junge Firmengründer bräuchten hier die Hilfe eines Netzwerks. Gerade in der Phase zwischen Prototyp-Erstellung und Vermarktung drohe sonst viel Zeit verlorenzugehen.

Diese Meinung vertritt sie auch im Rat für Forschung und Technologieentwicklung. Für den wurde sie vor kurzem nicht nur als Forscherin nominiert, sondern auch als Repräsentantin der mittelständischen Unternehmen.

>> Zur Person <<

Geburtsdatum: 17. Jänner 1953

Familienstand: verheiratet, vier Kinder (sieben bis 19 Jahre alt)

Berufsausbildung: Matura in Wien, Studium der Elektrotechnik an der TU Wien und in Karlsruhe, Assistentin am Institut für allgemeine Elektrotechnik und Elektronik in Wien

Karriere: Selbständig seit 1989, sie hält 51 Prozent an ihrem Unternehmen Med-El, 49 Prozent besitzt Ehemann Erwin.

Bevorzugte Urlaube: Club-Med-Urlaube rund um den Globus

Auto: 7er-BMW

Was sie ärgert: "Wenn Zeit sinnlos verplempert wird"

Bildtext: Grösster Flop: "Die Partnerschaft mit 3M war der grösste Fehler meines Lebens"

Grösste Stärke: "Ich bin ein sehr zielstrebiger Mensch"

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

Mehr aus dem Web

WERBUNG

Kommentare

0 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500