13.08.2014, 04:03  von Nina Dos Santos

Russland trifft sicher ins Ziel

Mit dem Westen hat Russland schon länger ein Hühnchen zu rupfen. Da letzte Woche ein Einfuhrverbot für Früchte, Gemüse sowie Milch-und Fleischprodukte verhängt wurde, scheint die Lage nun zu eskalieren. Betroffen vom sofortigen Importstopp sind neben den USA und sämtlichen EU-Staaten auch Australien und Kanada.

Mit dem Boykott westlicher Lebensmittel zielt Russland bewusst auf die europäische Landwirtschaft ab-seit den Gründungsverträgen ist diese bis heute ein Schlüsselsektor der Europäischen Union. Die Subventions-und Interventionspolitik der EU ist nicht nur in der Region, sondern auch weit über deren Grenzen hinweg immer wieder ein Reizthema.

Unter der Führung Frankreichs hatte man während der Mangelversorgung nach dem Krieg durch die gemeinsame Agrarpolitik der damaligen Europäischen Gemeinschaft eine Möglichkeit gefunden, Exporte zu subventionieren; später konnte man so auch Nicht-EU-Länder wie beispielsweise Russland auf den Geschmack europäischer Erzeugnisse bringen.

Zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, der die Region jahrelang von EU-Waren abgeschnitten hatte, ist Russland inzwischen nach den USA der zweitgrößte Konsument der Europäischen Union und nimmt jährlich Lebensmittel im Gegenwert von etwa neun Milliarden € ab.

Unternehmen aus dem Westen haben in Russland im großen Stil investiert. Firmen wie der dänische Brauereikonzern Carlsberg oder die Coca-Cola HBC machen inzwischen ein Drittel ihres Umsatzes in Russland. Während die EU-Beamten die genauen Auswirkungen auf den Nahrungsmittelmarkt Europas zu erfassen suchen, kann man sich gut vorstellen, wie derweil die Firmenchefs der größten Unternehmen alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um den zu erwartenden Absatzrückgang auszugleichen.

EU muss eingreifen. Europas Agrarpolitik könnte auch den Mitgliedstaaten teuer zu stehen kommen, sollten die russischen Sanktionen ein ganzes Jahr lang oder sogar noch über diesen Zeitraum hinaus in Kraft bleiben. Warum? Wenn das Einfuhrverbot Russlands zu einem Überangebot an Nahrungsmitteln auf dem Markt führt, wäre die EU eventuell gezwungen, Überschüsse aufzukaufen, um das Einkommen der Landwirte zu sichern. Beim Einfuhrverbot für Nahrungsmittel, bei dem Russland auf den Agrarsektor der EU abzielt, serviert das Land jedoch nur einen Gang eines Menüs, das weitere schädliche Auswirkungen auf eine Vielzahl von Branchen haben könnte.

Mit weiteren gezielten Maßnahmen könnten EU-Länder auf unterschiedliche Art und Weise getroffen werden, was wiederum die Möglichkeit schafft, wirtschaftliche Interessen der Einzelstaaten und vermeintlich gemeinsame Ziele der EU gegeneinander auszuspielen.

Dennoch hat Russland bislang noch nicht die ultimative Waffe als Reaktion auf die westlichen Sanktionen gezogen: Rohstoffe und Energie. Die Gaslieferungen nach Europa zu drosseln würde die Wirtschaftsmacht Deutschland enorm gefährden. Gleichzeitig würden Importbeschränkungen für Fahrzeuge und Fahrzeugteile der Automobilbranche Schaden zufügen, die inzwischen stark auf Russland als Absatzmarkt ausgerichtet ist.

Doch nicht nur die als Vergeltungsmaßnahmen eingesetzten Einfuhrverbote Russlands könnten Uneinigkeit zwischen einzelnen EU-Mitgliedern schaffen.

Nicht alle spielen mit. Im Westen beschlossene Sanktionen gegen den Finanzsektor Russlands bedrohen den Finanzplatz London, wo man sich bereits eine Strategie zurechtgelegt hat, um sich vor möglichen Einmischungsversuchen Brüssels zu schützen. Zur gleichen Zeit zeigte sich der französische Präsident Hollande verärgert über die Kritik westlicher Partner, die ihn aufforderten, die Auslieferung von Kriegsschiffen in Milliardenhöhe an Russland zu stoppen.

Sämtliche Handlungen, bei denen nach dem Motto "Wie du mir, so ich dir" vorgegangen wird und die wir zwischen Russland und dem Westen schon oft beobachten konnten, heben sich in den meisten Fällen gegenseitig auf. Russland gab bereits bekannt, andere Lebensmittelhersteller wie Brasilien auf dem russischen Markt zulassen zu wollen, um mögliche Engpässe zu vermeiden. Doch es wird Zeit und Mühe kosten, bis neue Handelsbeziehungen aufgebaut sind und die Waren in den Supermarktregalen liegen.

Starker Tobak für den EU-Agrarsektor-aber auch für Russlands Bürger.

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2014-08-13)

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