08.02.2002, 00:00  von Verena Kainrath

Stiefelkönig: Sanierer Grossnigg gibt Schritt vor

Verena Kainrath

Hohe Verluste und sinkende Geschäfte zwingen den Konzern zu einem harten Sanierungskurs. Delka wurde mit Stiefelkönig fusioniert, zwei Geschäftsführer steigen aus, das Filialnetz wird bereinigt.

Graz. Knalleffekt bei Stiefelkönig: Der angeschlagene Schuhhändler hat den Sanierungsexperten Erhard Grossnigg an Bord geholt - die bisherigen Geschäftsführer Manfred Herzl und Heinz Steinlechner verlassen die Chefetage. Grossnigg ist seit Jahresanfang Stiefelkönig-Aufsichtsratsvorsitzender. und für die Sanierung der steirischen Unternehmensgruppe verantwortlich. Alexander Herzl und Erich Schneider bleiben operative Geschäftsführer.

"Es gab keinen Streit, aber Interessenkonflikte zwischen Geschäftsführung und Eigentümern", sagt Herzl, und: "Es ist nicht sinnvoll, Firmenchef und Eigentümer gleichzeitig zu sein." Aufgabe von Grossnigg sei es, als neutrale Person zwischen Eigentümern und Geschäftsführung zu vermitteln.

>> 39,8 Millionen Euro Schulden <<

Hintergrund der Neuordnung sind massive finanzielle Probleme des Familienkonzerns. Stiefelkönig wies laut KSV bereits im Jahr 2000 Verbindlichkeiten in Höhe von 39,8 Millionen Euro auf. Das Eigenkapital belief sich auf magere 346.912 Euro, der Bilanzverlust auf mehr als zwei Millionen Euro. Die Geschäftsentwicklung ist laut KSV rückläufig. Der Umsatz 2001: rund 170,8 Millionen Euro. Alle Gläubigerbanken bis auf eine wurden bereits vor zwei Jahren ausbezahlt. Für alle Verbindlichkeiten haftet die Bawag.

In der Branche munkelt man, dass Grossnigg jetzt Partner sucht, die als Manager und Geldgeber bei Stiefelkönig einsteigen. Intern wird erwartet, dass der Konzern vorerst in der Hand der Familien Herzl und Steinlechner bleibt. Langfristig sei ein Einstieg externer Financiers jedoch realistisch. "Alles falsch", betont Herzl, "auch wenn die wirtschaftliche Situation von Konzern und Umfeld derzeit nicht einfach ist - es gibt kein Interesse, das Unternehmen zu verkaufen."

>> Filialen werden durchforstet <<

Fest steht, dass die Restrukturierung des zweitgrössten österreichischen Schuhhändlers bereits voll im Gange ist. Die Aktivitäten des Schuhhandels- und Immobiliengeschäfts - neuer Immo-Chef ist Manfred Herzl - sind ab sofort getrennt. Im Herbst wurde die Delka AG mit der Stiefelkönig SchuhhandelsgesmbH verschmolzen. Die Zahl der Delka-Filialen reduzierte sich um 35 auf 53 Shops. 15 Standorte wurden geschlossen, der Rest in Stiefelkönig- und Turbo-Geschäfte umgewandelt. Die Diskontschiene Turbo wird derzeit umstrukturiert.

Die Luxus-Schuhsparte Palazina (13 Standorte, sieben Millionen Euro Umsatz) bleibt als solche nur an Top-Standorten bestehen. Im Gegenzug feilt Herzl an einem neuen "Wellness-Schuh-Konzept". "Wir planen in den nächsten vier Jahren etwa 30 Standorte dieser Schiene." Aktuelles Ziel ist jedoch, unrentable Filialen quer durch Österreich zu schliessen und lukrativere auszubauen. Personalkürzungen unter den rund 1700 Mitarbeitern plant Herzl nicht.

Der Einstieg Grossniggs wird intern wie vom Mitbewerb als "Schritt in die richtige Richtung" bewertet. "Wir wissen, dass wir uns verändern müssen", meint ein Stiefelkönig-Manager.

Österreichs Schuhhandel stagniert seit Jahren bei rund einer Milliarde Euro Umsatz. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet die Branche ein mageres Plus von ein bis zwei Prozent. Wachstum sei nur mehr über Verdrängung möglich.

>> Der Troubleshooter <<

Erhard Grossnigg gilt als Troubleshooter par excellence. Seit 1985 hat der Wiener Finanzberater bei Funder, Pöls, Kneissl-Dachstein, Raichle und Schneiders Taschen aufgeräumt. 1997 schaffte Grossnigg den Turnaround beim angeschlagenen steirischen Dichtungshersteller Economos. Vor einem Jahr holten ihn die Familien Huber und Rhomberg als Sanierer in die marode Bekleidungsgruppe Huber-Trikot. Im Oktober übernahm er gemeinsam mit Risikofinanzierer top.equity 25 Prozent plus zwei Aktien. Im August vermittelte Grossnigg in einer Blitzaktion über die Value Management Services die vor der Pleite stehende Grazer Peem Fördertechnik an die deutsche Schäfer-Gruppe. Im November rettete er Koloman, Europas grössten Ringbuchmechanik-Hersteller, mit Hilfe britischer Investoren vor dem Zusperren. Derzeit versucht Grossnigg über den REB-Fonds den Grossküchenhersteller Lohberger in Schuss zu bringen.

Bildtext: Stiefelkönig will mit Grossnigg wieder Boden unter den Füssen gewinnen. Die Restrukturierung des angeschlagenen Familienkonzerns ist im Gange

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