22.09.1999, 00:00  von Arno Maierbrugger

Schlupflöcher für Internet-Profis: Datenoasen in der Südsee

Arno Maierbrugger

Eine milde Steuerregelung, günstige Datengesetze und nicht zuletzt Palmenromantik sind die Rahmenbedingungen beim Betrieb eines Offshore-Internet-Providers. Anbieter auf den Eilanden Tonga und Anguilla haben bereits international von sich reden gemacht.

Im Internet rückt die Welt näher zusammen. Nirgendwo deutlicher wird dies in der zunehmenden Bedeutung, die abgelegene Inselreiche wie Tonga im Pazifik, oder Anguilla, eine der Inseln über dem Winde in der Karibik, zu spielen beginnen. Sie sind Heimstätte sogenannter Offshore-Internet-Provider.

Die Idee: Zwar ist das Internet frei, aber in letzter Zeit greifen gesetzliche Bestimmungen immer mehr in den Handlungsspielraum der Anbieter ein. Die USA haben beispielsweise Kryptografie-Software als Kriegsmaterial eingestuft und damit auf die Export-Verbotsliste gesetzt. In Amerika kann somit die beliebte Verschlüsselungssoftware PGP (Pretty Good Privacy) nicht dem Ausland angeboten werden. Über einen Offshore-Internet-Provider aber sehr wohl.

>> Lockere Gesetze <<

Ähnlich verhält es sich mit Software-Angeboten, virtuellen Firmen, Hacker-Seiten und letztlich auch Pornografie. Was im jeweiligen Heimatland des Internet-Anbieters verboten ist, macht aber in einer Datenoase in der Regel keine Schwierigkeiten.

In Tonga profitiert zum Beispiel die Firma V3 Internet Identity Company unter der Web-Adresse www.come.to von der weltweiten Verknappung der Internet-Adressen, indem sie leicht zu merkende Kombinationen wie drive.to, go.to, welcome.to, move.to, fly.to, surf.to oder Ähnliches anbietet. Die Internet-Adresse eines österreichischen Unternehmens lautet dann zum Beispiel nicht mehr www.mycompany.co.at, sondern welcome.to/mycompany: einfach zu merken und für Kunden attraktiv. Einzig die Endung .to weist auf die Basis des Providers auf Tonga hin. Der Anbieter V3 verlangt für diesen Service keine Gebühr, behält sich aber vor, Werbeeinschaltung auf den Kundenhomepages zu platzieren.

Ein weiterer Anbieter in Tonga ist das Tonga Network Information Center (Tonic), zu finden unter der Adresse www.tonic.to. Auch bei Tonic kann man sich eine .to-Adresse sichern. Partnerschaften gibt es mit Internet-Providern aus Japan, Korea, Italien, Schweden, Spanien und Deutschland. Die Endung .to ist bei Tonic der internationalen Firmenendung .com gleichgesetzt, fällt aber nicht unter die Bestimmungen von Core (Internet Council of Registrars, eine Non-profit-Organisation zur Registrierung internationaler Internet-Adressen) und die US-Pläne der neuen Namenshierarchie bei Internet-Adressen. Es gibt Namenserver der Tonic Corporation auf vier Kontinenten einschliesslich Nordamerika, Australien, Europa und Afrika, die die Endung .to unterstützen und schnellen Zugriff auf die Internet-Adresse garantieren.

Für nicht wenige Internet-User, vor allem aus der Hackerszene, spielt auch eine Rolle, dass das Königreich Tonga die Berner Konvention zu Urheberrecht und Markenschutz nicht anerkennt. Die Frage nach Softwarelizenzen und Urheberrecht tritt bei einem Internet-Server, der auf Tonga steht, in den Hintergrund.

Die eingängigen Internet-Adressnamen mit der Endung .to werden von unterschiedlichsten Kunden genützt. Der österreichische Autoclub Customcruisers findet sich zum Beispiel unter drive.to/customcruisers genauso auf Tonga wieder wie die zentrale Homepage der gefürchteten Hackervereinigung Cypherpunks unter cypherpunks.to.

>> Offshore per Web <<

Einer der Daten-Pioniere im britischen Protektorat Anguilla ist der Internet-Desperado Vincent Cate. Von den einfachen Steuergesetzen auf Anguilla animiert wollte Cate dort zunächst eine Internet-Offshore-Bank gründen, entschied sich dann aber für eine Firma namens Offshore Information Sevices Ltd (OIS, Adresse: www.aibs. com.ai). Über OIS kann man nicht nur eine Homepage mit dem Kürzel .ai registrieren lassen, sondern auch einen Web-Shop oder gleich eine "echte" Offshore-Firma gründen. Weiters vertreibt OIS Kryptografie-Software für den Finanzbereich. Wer bei OIS einen Zugang hat, kann mit dem heimatlichen Rechner Programme in Anguilla fernsteuern und dort Daten ablegen.

Alle Transaktionen auf Anguilla werden nur mit einer geringen Verbrauchssteuer belegt, die Gesetze sind liberal. Ausser Pornografie, politischer Propaganda und Betrug ist alles erlaubt, was nicht ausdrücklich verboten ist. Für Bankgeschäfte benötigt man immerhin eine Lizenz.

>> OFFSHORE INFORMATION SERVICES/ANGUILLA <<

Internet Service Provider mit karibischen Freiheiten

Anguilla (Hauptstadt: The Valley, 595 Einwohner), gehört zu den Inseln über dem Winde im Nordosten des karibischen Archipels und ist eine selbstverwaltete britische Kolonie. Den Aussenhandel wickelt die nur 96 Quadratkilometer grosse Insel hauptsächlich mit Grossbritannien, den USA und den Caricom-Staaten ab. Statt einer Reihe unübersichtlicher Unternehmer-Steuern wie anderswo hebt die Regierung in Anguilla nur eine einheitliche Verbrauchssteuer ein, was der Insel zu einem Ruf als Offshore-Bankenparadies verholfen hat. Der Unternehmer Vincent Cate, der ursprünglich eine Offshore-Bank gründen wollte, wendet sich mit seiner Firma Offshore Information Service (OIS) "gegen die zunehmende Internet-Zensur in Ländern wie Frankreich, China, Deutschland und die USA". Per OIS kann man auch eine "virtuelle" Offshore-Firma gründen.

>> NETWORK INFORMATION CENTER/TONGA <<

Pazifisches Datenparadies im Taka-Tuka-Land

Das Königreich Tonga in Ozeanien liegt rund 2000 Kilometer nordöstlich von Neuseeland und misst mit allen 169 Inseln rund 748 Quadratkilometer. Die Hauptstadt Nuku'alofa hat 34.000 Einwohner. Tonga gehört gemäss der weltweit gültigen Zuteilung von Landes-Kürzeln im Internet die Endung .to, was findige Unternehmer auf die Idee gebracht hat, besonders eingängige Internet-Adressen anzubieten. Das Network Information Center auf Tonga, die Tonic Corporation, bietet in Partnerschaft mit europäischen Internetfirmen wie LiveNet (Italien) oder IMC (Schweden, Deutschland, Spanien) eine Registierung mit .to an, die der üblichen Firmenendung .com ebenbürtig ist. Ein weiterer Anbieter ist V3 - The Internet Identity Company, die Domainnamen wie go.to, travel.to, talk.to, listen.to, welcome.to oder come.to international anbietet.

Bildtext: Virtuelle Reise unter Palmen: Tonga bietet attraktive Namenskürzel, in Anguilla kann man eine Offshore-Firma per Web gründen und Web-Shops eröffnen

Offshore Internet: Kein Problem mit Lizenzen und Kryptografie-gesetzen

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

Mehr aus dem Web

WERBUNG

Kommentare

0 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500