08.01.2000, 00:00  von Verena Kainrath

Logistik warnt vor Milliarden-Schäden beim Palettentausch

Verena Kainrath

Alarm der Logistiker: Die ÖBB zieht sich vom Palettentauschpool zurück. Schlechte Zahlungsmoral und organisierte Kriminalität drohen den Palettentausch zu kippen.

Die ÖBB ist aus dem Tauschpool der Österreichischen Studiengesellschaft für Wirtschaftliche Güterbewegung (ÖSWG) ausgestiegen. Grund: Die schlechte Zahlungsmoral der Kunden und Spediteure. Bisher wurden Palettenkauf, -wartung und -kontrolle nämlich fast ausschliesslich mit ÖBB-Mitteln finanziert. Das ist jetzt vorbei. Die ÖBB will von teuren Tauschpoolen und einseitigen Serviceverpflichtungen nichts mehr wissen. Sie verzichtet auf externe Beschaffer und erledigt ihre Geschäfte künftig selbst.

Friedrich Macher, Präsident der Bundesvereinigung Logistik, ist in höchster Alarmbereitschaft: "Finden Industrie, Handel und Logistik nicht bald eine gemeinsame Lösung, drohen durch den Ausfall von Paletten gesamtwirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe." Der Zug-um-Zug-Tausch von Euro-Paletten droht noch in diesem Winter zu kippen. Und daran können laut Macher auch Pool-Alternativen wie die von der Industrie gegründete Arbeitsgemeinschaft Palettenpool nichts ändern. "Kein adäquater Ersatz", urteilt Macher. "Es kann nicht sein, dass nur die Industrie die Zügel in der Hand hält."

>> Viele schwarze Schafe <<

Anlass für die Katastrophenstimmung gibt nicht nur der Rückzug des Hauptsponsors ÖBB. Fest steht: Im Palettentausch herrschen eklatante Missstände. Zahlungsunmut, organisierter Diebstahl und Schwarzimporte stehen an der Tagesordnung.

"Es grassiert das Prinzip des schwarzen Peters. Dem schwächsten Glied in der Kette - meist Lieferant oder Spediteur - werden die Kosten unterschoben", sagt Ralf Ringler, Geschäftsführer des Palettenvermieters Chep Österreich GesmbH. Österreichweit sind geschätzte 2,5 Millionen Euro-Paletten im Umlauf. Etwa 15 Prozent sind nach jedem Umlauf reparaturbedürftig. Die Kosten für die Wartung werden einem "schwachen Opfer aufgedrückt". Elmar Wieland, Vorstand der Schenker & Co AG, spricht von Millionenbeträgen, für die Speditionsbetriebe jährlich aufkommen müssen. "Eine Palette ist ein notwendiges Verpackungsübel. Zahlen will niemand dafür."

Spielregeln zur fairen Kostenaufteilung existieren, werden jedoch sehr oft nicht eingehalten. "Schwarze Schafe sind vor allem grosse Handelsketten wie Billa, die ihre Machtposition bewusst ausspielen", so ein Insider. "Ein Spiel der freien Kräfte", urteilt Ringler. "Jeder macht das absolute Minimum und noch weniger."

Zur schlechten Zahlungsmoral kommt organisierter Diebstahl: Mehrere Millionen Paletten verschwinden jährlich unbemerkt aus den Lagern der Unternehmen. Sie verschwinden in den Lagern der Kunden oder wandern über den Schwarzmarkt zurück ins Geschäft, wissen Branchenkenner. Der finanzielle Schaden sei enorm, Sicherheitsvorkehrungen aufwendig und kostspielig.

Probleme gibt es auch mit schadhafter Billigware aus Osteuropa: 300.000 bis 400.000 unkontrollierte Paletten kommen jährlich illegal über die ungarische Grenze nach Österreich. "Der europäische Markt wird mit schlechter Ware geradezu überschwemmt. Für rigorose Kontrollen gibt es jedoch keine Unterstützung aus der Wirtschaft. Wir stehen auf verlorenem Posten", bedauert Wolfgang Mayer, Güterverkehr-Verantwortlicher bei der ÖBB.

>> Faire Kostenverteilung <<

Friedrich Macher schlägt jetzt eine faire Verteilung der Kosten vor. "Wer den Nutzen am Palettentausch hat, soll auch zahlen. Wartung und Neukauf können nicht wie bisher auf dem Buckel der Logistik landen."

Elmar Wieland ist derselben Meinung: "Leistungen, die man erhält, müssen auch bezahlt werden." Ziel sei es, Industrie und Handel stärker in die Instandhaltung und Neubeschaffung von Paletten einzubinden. Vorbild ist Deutschland: Paletten-Kunden werden hier bereits kräftig zur Kassa gebeten.

Während es am österreichischen Palettenmarkt bereits kräftig kracht, beginnt auch der internationale Austausch von Paletten zu wackeln. Für Otto Hatina, Präsident des Europäischen Palettenpools, ist das Ende des europäischen Palettenpools nur eine Frage der Zeit. "Wenn eine zentrale Bahn - die Deutsche Bahn zum Beispiel - aussteigt, wird der internationale Ausgleich sicherlich nicht mehr funktionieren", ist Hatina überzeugt.

Derzeit werden die Paletten ein Mal im Monat über ein internationales Dach via Gegenrechnung getauscht. Transport und Wartung erledigt die Bahn. "Ein reiner Dienst am Kunden. Im Grunde zahlen wir als ÖBB dabei nur drauf", sagt Hatina.

>> Chance für Vermieter <<

Parallel zum europäischen Palettentausch läuft das Modell der Palettenvermietung. Chep und La Palette Rouge, beide internationale Outsourcing-Unternehmen, vermieten Paletten aus einem gemanagten Pool. In Frankreich, Spanien und Portugal sind Chep-Paletten sogar schon Marktführer.

Europaweit betreut Chep mehr als 6000 Kunden. Der Marktanteil der Firmen Chep und La Palette Rouge in Österreich wird zwischen fünf und zehn Prozent geschätzt. Kippt das Modell des Palettentausches, verspricht sich Chep-Geschäftsführer Rolf Ringler auch in Österreich kräftige Zuwächse. "Die Chance, alternative Dienstleistungen anzubieten, steigt damit gewaltig."

>> Palettentausch <<

Die Spielregeln sind einfach: Getauscht werden dürfen nur gleichwertige Paletten. Wird nicht Zug um Zug getauscht, verrechnet das Logistikunternehmen eine Gebühr von bis zu 14 Schilling. Jeder Beteiligte ist verpflichtet, schadhafte Paletten auszusortieren und zu ersetzen. Beim internationalen Austausch erfolgt der Ausgleich ein Mal im Monat. Anstelle des Zug-um-Zug-Tausches wird gegenverrechnet. Ein Vorteil des Tauschmodells: Es gibt keine Leerfahrten.

>> Palettenmiete <<

Die Palette wird nicht wie beim Tauschmodell im Pfandsystem vergeben, sondern über einen Eigentümer vermietet. Der Palettenvermieter übernimmt Rückholung, Wartung, Bereitstellung und Verteilung. Die Kosten für das Outsourcing setzen sich aus einer festen Ausgabepauschale, einer Mietrate pro Tag und einer fixen Versandgebühr zusammen. 98 Prozent des österreichischen Lebensmittelhandels - mit Ausnahme von Hofer - akzeptieren bereits das Mietsystem.

Bildtext: Friedrich Macher: "Wer den Nutzen hat, soll auch zahlen"

Friedrich Macher, Präsident des österreichischen Logistikverbandes, befürchtet milliardenschwere Schäden, wenn Industrie, Handel und Logistik nicht bald eine gemeinsame Lösung für das Palettenproblem finden

Schenker-Chef Elmar Wieland: "Paletten sind notwendige Verpackungsübel. Zahlen will niemand dafür"

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