-0,00%
28.08.2012, 15:50 von Hans-Jörg Bruckberger
Irgendwie kommen wir mal wieder auf einen Kommentar-Beitrag zu sprechen, der schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber eine bemerkenswerte Geschichte aufzuweisen hat.
Die da wäre: Als genervter Ikea-Kunde schrieb man sich einen gewissen Frust von der Seele. Doch wohin damit? Für die Zeitung nicht wirklich passend, wurde das Ergebnis kurzer Hand online gestellt, auf unsere Homepage allerdings derart unpopulär platziert (danke Harry!), dass der Autor gleich wieder genervt war ;-(
Und dann geschah folgendes: Das Ding mit dem Titel „Neulich bei Ikea..." entwickelte ein Eigenleben, fand trotz allem seine Leser und derer nicht zu knapp. Es fand obendrein enormen Anklang, provozierte viele, meist zustimmende Kommentare von Lesern ;-)
In der Folge wurde der Autor sogar auf der ein oder anderen Veranstaltung darauf angesprochen, darunter von einem Private Banker. Auch die kaufen, wie sich herausstellt, mitunter bei Ikea ein und machen dann ähnliche Erfahrungen.
Zeitsprung: Warum also nicht derartiges in einem Blog institutionalisieren? Und regelmäßig berichten, was man so erlebt in der Wirtschaft...
Womit wir in der Gegenwart angekommen wären. Und unseren neuen Blog präsentieren. Zur Einstimmung noch mal das Einkaufserlebnis bei Ikea, zumal das ja immer noch aktuell ist...
P.S.: Die nächsten werden kürzer - versprochen!
In der „Fundgrube" finden wir ein Doppelbett um 70 Euro, 160 cm breit, genau was wir brauchen. Auf Anfrage stellt sich heraus, dass man diese komplett aufgebauten Ausstellungsstücke seit Neustem nicht mehr im Markt zerlegen darf, sondern erst nachdem man die Kassa passiert hat. Also fahren wir mit dem 2 mal 1,6 Meter-Ding am Wagerl durch den Markt und schlussendlich die Kassa. Verrückt! Aber was tut man nicht alles für ein derartiges Schnäppchen.
Dann geht der Spaß weiter bzw. eigentlich erst so richtig los: Wir müssen das Bett zerlegen. Ein Ikea-Mitarbeiter gibt mir dafür einen dieser „Spielzeug-Werzeugkoffer", die man auch kaufen kann. Dort ist nicht viel drinnen, jedenfalls nicht der 13er Schraubenschlüssel, den ich, wie mein geschultes Auge gleich erkennt, unbedingt brauche. Dafür interessanter Weise ein Hammer! Also verlange ich einen solchen Schlüssel und ernte Unverständnis und Ratlosigkeit: „Einen Schraubenschlüssel haben wir nicht", meint der nette Junge, der mich anscheinend gut kennt, da er mich „dutst".
Wegen meiner Hartnäckigkeit geht er auf die Suche und kommt nach ein paar Minuten tatsächlich mit dem gewünschten und auch wirklich benötigten Werkzeug aus dem Lager heraus. Hurra: Ich kann loslegen! Ich zerlege also das Bett, lade die immer noch sperrigen Teile auf mein Wagerl und danach in mein Auto, was ziemlich schwierig ist. Zu Hause wird dann ausgeladen und wieder aufgebaut.
Am nächsten Tag baue ich den dazugekauften Lattenrost zusammen. Doch als ich diesen dann aufs Bett lege, erlebe ich eine Überraschung: Er passt nicht. Der Grund ist schnell gefunden und nach einer Messung auch belegt: Das Bett ist 1,8 Meter breit!
Jedem seine Nummer
Was jetzt kommt, ist wenig erfreulich: Bett wieder zerlegen, ins Auto einschlichten, Rechnung für 1,6 Meter einstecken und vor allem wieder auf in die SCS. Dann: Allein die Parkplatzsuche ist nervenaufreibend. Nicht nur, dass es keinen gibt (schon gar keinen halbwegs in der Nähe des Eingangs), stelle ich fest, dass die parkplatzsuchende Konkurrenz stehenbleibt, sobald jemand mit einem noch so vollen Einkaufswagen vor seinem Auto stehen bleibt. Dann wartet dieser fiese Konkurrent glatt zehn Minuten, bis derjenige alles eingeladen hat. Und damit bin ich (und viele andere) dann blockiert und stehe am Ikea-Parkplatz im Stau.
Egal. Irgendwann schaffe ich es und stürme zum Rückgabe-Schalter. Ich will gerade anfangen meine Geschichte von dem falschen Bett zu erzählen, da unterbricht mich mein Freund am Schalter und stellt mir eine Frage: „Wo ist deine Nummer?" „Welche Nummer?" kontere ich schon leicht genervt. „Na die, die man sich dort vorne ziehen und dann warten muss bis man aufgeraufen wird. Was glaubst du, worauf die ganze Leute hier warten?" Ich schau mich um und merke erst jetzt, dass rundherum Menschen sitzen und offenbar darauf warten, dass sie in der Causa ihres eigenen Garantie/Umtauschfalles vorsprechen dürfen. Hurra!
Ich ziehe mir also eine Nummer und bin jetzt auch einer der Wartenden. Ich habe Nummer 412, am Bildschirm scheint gerade einmal die Nummer 398 auf. Und so warte ich. Und warte. Und warte. Und warte immer noch. Irgendwann schaue ich mal wieder auf den Monitor und sehe Nummer 410. Na toll, bald hab ich's geschafft. Von wegen! Nummer 410 dürfte ein schwieriger Fall sein, denn der hält den jungen Mann am Schalter ganze 20 Minuten auf. In Summe warte ich nun schon etwa eine dreiviertel Stunde, gefühlt sind es freilich mehrere Stunden. Und ich beginne mich wirklich zu ärgern, zumal von insgesamt fünf oder sechs Umtauschschaltern ein einziger besetzt ist. Meine Kinder sind auch schon längst unruhig und lang genug im „Wartesaal", um ihren Aktionsradius auf ein für mich sehr unangenehmes Ausmaß vergrößert zu haben und sie werden immer lauter und überdrehter. Jetzt gehen mir die Nerven durch und ich fange an, mich halblaut aufzuregen.
Noch ein Freund
Plötzlich die Stimme eines Mannes: „Hans-Jörg Bruckberger?" Darauf ich: „Ja, das stimmt." Und schon rattert mein Gehirn: Woher kenn ich den? Ein alter Schulkollege? Ein Studienkollege? Er erlöst mich prompt: „Ich kenne Sie von ihrem Kommentar-Bild aus dem WirtschaftsBlatt. Das ist aber schon älter, oder?" Ich erwidere: „Nein, eigentlich nicht." Darauf er: „Aber Sie sind jetzt doch schon grau an den Schläfen". „O.k., ein, zwei Jahre mögen schon vergangen sein." Sehr nett, denke ich. Aber wenigstens bin ich offenbar berühmt. So fühlt sich also Brad Pitt, wenn er einkaufen geht.
Die restliche Wartezeit wird durch das folgende Gespräch angenehm verkürzt. Es stellt sich heraus, dass dieser Herr ein treuer Leser unseres Blattes, vor allem aber unserer Analysen ist. Und er beginnt ein kurzes Gespräch über Aktien. Schlussendlich gesteht er, dass er früher viel spekuliert habe, aber jetzt lässt er die Finger davon, weil er sich in der Krise doch die Finger verbrannt hat. Ich sage: „Ja, wenn's so einfach wäre, würden wir beide jetzt nicht beim Ikea stehen." Guter Witz. Galgenhumor. Auf Wiedersehen!
Endlich bin ich dran. Wenigstens ist der Ikea-Mitarbeiter einsichtig und macht keine Probleme beim Umtausch. Und siehe da - was für ein Glück: Das gleiche Bett in den von mir benötigten Massen gibt es auch noch als Ausstellungsstück! Freilich heißt das, dass ich auch dieses wieder zerlegen muss. Woraufhin folgender Dialog entsteht: Ich: „Ich brauchen einen 13er Schlüssel". Der „Schwede": „So etwas haben wir nicht." Ich: „Oh doch, der muss irgendwo dort links hinten liegen."
Ein paar Minuten später kommt er damit zurück und ich werke wieder, lade alles auf ein Wagerl, dann in mein Auto, dann in mein Haus. Dann baue ich es wieder auf. Und dann denke ich, dass ich eigentlich unschuldiger Weise sehr viel Zeit investieren musste und Ikea nicht. David gegen Goliath, doch hier ist der Kleine chancenlos. Und meine Frau sagt: „Was willst um diesen Preis?" Gute Nacht!

Hans-Jörg Bruckberger
Studium der Politikwissenschaft und Publizistik an der Uni Wien, sowie Political Science an der University of California, Los Angeles (UCLA)
Wollte aus unerfindlichen Gründen schon immer (seit dem Volksschulalter) Journalist werden
Journalistische Tätigkeit beim Österreichischen Wirtschaftsverlag für verschiedene Fach- und Branchenzeitschriften (u.a. ÖFZ)
Redakteur für Wirtschaft und Politik (zeit- und aushilfsweise und ohne jegliche Affinität (!) sogar Horoskope ;-)) bei der Tageszeitung Täglich Alles
Redakteur und später Ressortleiter Finanzen & Börse beim WirtschaftsBlatt
Kommentare
0 Kommentare