25.06.2012, 06:23  von Wolfgang Tucek

„Strom wird um 25 Prozent teurer“

Bild: Wirtschaftsblatt/Elke Mayr

Interview. E-Control-Chef Walter Boltz über Energiewende, Stromhandel und die EU.

WirtschaftsBlatt: Wie wird sich die Energiewende auf den Strompreis auswirken?

Walter Boltz: Der massive Netzausbau, den wir aufgrund der Erneuerbaren machen, verursacht natürlich beträchtliche Extrakosten. Das betrifft besonders Deutschland und angrenzende Länder, wo beim Ausbau ein gewisser religiöser Eifer herrscht. Diese Kostensteigerung wird auf die Netzkunden umgewälzt.

Wird es auch für die Energieversorger teurer?

Die Netze zahlen immer die Stromkunden. Bei einem kontinuierlichen Ausbau war das kein Problem. Kraftwerke wurden dort gebaut, wo Strom benötigt wurde. Das höhere Stromvolumen trägt dann die Mehrkosten. Doch wenn Sie zur Stromversorgung Bayerns einen Windpark in der Nordsee bauen, steigen die Leitungskosten ernorm. Früher mussten Sie den Strom 150 Kilometer leiten, jetzt sind es 1200 plus Offshore – das ist je nach Meeresboden ein Kostenfaktor mal drei oder zehn.

Wie geht der Ausbau der Windparks im Meer voran?

Die Firmen haben teilweise Schwierigkeiten, langfristige Finanzierungen für ihre Offshore-Anlagen zu bekommen. Denn es hat sich herausgestellt, dass die Anbindung der großen Windparks fast nicht versicherbar ist. Meist sind drei, vier davon mit je 400 Megawatt durch eine Leitung mit dem Festland verbunden. Wenn diese Leitung ausfällt, hat der Windparkbetreiber nach deutscher Rechtslage ein Recht auf Kompensation. Der bekommt sein Geld, egal ob er Strom liefert oder nicht. Und die Reparatur einer Unterwasserleitung dauert im Idealfall vier Wochen, bei stürmischer See auch ein paar Monate. Für diese Zeit müsste die volle Gage für das theoretische Erzeugungsvolumen gezahlt werden – dieses Risiko will keine Versicherung übernehmen.

Kann sich so ein Offshore-Windpark jemals rechnen?

Eher nein. Die Kosten sind mehr als doppelt so hoch wie die üblichen Einspeisetarife. Zudem müssen Gaskraftwerke als Backup gefördert werden. Weil sie wegen der Wind- und Photovoltaikanlagen nicht mehr ausgelastet sind, erhalten sie sogenannte Kapazitätszahlungen. Denn wenn eine Woche kein Wind geht, wollen die Leute trotzdem Strom haben.

Wie wirkt sich der deutsche Atomausstieg auf die Strompreise in Österreich aus?


Wenn die Deutschen ihre Energiewendenmaßnahmen so weiterziehen, verursacht uns das rund 150 bis 200 Millionen € Mehrkosten pro Jahr.

Um wie viel wird der Strompreis durch die Energiewende in den nächsten Jahren steigen?

Wahrscheinlich schon 25 Prozent. Da addieren sich viele Einzelkomponenten auf. Das Ökostromförderregime in Österreich kostet etwa 350 bis 400 Millionen € im Jahr. Dann kommen wie gesagt der Netzausbau und die Reservekraftwerke dazu – das wird für alle eine teure Sache.

Erreichen wir mit unseren ­Investitionen wenigstens unsere Ziele? Zum Beispiel minus 80 Prozent CO2 bis 2050.

Das ist eine Fantasiezahl. Witzig ist, dass wir in Europa mit unseren Klimaschutzzielen einen Weg verfolgen, der nicht unbedingt so erfolgsträchtig ist. Wir investieren beträchtliche Fördermittel, haben aber einen steigenden CO2-Ausstoß.

Wirklich?

Ja, Europa hatte im Vorjahr 2,5 Prozent mehr CO2-Ausstoß, als 2010, während die USA zum ersten Mal seit längerem einen geringeren CO2-Ausstoß hatten.

Woran liegt das?

Das liegt daran, dass in den USA der Gaspreis aufgrund des Schiefergases sehr niedrig ist. Daher findet ein großflächiger Ersatz von Kohle durch Gas statt. Kohlekraftwerke oder die Verwendung von Kohle für Prozesswärme zahlen sich nicht mehr aus. In Europa haben wir dagegen sehr hohe Gaspreise, in Deutschland ist durch den Kernkraftausstieg eine Versorgungslücke entstanden, die sehr stark durch Kohlekraftwerke substituiert wurde –vor allem sehr viel Braunkohle, weil die lokal verfügbar und daher günstiger ist.

Die Klimachutzziele sind also sinnlos?

Wir sollen schon dorthin kommen, aber wir sollten mehr überlegen und uns mehr Zeit lassen. Es macht keinen Sinn, 1000 Windräder zu bauen, wenn ich dafür keine Leitungen zusammenbringe. Mehr Koordinierung und Planung täten uns gut. Denn im rastlosen Versuch, die unrealistischen Ziele zu erreichen, verursachen wir der Wirtschaft derzeit großen Schaden. Die Maßnahmen sind zum Teil kontraproduktiv und jedenfalls zu teuer.

Erfolgreicher ist die EU offenbar bei der Bekämpfung von Betrug im Stromhandel.


Die Remit-Verordnung ist ein großer Erfolg. Es wird ein EU-weit einheitliches Reporting-System zur Energieregulierungsagentur Acer geben. Alle Geschäfte müssen vorab dort angemeldet werden, damit wird Marktmanipulation und Insiderhandel unmöglich.

Welche Praktiken gab es vor der Energiemarktregulierung?

Beim Insiderhandel konnte man binnen Stunden 500.000 € verdienen, und das war in Deutschland ohne Remit nicht illegal. Wenn Sie wussten, dass Sie morgen ein großes Kraftwerk abschalten, kauften Sie die Megawattstunde zum Beispiel um 20 € ein. Am nächsten Tag stieg der Preis wie das Amen im Gebet auf 60 und sie verkauften wieder.

Und die Marktmanipulation?

Da gab es den Verdacht, dass große Versorger günstigere Kraftwerke abschalten, um den Strompreis künstlich hochzuhalten. Das wurde zwar nie nachgewiesen, E.On und RWE haben ihre Netze im Zuge der Ermittlungen aber freiwillig verkauft. Womöglich haben sie gefürchtet, dass sich doch ein Beweis findet. Ein kleines Scheibchen davon hat auch der Verbund bekommen, die bayrischen Wasserkraftwerke, die E.On ohne diese Geschichte nie verkauft hätte.

Welche Sanktionen können die nationalen Behörden künftig verhängen? Drohen Haftstrafen?

Es muss effektive Sanktionen geben, in Österreich vorraussichtlich Geldstrafen. Die Umsetzung der Remit-Verordnung soll noch vor dem Sommer durchs Parlament. Verstöße werden potententiell auch strafrechtlich verfolgt wie im Handels- und Finanzbereich – bei wiederholten, großen Verstößen sind Haftstrafen nicht ausgeschlossen.

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Wenn die Deutschen ihre Energiewendenmaßnahmen so weiterziehen, verursacht uns das rund 150 bis 200 Millionen € Mehrkosten pro Jahr.

Es macht keinen Sinn, 1000 Windräder zu bauen, wenn ich dafür keine Leitungen zusammenbringe.

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Kommentare

8 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500

In Grossbritannien, geht man schon einen Schritt weiter. Hier wird ueberlegt, Haushalte zu foerdern die sich den teuren Oekostrom nicht mehr leisten koennen. Waer das nicht einen wunderbare neue Foerderschiene?

verfasst am 09:00 26.06.2012

Gast: Itzi meint

Das ist wieder mal eine typische Aussage von Herrn Boltz. Vernichtende Behauptungen, die fern der Realität sind und keine Datengrundlage besitzen auf die er sich beziehen könnte.

Jüngste Studie des IZES bestätigt hingegen, dass Strom aus Erneuerbaren Energien die durchschnittlichen Preise an den Strombörsen um zehn Prozent - in Spitzenlastzeiten sogar um 40 % - senkt.

Selbst vermeintlich teurere erneuerbare Erzeuger helfen mit, denn sie drängen die teuersten aus dem Markt (Merit-Order-Effekt).

verfasst am 08:09 26.06.2012

Gast: Gast meint

Herr Boltz sagt nichts über Alternativen. Klar ist Strom aus abgeschriebenen Atomkraftwerken, welche so lange betrieben werden, bis sie abfackeln, billiger als aus Erneuerbaren. Das selbe gilt für BraunkohleKW. Das Risiko für Atomunfälle und Klimawandel tragen alle.
In Wahrheit wird jetzt massiv gegen Erneuerbare interveniert, weil der Strom nicht zu teuer ist, sondern an der Börse durch Erneuerbare billiger geworden ist, die Stromkonzerne also weniger Geschäft machen.
Ich brauche in Zukunft einen Arbeitsplatz und eine lebenswerte Umwelt, dann kann ich mir auch einen Strom leisten, der 25% teurer ist. Dieses Ziel kann mit Erneuerbaren viel besser erreicht werden.

verfasst am 17:23 25.06.2012

Gast: Rex meint

Hr. Boltz lässt keine Gelegenheit aus gegen Erneuerbare Energien zu polemisieren. Es werden dabei von ihm stets Behauptungen aufgestellt, ohne irgendeinen Verweis auf Studien oder sonstige objektive Untersuchungen.
Würde Hr. Boltz hier objektiv berichten - was eigentlich seine Aufgabe wäre - so könnte er nicht immer wieder behaupten, dass Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen automatisch zu mehr Netzbelastung und zum Ausbau von Hochspannungsleitungen führt. Ob Hochspannungsleitungen gebaut werden müssen hängt einzig und allein davon ab ob die Stromversorgung zentral oder dezentral erfolgt. Photovoltaik ist z.B. ein wunderbares Beispiel einer dezentralen Energieerzeugung. Mittel Photovoltaik werden die Hochspannungsnetze sogar im Schnitt entlasten und zu KEINEM Zeitpunkt belasten. Der Strom der lokal erzeugt wird muss nicht von weit entfernten Kraftwerken angeliefert werden.
Dass das so ist, habe ich jedoch von Hrn. Boltz noch nie gehört.

verfasst am 14:47 25.06.2012

Die einzige vernünftige Maßnahme gegen diesen geplanten Abzock-Wahn nennt sich Einsparkraftwerk.
Anmeldungen und weitere Informationen über diese weltweit einzigartige gratis-Aktion in Graz unter:
www.einsparkraftwerk.at

verfasst am 12:55 25.06.2012

Gast: Jörg meint

Kürzlich hat ein EON Vorstand (Deuter E-Versorger) erwähnt dass der Ausbau der 380kV Leitung von Kaprun bis Passau dazu dient die norddeutsche Windenergie und die Solarenegie in Kaprun zu speichern und dann bei Bedarf für das deutsche Netz wieder abzurufen!

Was haben wir Österreicher davon? Neue gräßliche 380kV Leitungen die wir noch selber zahlen müssen! Dder Verbund kassiert von den EON hohe Preise für diesen Dienst, bei uns wird dieser Ausbau aber auf den Strompreis der Österreicher aufgerechnet! Trennt endlich die Netze von den Erzeugern, sonst wird doppelt und dreifach abkassiert! Die E-Control ist Teil dieses Abzocksystems und kein unabhängiger Regulator!

verfasst am 12:47 25.06.2012

leider gibt es noch genug menschen, die an diesen schwachsinn glauben. die werden auch noch aufwachen. dann ist es aber zu spät. die ganze subventionitis macht nur alles teurer und bringt überhaupt nichts.

verfasst am 10:24 25.06.2012

Nun ist es heraus. Die Grünen bringen explodierende Strompreise, die der Kleinverdiener nicht mehr zahlen kann. Die erneuerbaren Energien sind derselbe Ökoschmäh wie die sogenannten Bioprodukte. Sauteuer und ein wirtschaftlicher Rückschritt. Jedenfalls ein wirtschaftlicher Vorteil für jene Länder, die der Gutmenschenlobby noch nicht aufgesessen sind.

verfasst am 08:30 25.06.2012

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