16.05.2014, 07:15  von Stefan Gutbrunner 

Wer sind die Gläubiger der Republik Österreich?

Ich habe unlängst über die Rekordverschuldung der Republik Österreich und den Handlungsbedarf, der sich daraus für die heimische Politik ergibt, berichtet. Im kommenden Jahr erreicht die öffentliche Verschuldung nach Angaben des österreichischen Finanzministeriums mit 79,2 % des Bruttoinlandsproduktes ihren Zenit, die Europäische Kommission geht in ihrer jüngsten Frühjahrsprognose sogar von 80,3 % aus. Nie war die öffentliche Verschuldung nach relativen wie absoluten Zahlen (241.963.002.045 € am 15.5.2014 um 13:33) höher.

Bild:

(Quelle: Eurostat/EZB, Staatsverschuldung vor Hypo)

Eine aufmerksame Leserin stellte daraufhin die Frage, wer denn nun die Gläubiger der Republik seien. Das ist eine interessante Frage und ihre Beantwortung ist gar nicht so einfach. Tatsächlich wissen viele Österreicher/innen dank der breiten medialen Aufarbeitung über den Schuldenstand bestens Bescheid. Wem wir aber knapp 242 Milliarden Euro schulden ist dagegen nicht bekannt. Wer sind denn nun die Gläubiger der Republik Österreich?

Wem schulden wir das viele Geld?

Im Grunde entsteht die Staatsschuld durch die Emission von Anleihen, mit denen sich die österreichischen Gebietskörperschaften auf dem Rentenmarkt finanzieren. Diese Anleihen werden im Regelfall von der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur begeben und von unseren späteren Gläubigern gekauft.

Die öffentlichen Schulden entstehen je nach Emission entweder beim Bund oder bei den Ländern. Die Bundes- und Landesschulden bilden gemeinsam die gesamtstaatliche Verschuldung, wobei drei Viertel der Gesamtschulden auf den Bund entfallen. Diese Grafik aus dem Bericht des ehemaligen Staatsschuldenausschusses veranschaulicht die Verteilung der Staatsschulden zwischen den Gebietskörperschaften.

Bild:

(Quelle: Fiskalrat, ehemals Staatsschuldenausschuss)

Die von der Bundesfinanzierungsagentur begebenen Anleihen werden auf dem Rentenmarkt von diversen Marktteilnehmern gekauft. Die Käufer der Anleihen leihen dem Staat für eine festgelegte Dauer Geld und erhalten dafür jährlich Zinsen. Die abstrakte und gleichermaßen unbefriedigende Antwort der oben formulierten Frage lautet also: die Gläubiger der Republik sind die Käufer österreichischer Bonds, bei denen sich der Staat durch die Aufnahme von Geld verschuldet.

Wer ist das konkret?

Das Problem bei der Ermittlung der gegenwärtigen Gläubiger ist, dass Anleihen nicht nur auf dem Primär- sondern zum überwiegenden Teil auch auf dem Sekundärmarkt gehandelt werden. Das bedeutet, dass die Anleihen nach der Emission auf dem Primärmarkt permanent auf dem Sekundärmarkt den Besitzer wechseln können. Staatsanleihen werden nämlich nicht nur einmal gekauft und dann gehalten, sondern als Veranlagungsinstrument oder Spekulationsobjekt immer wieder auf dem Markt gehandelt und weiterveräußert. Alle, die auf konkrete Namen gewartet haben, muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Eine Auflistung sämtlicher aktueller Gläubiger des Staats gibt es nicht.

Was es aber gibt, sind technische Daten und Indikatoren zu den Erstkäufern der Anleihen. Diese Daten geben zumindest Aufschluss über jene Körperschaften, die bei der Begebung ihr Geld in österreichische Bonds anlegen. Die Statistiken der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur zeigen also zumindest eine Tendenz in der Struktur der Gläubiger auf.

Bild:

(Quelle: OeBFA, Investor Information, April 2014)

Aus der Tabelle, die sich auf syndizierte Anleihen zwischen 2008 und 2013 bezieht, geht hervor, dass 87% der Erstkäufer österreichischer Anleihen aus Europa stammen. Jeweils 5 % der Schulden werden nach Asien und Amerika verkauft. 3% der Gläubiger kommen aus Afrika oder dem Mittleren Osten. 

Ferner zeigt sich, dass 38% der Gläubiger der Republik Österreich Banken sind. Vermögensverwaltende Fonds halten 27% der österreichischen Anleihen, Versicherungen und Pensionskassen weitere 19%. Zentralbanken und Internationale Organisationen halten etwa 13% der österreichischen Schulden.

Unsere Gläubiger sind also zum überwiegenden Teil europäische Finanzinstitute, private und staatliche Fonds sowie Zentralbanken, die auf der Suche nach einer sicheren Anlage in österreichische Anleihen investieren und diese gegebenenfalls weiterveräußern.

Eine andere Perspektive bieten die Ergebnisse des Fiskalrats, der die Gläubigerstruktur der öffentlichen Verschuldung in dieser Tabelle zusammengefasst hat.

Bild:

(Quelle: Fiskalrat, ehemals Staatsschuldenausschauss)

Im Jahr 2012 (rechte Spalte) waren 73,6% der Gläubiger (ohne auf ihre Art einzugehen) im Ausland vorzufinden. Detaillierter ist der Blick ins Inland. Der österreichische Finanzsektor hält 21,1% der gesamtstaatlichen Verbindlichkeiten (das sind 48 Milliarden Euro), 14,3% davon entfallen alleine die österreichischen Banken (32,6 Milliarden Euro). Auch hier lässt sich feststellen, dass vor allem die nationalen und internationalen Finanzinstitute die Gläubiger der Republik sind.

Es bleiben zwei Erkenntnisse:

  1. Eine aktuelle Liste der Gläubiger gibt es nicht, da Anleihen als Inhaberpapiere ständig den Besitzer wechseln.
  2. In der Regel sind europäische Banken, Fonds, Pensionskassen und Versicherungen die primären Käufer österreichischer Anleihen, was Aufschluss über die gegenwärtige Gläubigerstruktur gibt.

Teil 1: Wie viel Steuern braucht der Mensch?

Teil 3: 8 Milliarden Euro: Wohin fließen Österreichs Zinsen?

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