01.02.2016, 13:42  von Astrid Schuch / Bloomberg

Das 46-Milliarden-Euro-Kalkül von Shell

Der Niederländer Ben van Beurden schmiedet Pläne für die Zeit nach dem Niedrig-Ölpreis / Bild: (c) APA/AFP/BEN STANSALL (BEN STANSALL)

Die Aktionäre stimmen zu: Shell darf den Rivalen BG kaufen. Die Übernahme macht den britisch-niederländischen Konzern zum zweitgrößten Ölmulti der Welt. Ausgehen wird sich die milliardenschwere Transaktion für Shell nur auf lange Sicht – wenn der Ölpreis steigt.

Bei der Hauptversammlung des Ölkonzerns Royal Dutch Shell in Den Haag stimmten 83 Prozent der Aktionäre für die Übernahme des britischen Rivalen BG. Einen Tag später billigten auch die Anteilseigner von BG auf ihrer Hauptversammlung in London die teuerste Fusion in der Branche seit der Jahrtausendwende. 99,5 Prozent sprachen sich dafür aus. Damit schließen sich die Firmen zum 15. Februar zusammen.

Nun steht Shell-CEO Ben van Beurden unter massivem Druck, das Vertrauen der Aktionäre, die seine Übernahmepläne unterstützten, zu belohnen. Leicht wird das sicher nicht: Europas größter Ölkonzern ist an der Börse so wenig wert wie seit über 10 Jahren nicht.

Shells Börsewert verfällt mit dem Ölpreis auf ein 10-Jahres-Tief / Bild: Bloomberg

Der Ölpreis verbilligte sich seit Juni 2014 um 70 Prozent auf zuletzt rund 30 Dollar je Fass – und zieht die Gewinne und Aktien der Ölkonzerne nach unten.

Als der Shell-BG-Deal im April verkündet wurde, hatte das Geschäft entsprechend auch noch einen Wert von 64 Milliarden Euro. Weil Shell aber teilweise mit Aktien bezahlt und deren Kurs kräftig gesunken ist, sind es inzwischen nur noch 46 Milliarden Euro.

Aus dem Zusammenschluss von Shell und BG wird jedenfalls das – nach dem US-Konkurrenten Exxon Mobil – zweitgrößte börsenotierte Ölunternehmen der Welt, größer als Chevron. Dennoch: Der Börsewert der kombinierten Firma dürfte geringer sein, als der Wert, den Shell hatte, bevor der Ölpreis einbrach.

Dividendenrendite von 8 Prozent

Verständlicherweise fragen sich die Aktionäre langsam, ob die Dividende nachhaltig sicher ist. Angesichts des Ölpreisverfalls, der auf die Einnahmen drückt und einer Dividendenrendite von über 8 Prozent - der höchsten seit 20 Jahren - ist anzunehmen, dass die Zweifel berechtigt sind.

Shell-CEO van Beurden muss daher liefern, schließlich hat er alles getan, um die Aktionäre zu überzeugen, dass gerade die BG-Übernahme Europas größtem Ölkonzern helfen wird, die Branchen-Talfahrt zu überstehen – und die Dividende zu sichern.

Mehr zum Thema: Ölpreis im freien Fall – ein Fluch mit Folgen

Analyse: Shell - Ein Dividenden-Fels in der Brandung fallender Ölpreise

Der Manager sieht die Übernahme nämlich als "Sprungbrett", um Shell umzubauen, wie er sagt. So fördert BG viel Öl auf hoher See vor Brasilien. Auch Shell soll mehr Öl und Gas aus der Tiefsee holen. Laut van Beurden wird sich Shell auf größere, günstige Projekte konzentrieren, kleinere Quellen dagegen haben keine Zukunft.

Neben der verstärkten Konzentration auf Tiefsee-Bohrungen ist BG – vormals British Gas – zudem stark beim Geschäft mit Flüssiggas. Hierbei wird Gas nach der Förderung in flüssige Form gebracht und kann dann mit Spezialschiffen transportiert werden – lange Pipelines sind nicht mehr nötig. Damit könnte Flüssiggas, das etwa mit Tankschiffen aus Afrika kommt, die Abhängigkeit Europas von Gas aus russischen Röhren mindern. Shell ist heute schon größter Anbieter von Flüssiggas, baut aber mit dem Kauf von BG den Abstand zum US-Rivalen Exxon-Mobil komfortabel aus.

Van Beurden will außerdem bis Ende des Jahres 10.000 Stellen streichen. Shell beschäftigt 92.000 Menschen, BG gut 5000 – damit fällt etwa jeder zehnte Job weg. Prominentester Abgang wird Helge Lund sein, bisher an der Spitze von BG. Insgesamt sollen durch die Fusion jährlich 3,5 Milliarden Dollar eingespart werden.

Außerdem sollen Unternehmensteile von Shell und BG im Wert von 30 Milliarden Dollar verkauft werden: Raffinerien und kleinere, wenig lukrative Quellen.

"Shell muss zukünftig flexibler und effizienter werden, und sich auf die Cash-Generierung für Aktionäre konzentrieren. Nur so kann Shell mit der brutalen Ölpreis-Realität fertig werden", sagt Chris Wheaton, Analyst bei Allianz Global Investors, und Aktionär, der den Deal unterstützt hat.

Eine Langfrist-Wette

Shells CFO Simon Henry äußert sich konstruktiv: Die Übernahme von BG werde sich immer positiv auf den Cash Flow auswirken – egal, wie hoch oder niedrig der Ölpreis auch sei. Allerdings, ergänzt der Finanzchef, wird der Ölpreis-Verfall von 50 auf 30 Dollar je Fass dazu führen, dass der von Shell/BG erwirtschaftete Cash Flow um etwa 8 Milliarden Dollar jährlich niedriger ausfällt. 

Van Beurden bat die Skeptiker unter den Aktionären um Geduld: Das Geschäft rentiere sich, wenn der Ölpreis in den kommenden Jahrzehnten bei mehr als 65 Dollar liege, sagt er immer und immer wieder. Die Übernahme ist also eine Wette darauf, dass sich die seit Sommer 2014 gefallene Notierung in Zukunft verdoppelt – "ein ganz und gar angemessenes und vernünftiges Risiko", so der Manager. Und was noch wichtiger ist: Es ist keine Wette für ein Jahr, sondern wohl eher auf Sicht von 20 Jahren.

Fakt ist aber auch, dass die Lage für Shell – freilich aber auch für andere Ölkonzerne – umso schwieriger wird, je länger Öl mancherorts günstiger ist als Mineralwasser. Die Chancen stehen indes gut, dass der Rebound nicht 20 Jahre auf sich warten lassen wird.

Günstig wie seit 30 Jahren nicht

Weil sich der Ölpreis seit Juni 2014 um 70 Prozent verbilligte, haben die Ölkonzerne nämlich reihenweise Förderprojekte verschoben oder abgesagt. Shell etwa verbuchte im dritten Quartal 2015 eine Abschreibung von 7,9 Milliarden Dollar auf Projekte in Alaska und Kanada.

Die Unternehmen sparen logischerweise und das geht am einfachsten bei den Investitionen. Die Berater von Wood Mackenzie zählen insgesamt 68 Vorhaben im Wert von 380 Milliarden Dollar, die der niedrigen Ölpreis-Notierung zum Opfer fielen. Ihre Produktionskapazität entspricht der von ganz Kuwait. Und diese enorme Menge an Öl und Gas kommt nun nicht oder verspätet auf den Markt. Das dürfte den Preis über kurz oder lang stützen.

In den Büchern von Shell wird sich das vorerst nicht niederschlagen. Dort klaffen allerorts Löcher. So gibt es Verbesserungspotenzial etwa bei der Profitabilität: Die Rendite auf das investierte Kapital ist so niedrig wie seit 15 Jahren nicht. Noch schlimmer: Sie war zuletzt gar negativ. Shells Kurs-Buchwert-Verhältnis fiel Ende des letzten Jahres erstmals seit 1987 unter 1, wie Daten von Bloomberg belegen. Damit ist die Shell-Aktie gemessen am Buchwert der Assets so günstig wie seit 30 Jahren nicht.

Geschenkt ist noch zu teuer? Die Shell-Aktie so günstig wie seit 30 Jahren nicht / Bild: Bloomberg

Am Donnerstag legt Shell die Bilanz fürs vierte Quartal vor. Laut Unternehmensaussagen wird der Nettogewinn im Jahresvergleich um 42 Prozent geschrumpft sein. Schon im dritten Quartal war der Gewinn so niedrig, wie seit über sechs Jahren nicht mehr. Viel schlimmer kann es also nicht mehr werden. Das Gute ist: Wenn der Ölpreis steigt, sollte Shell gemeinsam mit BG in einer guten Position sein, davon zu profitieren. So günstig wie aktuell wird die Aktie dann aber wohl nicht mehr sein. 

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