04.09.2014, 14:57  von Bloomberg/schu

Die EZB auf dem Weg zur unendlich lockeren Geldpolitik – fünf Fragen an Mario Draghi...

Der Druck auf Mario Draghi wächst – er selbst hat die EZB in Jackson Hole in die Ecke gedrängt / Bild: Reuters

Mario Draghi hat die Anleger wieder einmal auf Aktionen eingestellt. Drei Monate nach der Ankündigung historischer Konjunkturimpulse für die Eurozone signalisierte der Präsident der EZB, dass angesichts des zunehmenden Risikos einer Deflation und der Spannungen mit Russland noch mehr vonnöten sein könnte.

Die meisten Ökonomen erwarten zwar, dass die Währungshüter ihren Leitzins heute unverändert lassen und von breitangelegten quantitativen Lockerungen (Quantitative Easing, QE) absehen. Doch Banken von der Commerzbank bis hin zu Barclays schließen nicht aus, dass sich Draghi einem Kaufprogramm für forderungsbesicherte Wertpapiere (Asset-Backed Securities, ABS) verschreiben könnte.

Alles zur EZB-Entscheidung: Die EZB kauft ABS und schafft den Leitzins ab - beginnt Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber zu werfen?

In der vergangenen Woche hatte die EZB BlackRock als Berater für die Entwicklung eines ABS-Kaufprogramms engagiert, mit dem das Finanzsystem mit zusätzlicher Liquidität versorgt und die Kreditvergabe angekurbelt werden soll. Dennoch: Jetzt zu handeln könnte zu Unstimmigkeiten unter den Ratsmitgliedern führen, die vorsichtig sind, neue Risiken zu übernehmen, bevor Länder wie Frankreich und Italien Wirtschaftsreformen umsetzen. "Wenn die EZB bei der anstehenden Sitzung ein Zeichen setzen will, wird sie wahrscheinlich allgemein ein ABS-Programm ankündigen", sagte Michael Schubert, Ökonom der Commerzbank in Frankfurt. "Unser Basisszenario geht davon aus, dass die EZB in den nächsten 12 Monaten QE ankündigen wird."

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Von den 57 von Bloomberg News befragten Ökonomen rechnen 51 damit, dass die EZB nicht an der Zinsschraube drehen wird. Sechs Volkswirte prognostizieren eine Senkung des Leitzinses um 10 Basispunkte auf 0,05 Prozent, wobei der Einlagensatz um denselben Betrag auf minus 0,2 Prozent fallen würde.

QE or not ...

Die EZB gibt ihre Entscheidung am heutigen Donnerstag um 13.45 Uhr in Frankfurt bekannt und Draghi wird 45 Minuten später eine Pressekonferenz abhalten. Aktien und Anleihen stiegen und der Euro fiel infolge von Spekulationen, dass Draghis Techtelmechtel mit Aktiva-Käufen sich in ernste Absichten gewandelt hat. Bei einer Rede auf dem jährlichen Symposium der Federal Reserve Bank of Kansas City in Jackson Hole, Wyoming, hatte Draghi am 22. August auf einen Rückgang der Inflationserwartungen verwiesen. Dies hatte er zuvor als eine der Voraussetzungen für QE bezeichnet.

"Die Märkte scheinen sich nach Präsident Draghis Rede auf QE vorzubereiten", sagt Antonio Garcia Pascual, Chefökonom für den Euroraum bei Barclays in London. "Wir rechnen weiterhin damit, dass die EZB bis Jahresende warten wird." 

Die Jahresteuerung im Euroraum lag im vergangenen Monat mit 0,3 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 2009 und machte damit nur einen Bruchteil des EZB-Ziels von zwei Prozent Inflation aus. Die Stabsprojektionen an diesem Donnerstag könnten weitere Argumente für neue Schritte liefern. EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny hatte im August angedeutet, dass die Prognosen nach unten revidiert werden.

Im Juni hatte die EZB für 2014 eine durchschnittliche Inflation von 0,7 Prozent vorhergesagt, doch das Niveau wurde nur ein Mal in diesem Jahr überschritten. Zudem dürfte die Wachstumsprognose von einem Prozent für 2014 von der Stagnation im letzten Quartal und einem BIP-Anstieg um 0,2 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres untergraben werden.

"Niedrigere Inflationsprognosen könnten die EZB noch weiter in die Ecke drängen, in die Draghi sie bereits mit seiner Rede in Jackson Hole geschubst hat", sagte Carsten Brzeski, Chefökonom von ING-DiBa in Frankfurt.

Fünf Fragen...

Nachfolgend fünf Themenkomplexe, auf die bei den Erläuterungen von Mario Draghi geachtet werden dürfte.

Ist eine weitere Lockerung auf dem Wege?

Nachdem die EZB ein beispielloses Stützungspaket im Juni angekündigt hat, hatten die meisten Analysten erwartet, dass die Währungshüter sich bis Ende des Jahres mit neuen Maßnahmen zurückhalten. Aber die im zweiten Quartal ins Stocken geratene Wirtschaft, eine schwächere Inflation und die Krise in der Ukraine haben das Bild verändert. Draghi hat diese Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Inflationserwartungen am 22.
August in einer Rede in Jackson Hole, Wyoming, zur Kenntnis genommen und damit den Boden für weitere Stützungsmaßnahmen, einschließlich einer quantitativen Lockerung (QE), bereitet. 

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Sechs von 57 Ökonomen aus einer Bloomberg-Umfrage erwarten nun eine Senkung der Leitzinsen auf 0,05 Prozent vom Rekordtief von 0,15 Prozent im Juni. Im Juli und August hatte kein Ökonom mit einem niedrigeren Zinssatz gerechnet. Draghi sagte im Juni, dass "wir praktisch gesehen das untere Ende erreicht haben", obwohl er für "kleinere" Anpassungen die Tür offen ließ. 

Wird es Veränderungen bei den TLTROs geben?

Die EZB könnte die Konditionen der gezielten längerfristigen Kredite, das Kernstück ihres Pakets vom Juni, attraktiver machen, indem sie den Leitzins senkt oder den Aufschlag, den sie den Banken auferlegen will, fallen lässt, sagen Analysten. Der gegenwärige Plan -- mit dem die Konjunkturerholung über ein Ankurbeln der Kredite gestützt werden soll -- bietet eine Finanzierung zu 0,10 Prozentpunkten über dem Leitzins an. Eine Zinssenkung würde das nach den Worten Draghi bereits "sehr, sehr attraktive Angebot" noch interessanter machen. Die erste Runde der TLTRO-Tender findet diesen Monat statt.

Die Schätzungen zur Inanspruchnahme sind in einer Bloomberg-Umfrage im August gesunken, nachdem sich die Konjunkturaussichten im Euroraum eingetrübt haben.

Was passiert mit der Inflation?

Ein wichtiger Faktor zum Beobachten ist jegliche Veränderung in der Inflationsrhetorik von Draghi in den einleitenden Bemerkungen. Im August sagte er, der EZB-Rat "erachtet sowohl die Aufwärts- als auch Abwärtsrisiken in Bezug auf die Aussichten für die Preisentwicklung als begrenzt und auf mittlere Sicht weitgehend ausgewogen".

Die EZB wird außerdem neue Konjunkturprognosen veröffentlichen. Sie erwartet derzeit, dass die Teuerung sich in den nächsten zweieinhalb Jahren allmählich beschleunigt und von 0,7 Prozent in diesem Jahr auf 1,1 Prozent 2015 und 1,5 Prozent im letzten Quartal 2016 steigen wird.

Die Inflationsrate, die die EZB knapp unter 2 Prozent halten will, liegt seit Oktober unter 1 Prozent und ist im August auf 0,3 Prozent gesunken, den tiefsten Stand in knapp fünf Jahren. In Jackson Hole wies Draghi erneut darauf hin, dass die meisten Faktoren, die die Inflationsrate drücken -- vom Wechselkurs und geopolitischen Spannungen bis zu den Lebensmittel- und Energiepreisen -- vorübergehender Natur seien.

Die Kerninflationsrate stieg im August auf 0,9 Prozent. Dennoch räumte der EZB-Präsident ein, dass "die Risiken für die Preisstabilität zunehmen würden, wenn die Phase niedriger Inflation für einen längeren Zeitraum anhielte", und sagte, dass die Inflationserwartungen "erhebliche Rückgänge aufwiesen".

Kommt die quantitative Lockerung?

Nach der Jackson-Hole-Rede von Draghi, als er zusicherte, dass der Rat "alle verfügbaren Instrumente nutzen wird, um mittelfristig die Preisstabilität zu gewährleisten", sagten Aanlysten von Berenberg bis JPMorgan Chase & Co., das die Wahrscheinlichkeit für großvolumige Aktivakäufe zugenommen habe.

Die meisten Analysten sind der Meinung, dass QE, sofern es geschehen sollte, 2015 kommen werde. Indes prognostizierten Ökonomen von Citigroup im vergangenen Monat, dass die EZB im Dezember ein QE-Programm im Wert von 1 Billion Euro bekannt geben werde. Gleichzeitig bleiben die technischen, politischen und rechtlichen Hürden für Aktivakäufe hoch, insbesondere wenn sie auch Staatsanleihen umfassen.

Die EZB beschleunigt auch die Vorbereitungen zum Kauf von forderungsbesicherten Wertpapieren (ABS). Die Zentralbank hat BlackRock, den weltgrößten Vermögensverwalter, mit der Beratung für ein Programm beauftragt, das zwei Ziele verfolgt, erstens eine Belebung des geschrumpften europäischen Verbriefungsmarkts und die Einführung eines weiteren Liquiditätsinstruments. ABS-Käufe könnten Teil eines größeren QE-Programms sein.

Was hat Draghi den europäischen Staats- und Regierungschefs gesagt?

Der EZB-Präsident hat sich in den vergangenen Wochen mit dem französischen Staatspräsidenten Francois Hollande und dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi getroffen und mit Bundeskanzlerin Angela Merkel telefoniert. Zwar sind derartige Gespräche keine Nachricht an sich, aber sie wurden geführt, nachdem Frankreich und Italien mehr Flexibilität bei den EU-Defizitregeln gefordert haben, was von Deutschland abgelehnt wird.

In Jackson Hole sagte Draghi auch, dass die Fiskalpolitik der Regierungen neben Geldpolitik und Strukturreformen "eine größere Rolle" bei der Unterstützung des Wachstums im Euroraum spielen könnte.

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