12.01.2016, 13:12  von Nadine Schimroszik/Reuters

Rocket Internet zündet nicht – Samwer unter Druck

Oliver Samwer / Bild: Reuters

15 Monate nach dem Börsengang wartet Rocket Internet immer noch darauf, endlich abzuheben. Statt mit seiner Startup-Rakete neue Höhen zu erklimmen, kämpft Firmenchef Oliver Samwer zunehmend mit irdischen Problemen.

Führungskräfte der ersten Stunde suchen das Weite, mit dem Großinvestor Kinnevik gibt es Insidern zufolge Streit, und der Aktienkurs der Berliner Beteiligungsgesellschaft liegt mit gut 23 Euro um mehr als 40 Prozent unter dem Ausgabepreis bei der Emission im Oktober 2014.

Nach Chef-Kommunikator Andreas Winiarski, der den Börsengang entscheidend mit vorbereitet hatte, kehrt im Februar auch die Leiterin der Rechtsabteilung, Franziska Leonhardt, Rocket den Rücken. Laut mit dem Unternehmen vertrauten Personen geht in Kürze auch Vize-Finanzchef Uwe Gleitz. Beide waren Mitglieder des ersten Rocket-Aufsichtsrats, der den Börsengang angestoßen hatte. In Unternehmenskreisen heißt es, die Abgänge beträfen nicht das Kernteam. Leonhardt wie auch Gleitz gingen aus persönlichen Gründen.

Kräftiger Gegenwind

Der Startup-Schmiede Rocket bläst auch an anderen Stellen Gegenwind ins Gesicht. Keine der Jungfirmen schaffte es bislang, dem Vorzeige-Gewächs Zalando nachzueifern. Nacheinander stellte Samwer seine Börsenkandidaten ins Schaufenster - von den Möbelhändlern Home24 und Westwing über den Essens-Lieferdienst Delivery Hero bis zum Kochbox-Anbieter HelloFresh. Doch ein Rückzieher folgte dem nächsten.

Hatte Westwing noch frühzeitig die Reißleine gezogen, machte HelloFresh seine Pläne sogar schon öffentlich. Skeptisch machte die Anleger der rapide gestiegene Firmenwert der tief in den roten Zahlen steckenden Firma. Denn Samwer blähte mit einer einzigen Kapitalspritze von nur 75 Millionen Euro, für die der befreundete britische Investmentfonds Baillie Gifford drei Prozent bekam, den Buchwert um das Dreifache auf 2,6 Milliarden Euro auf. Solche ambitionierten Bewertungen sind in der Branche üblich, weil gerne der Wert des letzten Investments hochgerechnet wird, solange es noch keine "echte" Bewertung an der Börse gibt.

Beim Börsengang sollte das Unternehmen nach Samwers Vorstellungen sogar mit 3,2 bis 3,3 Milliarden Euro bewertet werden, ist von Insidern zu erfahren. Das sorgte für Zoff mit dem schwedischen Rocket-Investor Kinnevik, der sich mit 2,6 Milliarden Euro zufrieden gegeben hätte. Dies reichte wohl, um die Pläne zu stoppen. Eine ungewohnte Niederlage für den machtbewussten Samwer. Viele der kleinen Co-Investoren wie Holtzbrinck Ventures hat er unter Kontrolle - noch. "Wenn er Ja oder Nein sagt, dann heißt das Ja oder Nein. Wenn du Oliver auf deiner Seite hast, ist alles in Ordnung", sagt ein ehemaliger Manager eines Börsenkandidaten aus dem Rocket-Imperium.

Zweifelhafte Schachzüge

Den Schachzug, eine Rocket-Beteiligung mit einer minimalen Finanzierungsrunde aufzupeppen, hatte Samwer nicht zum ersten Mal gemacht. Bei Home24 stieg die Bewertung von knapp 500 Millionen auf 815 Millionen Euro, als neue Investoren Ende 2014 für gerade mal zwei Prozent 16 Millionen Euro auf den Tisch legten. Doch die Zweifel werden größer, ob diese Sprünge etwas mit der realen Geschäftsentwicklung zu tun haben. Bei Westwing gingen laut Insidern die Eigentümer auf die Barrikaden: "Jetzt bringt ihr erstmal das Kerngeschäft auf Vordermann."

Die Skepsis ist angesichts der Unruhe an den Weltbörsen, Konjunkturabkühlung Chinas und der US-Zinswende noch gewachsen. Dies bekamen auch die US-Größen der Startup-Branche zu spüren. Der Vermögensverwalter BlackRock und der Investmentfonds Fidelity schrieben kürzlich ihre Anteile an Startups massiv ab - unter anderem die am Cloud-Anbieter Dropbox, der bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit zehn Milliarden Dollar bewertet worden war. Zum Vergleich: Der kaum kleinere, aber börsennotierte Konkurrent Box ist an der Börse rund 1,4 Milliarden Dollar wert. Vor hohen Abschreibungen müssen im aktuellen Börsenklima nun auch Rocket und seine Co-Investoren zittern.

Sparen statt bauen

Denn die Investments von Rocket zahlen sich nur aus, wenn die Berliner ein Startup gewinnbringend verkaufen oder an die Börse bringen können. Noch hat Samwer 1,7 Milliarden Euro auf der hohen Kante - eingesammelt beim Börsengang, per Kapitalerhöhung und Wandelanleihe. Das reicht nicht ewig und zwingt "Bob, den Baumeister", wie sich Samwer gerne nennt, zu ungewohnter Sparsamkeit. Rocket will in diesem Jahr laut einem Insider maximal 350 Millionen Euro investieren.

Und: In zwei Jahren soll zumindest für drei Startups Schluss sein mit roten Zahlen. Der Druck steigt. Der Essensbestelldienst Foodpanda entließ kürzlich 300 Mitarbeiter, Home24 und Westwing haben das bereits hinter sich. Ob Samwer sein Versprechen aus dem Herbst halten kann, ein Rocket-Startup binnen 18 Monaten an die Börse zu bringen, ist offener denn je.

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