10.03.2016, 19:03  von Reuters/Andreas Kröner

Fusion: Deutsche Börse versorgt sich mit Liquidität

Die Deutsche Börse erhöht den Einsatz für die Fusion der LSE. / Bild: (c) dpa/dpaweb/Oliver Berg

Die Deutsche Börse schlägt mitten in den Fusionsverhandlungen mit der London Stock Exchange (LSE) ihre Tochter in Amerika los. Trotzdem bleiben Analysten in Sachen Fusion skeptisch.

Frankfurt/New York. Die Deutsche Börse verkauft die US-Optionsbörse ISE für 1,1 Milliarden Dollar an den amerikanischen Konkurrenten Nasdaq. Deutschlands größter Börsenbetreiber stärkt damit seine Bilanz und verbessert aus Sicht von Experten seine Position in einem möglichen Bieterwettstreit um die LSE. Ob der Deal mit London am Ende zustande kommt, steht allerdings in den Sternen. Equinet-Analyst Philipp Häßler bezifferte die Chancen am Donnerstag auf weniger als 50 Prozent - wegen drohender Gegenangebote und möglicher Widerstände der Wettbewerbshüter.

Die Deutsche Börse hatte die ISE 2007 für knapp drei Milliarden Dollar übernommen, doch die damit verbundenen Hoffnungen erfüllten sich nie. Viele Banken handelten nach dem Ausbruch der Finanzkrise weniger und die ISE verlor kontinuierlich Marktanteile. Zudem bekam der Konzern keine Erlaubnis, Optionen auf wichtige US-Indizes aufzulegen. Die Hessen mussten den Buchwert der ISE mehrmals nach unten korrigieren. Schon 2014 signalisierte der ehemalige Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni Verkaufsbereitschaft. Sein Nachfolger Carsten Kengeter zog die Veräußerung nun durch. "Die Deutsche Börse verfolgt das Ziel, in allen von ihr betriebenen Geschäftsbereichen die Nummer eins oder zwei zu werden", sagte der langjährige Investmentbanker. Wo das nicht möglich sei, müsse der Konzern über andere Optionen nachdenken.

Nasdaq-Chef Bob Greifeld hat nach eigenem Bekunden schon seit Jahren Interesse an der ISE, die Gespräche mit den Deutschen hätten sich aber erst in den vergangenen drei Monaten entwickelt. Die Nasdaq baut mit dem Zukauf ihre Position als Markführer bei US-Optionsgeschäften aus: Ihr Anteil am Handelsvolumen steigt von rund 25 auf mehr als 40 Prozent. Der Deal soll im zweiten Halbjahr abgeschlossen werden. Die Deutsche Börse erwartet dann einen Veräußerungsgewinn im hohen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Übernahmekampf droht

Im Poker um die LSE hat die Deutsche Börse aus Sicht von Experten nun mehr Handlungsspielraum. Der US-Konkurrent ICE hat bereits erklärt, ein Gegenangebot für die Londoner Börse zu prüfen. "Mich würde es auch nicht überraschen, wenn noch andere dazukämen", sagte Kengeter Anfang des Monats in einem Interview des Hessischen Rundfunks (HR). Als Kandidaten dafür werden vor allem die Chicago Mercantile Exchange und die Hongkonger Börsen gehandelt.

Sollte es zu einem Übernahmekampf um die LSE kommen, sei die Deutsche Börse nun in einer besseren Position und könne bei einer Gegenofferte der ICE ihr eigenes Angebot noch einmal nachbessern, erklärte Equinet-Analyst Häßler. Bisher peilen die Frankfurter eine Fusion mit der LSE an, nach der sie gut 54 Prozent am fusionierten Konzern hielten. Das detaillierte Fusionsangebot wird kommende Woche erwartet. Am geplanten Beteiligungsverhältnis werde sich dabei wegen des ISE-Verkaufs nichts ändern, sagte eine mit den Plänen vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters.

Balance zwischen Fusion und Übernahme

Für die Deutsche Börse wäre es aus taktischen Gründen schwierig, ihr Angebot an die LSE aufzustocken. Bisher werben beide Seiten bei Politik und Aufsichtsbehörden für einen "Zusammenschluss unter Gleichen". Sollten die Deutschen in einem Bietergefecht nachlegen, dürfte aus der Fusion auf Augenhöhe jedoch eine mehrheitliche Übernahme der LSE werden. Und das könne Widerstände in London hervorrufen, warnen Finanzmanager. Die Deutsche Börse wollte sich dazu nicht äußern.

Laut Vorstandschef Kengeter will der Konzern abwarten, was Rivalen am Ende tatsächlich tun. "Eine Schmerzgrenze per se haben wir nicht definiert, weil es verfrüht wäre, etwas zu tun", sagte er in dem HR-Interview. Es sei unklar, welche Motive Konkurrenten wie die ICE verfolgten. Sie könnten wirklich Interesse an einem Kauf der LSE haben oder den Europäern nur den Spaß verderben wollen. Kengeter will die Mega-Börse, die gut 25 Milliarden Euro wert wäre, führen. Dass sie in London beheimatet sein soll, sehen viele Frankfurter kritisch. Am Mittwochabend warb Privatbankier Friedrich von Metzler dafür, die Holding des fusionierten Konzerns am Main anzusiedeln.

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