28.03.2012, 19:09  von Leo Himmelbauer

Deutsche Desaster: Praktiker, Pfleiderer, Schlecker

Bild: WB/Jindrich Foltin

Pleiten. Die Baumarktkette Praktiker ist ein Sanierungsfall. Der Holzwerkstoffkonzern Pfleiderer und die Drogeriekette Schlecker Insolvenzfälle.

Frankfurt. Zwei deutsche Aktien, beides Nebenwerte, verzeichneten am Mittwoch herbe Kursrückgänge. Das Papier der Baumarktkette Praktiker knickte um bis zu 13 Prozent. 108 Millionen € Börsewert für das Unternehmen sind noch übrig. Die Aktie des Holzwerkstoffkonzerns, vor fünf Jahren noch um 35,30 € zu haben, wurde umd 23 Cent gehandelt - Tagesminus 35 Prozent und nur noch acht Millionen € Börsewert übrig für einen Konzern, der einst zu den Big Playern in Europa gehörte. Die Drogeriekette Schlecker ist nicht börsenotiert, ihr Wert allerdings ebenfalls rasant gefallen. Praktiker ist ein schwerer Sanierungsfall. Pfleiderer wird ein Insolvenzfall, Schlecker ist seit Mittwoch bereits einer.

Fall Praktiker

"Wir glauben an die Zukunft des Unternehmens." Das hatte noch am Montag die neue österreichische Grossaktionärin der deutschen Baumarktkette Praktiker, Isabelle de Krassny, gesagt. Dieser Optimismus ist dringend erforderlich, denn Praktiker steckt tief in den roten Zahlen. Die Verluste explodierten im Vorjahr von 33,5 auf 554,7 Millionen €. Das Eigenkapital schmolz von 840 auf 278,6 Millionen Euro, die Eigenkapitaldecke ist mit 18,4 Prozent schon recht dünn geworden.

Wie der einst auch in Österreich vertretene Konzern in der Nacht auf Mittwoch mitteilte, wurde im Vorjahr ein operativen Verlust (EBITA) in Höhe von 61,6 Millionen € vor Sondereffekten im Volumen von 473 Millionen € eingefahren. 

Wie ein Klotz am Bein wirken nicht nur die Neubewertung der Warenvorräte, was allein eine Wertberichtigung des Vorratsvermögens im Ausmass von 69,8 Millionen € zur Folge hatte: Nach jahrelangem Umsatzrückgang wurden die Vermögenswerte des Anlagevermögens einer realistischen Betrachtung unterzogen. Rückstellungen für belastende Verträge (in Summe 147,9 Millionen €) und eine Wertberichtigung der Geschäfts- oder Firmenwerte (159,5 Millionen €) waren die Folge.

Auch das Programm "Praktiker 2013", das zu einer Neupositionierung der Marke in Deutschland führen soll, und geplanten Restrukturierungsmaßnahmen lösten umfangreiche Sonderaufwendungen (95,8 Millionen €) aus.

Guter Rat ist teuer. De Krassny, die sich in den vergangenen Monaten mit knapp mehr als zehn Prozent der Anteile bei Praktiker eingekauft hatte und grösste Einzelaktionärin geworden ist, pocht auf Mitsprache bei Besetzung von Vorstand und Aufsichtsrat. Sie fordert den Verkauf des Osteuropa-Geschäfts, was 50 bis 70 Millionen € einbringen könnte. Das allein dürfte nicht reichen, Praktiker wieder flott zu kriegen. Ihr scheint eine Geldspritze über eine Wandelanleihe notwendig. Der Financial Times Deutschland gegenüber nannte sie eine Grössenordnung von 120 Millionen €.

Praktiker betreibt rund 440 Märkte, drei Viertel davon in Deutschland. Der Konzern, zu dem auch die 78 Baumärkte der Max Bahr-Gruppe gehören, beschäftigt rund 20.000 Mitarbeiter und setzte im Vorjahr nur noch 3,2 Milliarden € um.  In Luxemburg, Rumänien, Griechenland und der Türkei fühlt sich der Konzern als Marktführer. Die Baumarktkette war durch ständige Rabattaktionen in Schwierigkeiten geraten. Der als Sanierer geholte Vorstandschef Thomas Fox will unrentable Märkte schließen und Stellen streichen. In Deutschland stehen 30 der 236 Märkte auf dem Prüfstand. Zudem sollen 1400 der 11.000 Stellen gestrichen werden.

Fall Pfleiderer

Der Vorstand von Pfleiderer darf den bayerischen Holzverarbeiter in der Insolvenz selbst sanieren. Das Amtsgericht Düsseldorf gab am Mittwoch dem Antrag des Unternehmens auf eine Insolvenz in Eigenverwaltung statt. Der Sanierungsexperte Horst Piepenburg wurde zum vorläufigen Sachwalter bestellt. In dieser Funktion beaufsichtigt er das Management, einen Insolvenzverwalter gibt es in der Eigenverwaltung nicht. Die Insolvenz bezieht sich nur auf die Pfleiderer AG als Holding, die operativen Töchter sind nach Unternehmensangaben nicht betroffen und sollen wie bisher weiterarbeiten. Anschlussinsolvenzen seien nicht zwangsläufig, einen Arbeitsplatzabbau soll es nicht geben.

Ausgelöst worden war die Insolvenz durch eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt vom Dienstag. Dieses hatte das Sanierungskonzept für Pfleiderer blockiert. Das umstrittene Konzept hatte vorgesehen, das mit knapp 1,4 Milliarden Euro in der Kreide stehende Unternehmen zur Hälfte zu entschulden. Frisches Geld sollte dabei von Banken und Hedgefonds kommen, die zudem auf einen Teil ihrer Forderungen verzichteten.

Das operative Geschäft der Tochtergesellschaften mit ihren weltweit rund 4000 Mitarbeitern sei davon nicht betroffen, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens. Die Insolvenz der Pfleiderer AG würde nicht automatisch zu Anschlussinsolvenzen von Tochtergesellschaften führen. Pfleiderer-Vorstand Hans-Joachim Ziems hatte kürzlich versichert, bei einer Insolvenz der Dachgesellschaft würde kein einziger Arbeitsplatz verloren gehen.

 

 

Pfleiderer ist einer der weltweit größten Hersteller von Span- und Faserplatten für Möbel und Laminatfußböden. 2010 erzielte der Konzern 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Aber mit teuren Zukäufen in den USA kurz vor Beginn der dortigen Immobilienkrise hatte sich Pfleiderer übernommen und eine Schuldenlast von mehr als eine Milliarde Euro angehäuft. Außerdem leidet das Unternehmen unter steigenden Holzpreisen. Der Verlust explodierte 2010 von 70 auf 728 Millionen €.

 

 

Fall Schlecker

 

Am Mittwoch ist das Insolvenzverfahren über die Drogeriekette Schlecker vom Amtsgericht Ulm eröffnet worden. Dies gilt auch für die Tochter IhrPlatz. Ein Sprecher von Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz bestätigte entsprechende Medienberichte. Wegen der Unklarheit über die Transfergesellschaften war der Zeitpunkt bisher unsicher gewesen. Der 1. April wäre der späteste Termin.

 

Arndt hatte in den vergangenen Wochen versucht, 16 deutschen Bundesländern eine Bürgschaft für die geplanten Transfergesellschaften für von der Arbeitslosigkeit bedrohten Schlecker-Mitarbeiter abzuringen. Das ist nicht gelungen. Die drei Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen sollten nach dpa-Informationen alleine für eine Transfergesellschaft der insolventen Drogeriekette bürgen. Doch postwendend folgte das Nein aus München.

Nach dem Scheitern dieser Lösung wären 11.000 Beschäftigte sofort arbeitslos.

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

Mehr aus dem Web

Kommentare

0 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500

CA Immo Logo
AT&S Logo
Immofinanz Group Logo
Vontobel in Kooperation mit dem WirtschaftsBlatt
  • BANK VONTOBEL Videos:
    Financial Products (Investment Banking)

Weltbörsen

DAX
Mehr

Börsenkurse

Borsenkurse

Top 5

ERSTE GROUP .19,321,10%chart

MAYR-MELNHOF.86,631,07%chart

IMMOFINANZ AG2,350,90%chart

VERBUND AG14,930,88%chart

VIENNA INSUR.36,090,81%chart

Flop 5

WIENERBERGER.11,09-1,42%chart

OESTERREICHI.38,36-1,34%chart

LENZING AG48,40-1,08%chart

RHI AG22,50-0,71%chart

CA IMMOBILIE.15,73-0,25%chart

Mehr
Borsenkurse

Top 5

WARIMPEX FIN.1,103,77%chart

FACC AG8,211,73%chart

PALFINGER AG25,891,53%chart

ERSTE GROUP .19,321,10%chart

MAYR-MELNHOF.86,631,07%chart

Flop 5

CENTURY CASI.3,74-1,84%chart

WIENERBERGER.11,09-1,42%chart

OESTERREICHI.38,36-1,34%chart

LENZING AG48,40-1,08%chart

VALNEVA SE5,14-1,04%chart

Mehr
Borsenkurse

Top 5

BAYER AG NAM.111,204,76%chart

CONTINENTAL .162,050,81%chart

INFINEON TEC.8,860,57%chart

MERCK KGAA I.68,020,52%chart

ALLIANZ SE V.135,300,48%chart

Flop 5

HEIDELBERGCE.55,42-1,60%chart

DT.T L.FANA .12,98-1,48%chart

SIEMENS AG N.97,17-1,09%chart

FRESENIUS SE.38,18-0,74%chart

K+S AKTIENGE.23,98-0,50%chart

Mehr
Borsenkurse

Top 5

E.I. DUPONT .69,255,20%chart

HOME DEPOT I.91,221,05%chart

PFIZER Inc30,351,00%chart

AMERICAN EXP.89,070,80%chart

JPMORGAN CHA.60,310,53%chart

Flop 5

CATERPILLAR .103,99-0,83%chart

VISA Inc215,53-0,81%chart

MICROSOFT CO.46,52-0,51%chart

UNITED TECHN.108,03-0,47%chart

EXXON MOBIL .97,08-0,36%chart

Mehr