08.01.2016, 07:50  von Edith Humenberger-Lackner

China-Schock: Die Ansteckungsgefahr für Europas Aktienmärkte ist gering

Die Händler in Shanghai hatten einen kurzen Arbeitstag. Nur in Europa blieben die Mienen finster. / Bild: (c) © 2016 Bloomberg Finance LP

Nach dem Börsencrash in China zogen auch in Europa die Investoren die Reißleine. Trotzdem glauben die vom WirtschaftBlatt befragten Experten nicht an eine umfassende Ansteckung.

Wien. Nach einer halben Stunde und einem Kurssturz von sieben Prozent war gestern an der Shanghaier Börse wieder Schluss mit dem Handel. Die Europa-Börsen reagierten betroffen. Aus der allgemeinen Trübsal schien es kein Entkommen zu geben, zumal sich gewichtige Pessimisten ins Zeug warfen: Investor George Soros fühlte sich an 2008 erinnert, Börsenguru Marc Faber, der seit Längerem den Untergang der Finanzmärkte predigt, warnte vor einer „kolossalen Kreditblase“ in China. Klar – etwa 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistungen gehen auf das Konto Chinas. Doch genau hier setzen die Analysten an, die gestern versuchten, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Angst unbegründet“

Die Schwankungen würden nicht von einer neu erkannten Schwäche der chinesischen Wirtschaft getrieben, meinte Matthew Sutherland, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International in Hongkong. „Hat umgekehrt ernsthaft jemand geglaubt, dass die Kursverdoppelung im vergangenen Jahr auf einer entsprechend fantastischen Verbesserung der Fundamentaldaten der chinesischen Wirtschaft beruhte?“. Die Angst vor einer Ansteckung globaler Aktienmärkte sei unbegründet. Die unter Druck geratenen A-Aktien seien als innerchinesischer Markt von der Stimmung der Privatanleger getrieben. A-Shares sind in Renminbi gehandelte Papiere, die großteils chinesischen Investoren vorbehalten sind. Nur sogenannte „qualifizierte“ ausländische institutionelle Anleger haben hier Zugang. Tatsächlich ist es ein Unterschied zu westlichen Aktienmärkten, dass in China die Privaten und nicht die institutionellen Anleger in der Überzahl sind. Diese würden die Börse oft als Möglichkeit für schnelle Gewinne sehen, wie Mathias Bock von Linklaters in Hongkong sagt.

Anhaltende Korrektur

Laut Sutherland wird die Korrektur noch so lange weitergehen, bis sich die (hohen) Bewertungen der Aktien im CSI-300-Index an jene des MSCI-China angepasst haben. Im MSCI liege das Verhältnis des Kurses zum Gewinn (KGV) bei einem vorteilhafteren Wert von 9,5. Im CSI 300, in dem die 300 größten festlandchinesischen Aktien gelistet sind, seien es 11,3.

Auch Johannes Mattner, verantwortlich für europäische Aktien bei Raiffeisen Bank International (RBI), sieht keinen Grund zur Panik. „Die Regelung, wonach qualifizierte Investoren keine größeren Pakete verkaufen dürfen, stand vor dem Auslaufen, da positionierten sich einige schon zum Verkauf. Das drückt die Preise“, so Mattner. Gleichwohl bleibe China für Europa „sicher ein Einflussfaktor. Das hat man im August gesehen, als die Wachstumsängste die Aktienmärkte angesteckt haben.“ Der Einkaufsmanagerindex für China sei zu Wochenbeginn zwar schlechter ausgefallen als erwartet. Allerdings werde der Dienstleistungssektor gegenüber der Industrieproduktion immer wichtiger. „Und hier stimmen die Zahlen noch“, so Mattner zum WirtschaftsBlatt.

Den von Mattner angeführten befürchteten Großverkäufen wird bereits vorgebeugt: Gestern erklärten die Regulatoren, dass Großaktionäre nur alle drei Monate maximal ein Prozent der Anteile eines Unternehmens verkaufen dürfen und dies 15 Handelstage davor kundtun müssen.

„Luxusprobleme“

Für seine zahlreichen Interventionen auf dem Aktienmarkt hat China zuletzt viel Kritik einstecken müssen. „Das hat viel Vertrauen in den Markt zerstört“, sagt Nikolaus Görg von der Bank Gutmann. Man dürfe die aktuellen Turbulenzen nicht schönreden. Dennoch: „Ein Einbruch auf dem chinesischen Aktienmarkt signalisiert nicht denselben volkswirtschaftlichen Rückgang, wie er im Westen der Fall sein würde. Die Chinesen haben in den vergangenen Jahrzehnten um ein Vielfaches mehr gespart als die Europäer. Insgesamt steht die Führung vor einem Luxusproblem: Wie zapfe ich die privaten Ersparnisse an?“ Betrachtet über die vergangenen zwei Jahre liege der CSI noch immer etwa 30 Prozent im Plus.

Gerhard Schwartz, Leiter des Bereichs Assurance bei EY Österreich, sieht allerdings eine „deutliche“ Abnahme bei den Börsengängen (IPOs) in China. China hatte 2015 bei den IPOs – entgegen dem globalen Abwärtstrend – zugelegt. Hier mache sich die hohe Zahl privater Anleger bemerkbar. „Institutionelle hätten sicher sorgfältiger geprüft“, sagt Schwartz.

Öffnung geht weiter

Die chinesische Führung hatte in den vergangenen Jahren die Öffnung der Kapitalmärkte – langsam – vorangetrieben. Bleibt die Frage, ob es durch die aktuellen Turbulenzen wieder zu Verzögerungen kommt. „Diese Probleme sind typisch, wenn ein System versucht, sich von einem nicht liberalen in ein liberales Finanzregime umzuwandeln. Reibungen zwischen unerfahrenen Aufsichtsbürokraten und listenreichen Marktspielern sorgen für Verluste staatlicher Vermögen und Vernichtung von kleinen Anlegern. Ich sehe daher keinen ausreichenden Grund dafür, dass die Öffnung des Kapitalmarkts sich verlangsamen würde“, sagt Xuewu Gu, Direktor Global Studies an der Universität Bonn.

„Es gibt keine logischen Zusammenhänge zwischen der chinesischen Konjunktur und den chinesischen Aktienkursen“, meint auch er.

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