11.01.2016, 07:25  von Edith Humenberger-Lackner

"Chinesischer Aktienmarkt ist aktuell wie ein Casino"

„Das Potenzial der chinesischen Führung, die Krise zu managen, ist noch nicht erschöpft“, sagt Xuewu Gu. / Bild: Beigestellt

Jeder Börsencrash macht das chinesische Finanzsystem stärker, sagt der China-Experte Xuewu Gu. Allerdings würden Nutznießer des „alten Systems“ gegen Neuerungen arbeiten.

Im Interview: Xuewu Gu, Direktor des Center for Global Studies der Universität Bonn.

WirtschaftsBlatt: China hat in den vergangenen Jahren eine sehr vorsichtige Liberalisierung der Finanzmärkte betrieben. Egal ob es um die Konvertierbarkeit Euro/Yuan oder um mehr Liberalität in Freihandelszonen ging, angekündigte Schritte waren meist von monatelangen, oft jahrelangen Verschiebungen begleitet. Ist die Führung nun an einen Punkt gelangt, an dem sie mit der Öffnung überfordert ist?

Xuewu Gu: In der Tat hat die Öffnung ein Niveau erreicht, auf dem viele Gruppen ihre Interessen bedroht sehen. Dazu gehören vor allem Staatsunternehmen und städtisch kontrollierte Wertpapierhäuser, die im Finanzmarkt stark involviert sind. Eine weitere Öffnung der Branche würde ihre Privilegien reduzieren. Ich würde nicht so weit gehen, von Sabotage der Reformen durch diese Nutznießer des Altsystems zu sprechen. Aber es gibt viele Einrichtungen, die nicht nach der Melodie der Führung tanzen, sondern eigene Gewinne rechtzeitig vor der Vertiefung der Liberalisierung absichern wollen.

Der IWF hat den Yuan Ende 2015 in den Kreis der Reservewährungen aufgenommen. Die Entscheidung tritt im Oktober 2016 in Kraft. Chinesische Offizielle sprachen von einer großen Verantwortung. Kann die Politik dieser Verantwortung gerecht werden?

Ich gehe davon aus, dass die chinesische Regierung diese neu erzielte Verantwortung ernst nehmen wird. Ihr Potenzial, die Krise ordentlich zu managen, ist noch nicht erschöpft. In den Werkzeugboxen der Regierung gibt es noch sehr viele einsetzbare geldpolitische, fiskalische und wechselkurspolitische Instrumente. Allerdings wird der Status Weltwährung zur massiven Vermehrung von Yuan außerhalb Chinas führen, da der Renminbi eine legitimierte Reservewährung für ausländische Zentralbanken geworden ist. Ob die Zentralbank Chinas mit den Bewegungen des Yuan außerhalb ihrer Kontrolle zurechtkommen kann, bleibt abzuwarten.

Werden Ihrer Meinung nach die Turbulenzen an Chinas Börsen eine weitere Öffnung des Kapitalmarktes verzögern?

Die Börsenprobleme sind hausgemachte Probleme. Ich sehe keinen ausreichenden Grund dafür, dass die Öffnung des Kapitalmarktes sich verlangsamen würde. Jeder Börsenabsturz offenbart bestimmte Schwächen des chinesischen Finanzsystems und macht es damit jedes Mal reifer. Das ist ein Lernprozess, den die Chinesen durchziehen müssen, wenn sie sich auch im Bereich der Finanzmärkte in die Weltwirtschaft integrieren wollen.

Welchen Einfluss wird der chinesische Börsencrash auf die europäischen Aktienmärkte nehmen?

Das ist eine Frage der Psychologie. Sachlich ist die chinesische Realwirtschaft stark vom Aktienmarkt des Landes entkoppelt. Es gibt keine logischen Zusammenhänge zwischen der chinesischen Konjunktur und den chinesischen Aktienkursen, weder historisch noch gegenwärtig.

Es ist nicht ganz falsch, den chinesischen Aktienmarkt in seinem jetzigen Zustand mit einem Casino zu vergleichen, in dem Spekulanten das Spiel dominieren. Wenn europäische Marktteilnehmer sich ihre Laune durch den chinesischen Börsenwirbel beeinflussen lassen, wäre das nur ein psychologisches Problem. Mit der Realwirtschaft hat es nichts zu tun. Als europäischer Marktteilnehmer würde ich ruhig bleiben, selbst wenn der chinesische Aktienmarkt komplett verschwinden würde.

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Xuewu Gu, Direktor des Center for Global Studies der Universität Bonn

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