01.02.2016, 08:00  von Hans-Jörg Bruckberger

Das Jännerbarometer lockt nicht nur Bären an

Bei Börsianern schrillen die Alarmglocken. / Bild: (c) 2016 Getty Images

Die erste Indikation des Jahres ist negativ. So negativ freilich, dass man ihr schon wieder Positives abgewinnen kann. Die Marktstatistik zeigt jedenfalls beachtliche Werte an.

Wien. Jetzt ist also amtlich, was ohnehin längst festgestanden ist: Der Jänner 2016 war ein schlechter Monat für die Börsen, sogar einer der schlechtesten Auftaktmonate überhaupt. Mehr als sieben Prozent lag der US-Index S&P 500 zu Redaktionsschluss (und somit wenige Stunden vor dem Jänner-Ultimo) im Minus.

Bei Börsianern schrillen die Alarmglocken: Ein verpatzter Jahresauftakt bedeutet nichts Gutes für den Jahresverlauf. "As goes January, so goes the year", sagt man an der Wall Street. Das sogenannte Jännerbarometer gilt als der erste wichtige Börsenindikator des Jahres. Dessen statistische Trefferquote ist beachtlich.

Das WirtschaftsBlatt hat die Kursentwicklungen seit dem Jahr 1950 analysiert und herausgefunden, dass das Jännerbarometer nur selten falsch lag. Über 66 Jahre ist der Jännereffekt zu knapp 80 Prozent nachweisbar. Und die wenigen Ausreißerjahre, in denen der Indikator falsch lag, waren meist durch besondere Ereignisse geprägt-wie etwa die Eskalation in Vietnam oder 9/11 im Jahr 2001. Statistische Relevanz lässt sich nicht leugnen, wiewohl Skeptiker zu Recht ein relativierendes Argument ins Treffen führen: dass nämlich der Jänner traditionell ein guter Börsenmonat ist, die Märkte insgesamt wiederum in der Regel steigen. Beides zusammen ergibt zwangsläufig eine starke Korrelation.

Prompt sieht die Sache im Fall von schlechten Jahresstarts weniger überzeugend aus. Von den 26 Jahren mit negativer Jänner-Performance waren 14 auch im Dezember noch rot, also nur rund 54 Prozent. Andererseits waren viele dieser Jahre unterdurchschnittliche Börsenjahre mit zumindest meist flacher Seitwärtstendenz. Im Schnitt hat der S&P in diesen Jahren 3,3 Prozent verloren. Nach positiven Jännerverläufen schlägt hingegen ein durchschnittliches Plus von 16,8 Prozent zu Buche.

Trendfolger...

Im Stock Traders Almanac gilt der Jännerindikator als eine der zuverlässigsten Regeln überhaupt. Eine gewisse Logik steckt auch dahinter: Schließlich stellen sich institutionelle Investoren zum Jahreswechsel neu auf und setzen auf ihre Favoriten für das neue Jahr. S&P-Aktienstratege Sam Stovall hat verschiedene Portfolios über Jahrzehnte gegeneinander antreten lassen und herausgefunden, dass jenes, das aus den drei am besten gelaufenen Sektoren des Jänners besteht, auch im Gesamtjahr den Markt mehrheitlich outperformt hat. Umgekehrt haben die Verliererbranchen weiter enttäuscht. Insofern könnten heuer Versorger weiter Freude bereiten-Titel wie Eon oder RWE haben sich zuletzt erholt. Auch andere klassische defensive Branchen wie Telekoms oder Konsumgüterproduzenten hielten sich im Jänner wacker. Umgekehrt droht Zyklikern, vor allem Rohstoffwerten, Ungemach. Noch mehr aber den Banken. Denn diese haben 2016 einen Horrorstart hingelegt.

Letzteres gilt leider auch für ganze Indizes. Einige Märkte haben seit ihren alten Hochs nun schon mehr als 20 Prozent abgegeben. Und damit nach einer gängigen Definition "Bärenmarkt-Status" erlangt. Experten von Morgan Stanley haben dazu eine Studie veröffentlicht, in der sie mehr als 40 historische Bärenmärkte analysieren. Das Ergebnis: Im Schnitt dauern solche Sell-offs 190 Werktage und die Indizes verlieren rund 30 Prozent an Wert. Der S&P 500 gibt in der Regel etwas weniger ab, braucht dafür länger, bis er aus dem Tal der Tränen herauskommt (s. Grafik). Er ist freilich noch weit entfernt von einem Bärenmarkt. Dass er etwa elf Prozent unter seinem Hoch notiert, kann man positiv wie negativ sehen. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Derweil haben Emerging Markets-zumindest statistisch betrachtet-das Schlimmste hinter sich. Der MSCI Emerging Market Index hat über einen Zeitraum von 362 Tagen bereits um 35 Prozent korrigiert-beides schon überdurchschnittlich hohe Werte.

... vs. Contrarians

Für Branchen ergibt sich aus dieser Statistik eine dem Jänner-Trendfolger diametral entgegengesetzte Strategie. Am meisten verloren haben Energie-und Rohstoffaktien sowie Finanzwerte. Diese sollten entsprechend abverkauft und reif für ein Comeback sein. Das Reizvolle an Bärenmärkten: Nach dem Trendwechsel geht die Post ab. Der MSCI World Index hat in den zwölf Monaten nach einem Bärenmarkt historisch betrachtet 30 Prozent an Wert gewonnen-im Schnitt, wohlgemerkt.

Womit sich der Kreis zum Jännerbarometer schließt. Schlechter als 2016 war nur 2009 angelaufen, als es infolge der Lehman-Pleite ordentlich krachte. 2009 gibt aber auch Hoffnung für den weiteren Verlauf dieses Jahres. Denn damals folgte ein Comeback der Börsen mit historisch hohen Gewinnen von weit über 20 Prozent im S&P 500.

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