29.12.2014, 08:55  von Tim Schäfer, New York

Psychogramm eines Wall Street-Traders: Leben voll Gier und Narzissmus

Bild: Beigestellt/(c) AP

Interview. Sam Polk, ein ehemaliger Hedgefonds-Trader und jetziger Millionär, spricht mit dem WirtschaftsBlatt über den Kampf um die Boni an der Wall Street, seine Geldsucht und das Leben in einer Blase.

WirtschaftsBlatt: Sie haben an der Wall Street als Trader Unsummen verdient. Können Sie heute dank Ihrer Ersparnisse den Vorruhestand genießen?

Sam Polk: Ich weiß nicht. Ich habe gekündigt, kurz bevor mein Gehalt wirklich verrückt wurde. Im letzten Jahr habe ich 3,6 Millionen Dollar verdient. Ich musste aber die Hälfte zurückgeben, weil ich die Firma verließ. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe jede Menge Geld auf dem Konto. Es ist aber weniger als das, was ich in meiner Wall-Street-Zeit als komfortabel empfunden hätte.

Warum haben Sie sich für eine Karriere an der Wall Street entschieden?

Polk: Ich wollte reich werden. Mein Vater war im Vertrieb. Er hatte immer den Traum, eine Million Dollar zu verdienen, nur ging er nie in Erfüllung. Das hat mich geprägt. Als ich zwölf war, fragte mich der Nachbar nach meinem Berufsziel, ich sagte ihm: "Ich möchte reich werden."

Wollte Ihr Vater, dass Sie zur Wall Street gehen?

Polk: Nein. Als ich an der Columbia Universität war, wusste ich zwar nicht, wie ich das Ziel am besten erreichen konnte. Aber führende Banken wie Goldman Sachs oder Lehman Brothers haben sich auf dem Campus nach Nachwuchskräften umgeschaut. Ich las die Bücher "Liar's Poker" und "The Fast Track". Sie erklärten, wie man an der Wall Street Jobs bekommt und wie viel man verdienen konnte. Als ich verstand, dass die Wall Street der schnellste Weg war, um viel Geld zu verdienen, wollte ich dorthin.

Ging es den anderen Studenten auch darum, möglichst viel zu verdienen, oder verfolgten die andere Ziele?

Polk: Es waren beide Aspekte. Einige wurden Ärzte, Anwälte, Professoren. Gleichzeitig war das Interesse an einem Job mit Finanzbezug enorm. Alle, die ich kannte, suchten entweder einen Job in einer Consultingfirma oder Investmentbank.

Was war ihr erster Job?

Polk: Ein Praktikum bei Credit Suisse First Boston. Es war auf den Sommer begrenzt. Ich machte Kopien, holte Kaffee für die Leute. Ich saß dort, hörte denen zu.

Wie hoch war Ihr Gehalt?

Polk: 55.000 Dollar auf Jahresbasis.

Das ist schon enorm viel ...

Polk: Es waren ja nicht 55.000 Dollar, sondern nur anteilig für die Sommermonate, für vier Monate.

Was geschah dann?

Polk: Ich bin zur Bank of America. Dort nahm ich am Analystenprogramm teil. Es dauert normalerweise drei bis vier Jahre, bevor sie einen traden lassen. Ich hatte Glück. Viele Trader wechselten zu anderen Firmen. Sie mussten Lücken füllen. So wurde ich nach acht Monaten ein Trader.

Was tradeten Sie?

Polk: Unternehmensanleihen aus der Industrie.

Waren Sie erfolgreich?

Polk: Ich kam von der Uni. Ich wusste nichts. In meinem ersten Jahr verlor ich Geld. Ich war aber schnell und smart. Die Vertriebsleute arbeiteten gerne mit mir. Sie sahen mein Potenzial.

Wie ging es weiter?

Polk: In den folgenden Jahren lernte ich, wie man Credit-Derivate handelt. Credit Default Swaps (CDS) stellten auf einmal die Handelsvolumina der Anleihen in den Schatten.

Waren darunter umstrittene Hypothekenpapiere, die Sie tradeten?

Polk: Ich hatte CDS. Hinter ihnen stand immer nur ein Unternehmen.

Wie war der Umgang mit den Kollegen? Ging es nur ums Geld?

Polk: Es war eine anstrengende Zeit. Die CDS-Trader waren alle jung, so zwischen 23 und 28. Dieses Produkt gewann damals schnell im Ansehen. Die verdienten zwischen ein und zwei Millionen Dollar. Sie hatten eine erstaunliche Macht innerhalb der Investmentbank. Diese "Kinder" kauften schöne Autos. Es gab einen, der hatte mehrere Ferrari. Sie waren Mitglied im Country Club. Das Geld sprudelte. Es war aufregend.

Haben Sie eine Rolex und teure Autos gekauft?

Polk: Nein. Ich verhielt mich vorsichtig. Ich kaufte weder ein Auto noch ein Haus. Ich genoss es, in gute Restaurants zu gehen. Ich war oft auf Urlaub.

Sie sparten das meiste?

Polk: Ja. Mir riet jemand von Anbeginn: "Reichtum wird nicht dadurch bestimmt, wie viel du verdienst, sondern wie viel du sparst." Ich nahm es mir zu Herzen. Ich sparte, so viel ich konnte.

Waren Sie als Trader glücklich? War es intellektuell herausfordernd?

Polk: Es gibt viel Positives, insbesondere das Trading. Es kam mir vor wie ein Sport für den Geist. Es war anspruchsvoll, aufregend. Jeden Tag passierte etwas Neues. Negativ war meine Eifersucht auf Trader, die mehr verdienten, andere Stellenbezeichnungen hatten und höher in der Hierarchie standen.

War es Strategie der Bank, einen Wettkampf um Boni und Jobs zu entfachen?

Polk: Ja, darum geht es. 90 Prozent ihres Gehalts fließen über den Bonus. Der wird am Jahresende ausgeschüttet. Der Bonus hängt vom Ermessen ihrer Vorgesetzten ab. Das ganze Jahr sind sie angespannt. Sie denken ständig darüber nach, wie viel sie bezahlt bekommen. Die Summe, die ich am Jahresende erhielt, repräsentierte alles in meinem Leben. Eine einzige Zahl stand für meinen ganzen Erfolg.

Wann fanden Sie heraus, dass Sie unter Geldsucht litten?

Polk: Es dauerte Jahre. Die Wurzeln liegen in meiner Kindheit. Es ist etwas beängstigend. Meine Eltern waren keine schrecklichen Leute, aber sie hatten Launen, besonders mein Vater. Er schlug die Kinder. Ich war verängstigt, als ich aufwuchs. Meine Therapeutin half mir, darüber hinwegzukommen.

Wie machte sich die Gier bemerkbar?

Polk: Ich fühlte, kontinuierlich unterbezahlt zu sein, nicht genug Geld zu haben. Jedes Mal, wenn ich ein Ziel erreicht hatte, steckte ich ein neues. Zuerst wollte ich ein Bond-Trader, dann ein CDS-Trader sein. Kaum war ich ein CDS-Trader, wollte ich ein Distressed-Trader werden. Es handelt sich um Firmen, die kurz vor oder im Konkursverfahren sind.

Warum kündigten Sie?

Polk: Seit meiner Kindheit wollte ich reich, bedeutend, erfolgreich werden. Irgendwann hab ich plötzlich erkannt, dass ich mein gesamtes Leben vergeudete.

Geht es an der Wall Street wirklich nur ums Geld?

Polk: Definitiv. Die Kultur ist so, dass sich das Ansehen danach richtet, wie viel Geld Sie verdienen. Die Leute sprechen darüber, wie groß das Bankkonto ist. Sie sagen: "Ich möchte, dass du meinen Freund John triffst, der hat 20 Millionen Dollar." Oder: "Hier ist Fred, der hat ein Vermögen von fast zwei Milliarden Dollar."

Das Ansehen steigt, je mehr Geld auf dem Konto ist?

Polk: Absolut. Es ist fast amüsant. Geld ist Faktor Nummer eins für Respekt.

Was sagten alte Schulfreunde oder ihre Familie zu Ihrer Karriere?

Polk: Wenn mein Bruder mich besuchte, war es schwierig für ihn. Er hat einen Abschluss in Politik- und Rechtswissenschaften und Probleme, jeden Monat über die Runden zu kommen. An der Wall Street vergaß ich den Rest der Welt. Ich war mit Leuten von der Arbeit zusammen. Was normal für mich war, war abnormal für andere Leute. Ich lebte in einer Blase. Mein Bruder sagte: "Das Restaurant war unglaublich teuer. Wir haben gerade mehr Geld für ein Abendessen ausgegeben, als ich Miete für meine Wohnung bezahle."

Was bedeutet Geld für Sie heute?

Polk: Ich mag Geld. Ich bin froh Geld zu haben. Ich distanzierte mich damals aber von der normalen Welt, von anderen Menschen. Ich konnte nicht verstehen, wie schwierig es für andere ist. Deren Herausforderungen waren real, sie waren realer als meine eigenen Probleme, die ich für wichtig hielt.

War Ihr Bruder eifersüchtig?

Polk: Ich glaube schon. Er wusste aber, dass etwas nicht stimmte. Als ich den 3,6-Millionen-Bonus erhielt, rief ich ihn an. Ich sagte ihm: "Die hätten mir mehr bezahlen müssen. Das ist zu wenig." Mein Bruder hörte nur zu.

Sind Sie heute zufriedener als damals?

Polk: Es geht nicht um Zufriedenheit. Es geht um Humanität. Ich fühle mich als wahre Person. Ich war früher so erfüllt von Gier, Selbstsucht, Narzissmus. An der Wall Street bist du ständig in einem Wettkampf. Es ist dieses große Rennen an die Spitze. Wer am meisten verdient, wird berühmt, der siegt. Jetzt lebe ich ein Leben, in dem jeder Platz hat. Ich respektiere Menschen, die kein Geld haben genauso wie Leute, die im Geld schwimmen. Ich betrachte die Welt aus einem anderen Winkel.

---

Zur Person

Bild:



Sam Polks selbstkritischer Gastbeitrag in der New York Times über sein Leben als Millionär sorgte für großes Aufsehen. Der 34-Jährige arbeitete zuerst bei der Bank of America und danach für den Hedgefonds King Street, bevor er nach Los Angeles zog. Dort ist er für die Stiftung Groceryships tätig, die Menschen hilft, sich gesund zu ernähren. 

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90 Prozent des Gehalts flossen über den Bonus. Diese Zahl war alles in meinem Leben. Die Eifersucht auf andere Trader war groß

Sam Polk, Millionär

Seit meiner Kindheit wollte ich reich, bedeutend, erfolgreich werden. Irgendwann hab ich plötzlich erkannt, dass ich mein gesamtes Leben vergeudete

Sam Polk, Millionär

Kommentare

3 Kommentare

Gast: Duewel meint

Das klingt sehr jüdisch.

verfasst am 21.02.2014, 18:09

Die ganze Wall - Street und die US-Ratingagenturen sind ein Psychogramm an sich!

Wie kommt eine transatlantische "Allianz" überhaupt dazu, die Bonität europäischer Banken in den Dreck zu ziehen?

Diese Frösche über dem grossen Teich sollen mal ihre eigenen (50 Staaten) Hausaufgaben machen, und überdies Europas Wirtschaft in Ruhe zu lassen, die Amis sind doch nur neidisch, weil ihr Konjunkturmotor nicht anspringen will, die brauchen Kriege, damit sie am Wiederaufbau verdienen können, imLland, daß sie zerbombt haben, um der Demokratie willen!

verfasst am 21.02.2014, 16:10

Das putzige Interview zum putzigen DiCaprio-Filmchen. Und immer betrachtet die Wirtschafts- und Börsenpresse das Geschehen mit großen Kinderaugen. Die einzige vernünftige Frage hätte man ihm schon bei "Berufs"beginn stellen sollen. Woher er glaubt, dass die Beträge kommen, die sich die bewunderte Finanzindustrie aus der Volkswirtschaft saugt. Wo ist die volkswirtschaftliche Deckung bzw. die Gegenbuchung zu den Räuberbonis. Aber so einfache Fragen stellt die Presse nicht, sie lebt ja vom täglichen Börsenbudenzauber auch nicht schlecht. Denn jeden Tag "kommt der Dax voran", "erholt er sich von den Vortagsverlusten" sind die "Anleger in Kauflaune" oder wie das Infantilgestammel sonst noch lautet. Selbst eine helle Birne wie Uli Hoeneß ist auf die Nummer reingefallen.

verfasst am 21.02.2014, 08:12

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