17.11.2012, 18:27  von Ingrid Krawarik

Anleger brauchen mehr Mut

"Nur nicht gierig sein", rät Matthias Albert beim Runden Tisch. / Bild: Elke Mayr

Runder Tisch. Die betuchte Klientel schätzt den Finanzplatz Österreich, hat jedoch Ängste. Private Banker erzählen, wie die Krise Entscheidungen verändert.

WirtschaftsBlatt: Laut einer Studie von McKinsey war Österreich 2011 der beste Private-Banking-Markt Europas mit Nettomittelzuflüssen von vier Prozent. Was macht Österreich trotz aller kapitalfeindlicher Maßnahmen wie Vermögenssteuer und Co. so attraktiv?

Matthias Albert: Aus Sicht unserer osteuropäischen Kunden ist Österreich keineswegs kapitalmarktfeindlich. Ich sehe keine steuerlichen Nachteile für uns Vermögensverwalter in diesem Land. Natürlich werden viele sagen, dass die Vermögensteuer viel zu hoch ist, aber im europäischen Kontext schauen wir noch gut aus. Was wir sehen ist, dass der osteuropäische Markt wieder auferstanden ist, dort wird wieder bereitwilliger nicht nur ins eigene Unternehmen investiert, es wird auch diversifiziert.

Henrik Herr: Aus der Schweiz gibt es eine sehr große Kundenbasis allein mit osteuropäischen und russischsprachigen Kunden, die den Finanzplatz Österreich auch schätzen. Für diese Kunden heißt das nicht Wien anstatt Zürich, sondern als Alternative dazu. Das ist strategisch wichtig, weil wir in Wien den EU-Pass haben. Ich war zum Beispiel letzte Woche in Budapest. Meine Kunden dort haben eine unheimliche Affinität und historische Nähe zu Wien. Und: Im deutschsprachigen Markt sind viele unserer Kunden Unternehmer, für die ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man nicht an der Staatsgrenze der Schweiz oder Deutschlands aufhört.

Monika Jung: Unser Geschäft ist vor allem auslandslastig, im Inland haben wir ein Viertel unserer Kunden. Deshalb ist auch bei uns der EU-Reisepass ein Thema, aber auch die Streuung des Vermögens zwischen Schweiz, Liechtenstein und Österreich. Gerade Kunden aus dem osteuropäischen Raum kommen sehr gerne hierher und schätzen den Finanzplatz Österreich wegen seiner Sicherheit.

Franz Witt-Dörring: Die Wahl einer Privatbank aus Sicht des Kunden ist weniger eine steuerliche Sache, weil alle Marktteilnehmer gleich sind. Das ist nicht das große Thema.

Was ist denn das große Thema?

Witt-Dörring: Die Schuldenkrise und die extrem tiefen oder kaum mehr vorhandenen Zinsen. Das ist eine neue Situation, wie ein Paradigmenwechsel. In den letzten 30 Jahren hat man mit sicheren Anleihen gut verdient, Zinsen sind 30 Jahre lang eigentlich nur runtergegangen und jetzt sind wir fast am Nullpunkt, es gibt keinen Ertrag für sichere Anlagen. Man weiß, dass man, wenn man am Jahresanfang 100 hat, am Jahresende nach Steuern und Inflation nur noch 97 hat. Österreichische Häuser sind sicher fit, darauf die richtigen Antworten zu finden, da sind wir gefordert.

Was wäre so eine Antwort?

Witt-Dörring: Für uns ist ganz klar: Aktien, Investitionen in Substanz. Die Schoellerbank ist seit 12. Jänner in Aktien übergewichtet.

Albert: Was wir erleben, ist eine Vertrauenskrise. Unsere höchste Aufgabe ist es, aufzuklären - da, wo Politik und Medien versagen; dem Volk, dem Anleger da draußen zu erklären, was ist los, wie schlimm es wirklich ist und wie sicher das Geld noch ist. Unsere Hauptaufgabe in den letzten drei, vier Jahren war fast, therapeutisch zu agieren und den Kunden zu unterstützen, dass er nicht Angst haben muss, dass er sein Vermögen verliert. Wenn wir den realen Wert erhalten wollen oder mehr haben wollen, müssen wir uns heute andere Investments suchen als noch vor fünf oder zehn Jahren. Das bedeutet auch: Wir müssen mehr Mut haben.

Herr: Am Ende des Tages ist das eine Überlebensfrage, denn wenn Sie wie wir ohne einen Kunden 2007 starten, haben sie ja eigentlich nur Krise gehabt. Sie sind darauf angewiesen, dass Sie Kunden dieses Vertrauen, diese Orientierung geben können. Unser Haus hat nicht die Antworten auf die nächsten sechs, zwölf, 18,24 Monate - die Konsequenz daraus ist, Szenarien zu bilden. Egal, welches der Szenarien eintritt, nichts davon ist ein Armageddon. Aber eigentlich war es noch nie so wichtig, einen Private Banker zu haben, der beraten kann und nicht verkaufen. Es gibt Kunden, die haben Angst vor irrationalen, unwahrscheinlichen Szenarien, etwa dass hier morgen die Hyperinflation eintritt und wir alle mit 100 Prozent Inflation leben müssen.

Jung: Die Kunden sind aber abgebrühter als noch vor zehn, 20 Jahren. Das kann ich aus meiner Erfahrung feststellen. Wir analysieren einfach tiefgründiger und erstellen für unsere Kunden entsprechend eine Vermögensplanung. Das ist eine wichtige Arbeit geworden, die wir früher nicht in dieser Tiefe gemacht haben.

Wo holen Sie sich als Privatbank das Wachstum her? Potenzial wäre ja genug da, nachdem die Millionäre erst 50 Prozent ihres Vermögens veranlagt haben.

Albert: Es ist heute sehr schwierig, realen Werterhalt oder Steigerungen zu erzielen. Der Kunde kommt ja eigentlich zu einer Bank und möchte mehr verdienen, als er glaubt, selbst zu verdienen. Und vor fünf oder zehn Jahren konnte ich noch leicht eine vordergründig hohe oder höhere Rendite erwirtschaften, indem ich mir eine zehnjährige Staatsanleihe gekauft habe oder einen Anleihenfonds. Da waren Renditen, die deutlich über der Inflationsrate lagen, möglich. Das ist heute nicht der Fall. Ich brauche deshalb den Experten heute mehr denn je, weil es unmöglich ist, risikofrei bestimmte Ziele zu erreichen.

Herr: Wenn sie heute einen Anleger fragen, was er unter konservativ versteht, und ihn auch vor fünf Jahren gefragt hätten, ist das eine komplett andere Welt. Dieses neue konservative Denken - was steht wirklich an Wert hinter einer Anlage - das ist wichtig, das ist spannend. Kunden, die sagen, sie hätten gerne die einfache Lösung, also über der Inflationsrate, diese Zeiten und die Häuser, die ihnen die einfachen Lösungen vermitteln, sind hoffentlich vorbei. Es ergeben sich ganz andere Ansätze. Wir haben sehr viele unserer Kundengelder in Emerging-Markets-Anleihen investiert und vielleicht fast noch mehr Geld verdient als im Aktienbereich. Vor fünf Jahren jemandem zu sagen, brasilianische Bonds zu kaufen, war schon ein weiterer Weg als heute.

Witt-Dörring: Da ist dieser Home Bias, den sie in vielen Portfolios finden. Deutsche haben deutsche Aktien, Österreicher eher österreichische Aktien und bei Anleihen eben auch welche aus diesen Ländern. Das muss aber bei Weitem nicht diese ideale Mischung für das jeweilige Risikoprofil des Kunden sein. Was einmal konservativ war, ist jetzt ein renditeloses Risiko geworden. Konservativ ist letztendlich alles, was Substanz hat: eine Aktie, eine Immobilie, auch Gold.

Ist eine Aktie jetzt risikolos?

Witt-Dörring: Konservativ! Nicht risikolos.

Jung: Genau. Da sind wir gerade dabei, das den Kunden zu erklären, dass zwischen risikolos und konservativ einfach ein Unterschied ist. Diesen hat man früher nicht so gesehen. Risikolos war einfach konservativ und die risikolosen Renditen waren 3,5 Prozent. Heute träumen wir von solchen Szenarien. Streuen aus und in allen Kategorien, das ist das A und O, jetzt mehr denn je. Wir sehen auch, dass Kunden wieder mehr in Richtung Vermögensverwaltung und Investmentsfonds gehen. Und weg von Einzelveranlagung. Sie hatten ja viele Jahre, in denen eher die Einzeltitel im Vordergrund standen, das hat sehr abgeflaut, bis auf einige Investoren, die sehr wacker weiterhin in diverse Unternehmensanleihen mit Home Bias gehen.

Albert: Man muss den Begriff risikolos durch den Begriff risikobewusst ersetzen. Ich sage gerne, wir haben risikobewusste Anleger. Dann ist aber Risiko für jeden fühlbar anders. Heutzutage zu sagen, das ist ein konservativer Anleger, ist grober Unfug, denn was ist das? Unsere allergrößte Aufgabe ist es, herauszufinden, welches Risikobewusstsein unsere Kunden haben. Wenn es da ein Verständnis gibt, kommt der andere Begriff Mut ins Spiel. Jetzt kann ich einem Anleger gegenübersitzen, der sagt, ich bin mit vier Prozent am Ende meiner Kraft. Ein anderer fängt erst bei sieben Prozent an, sich weiter zu unterhalten. Jetzt muss der aber auch verstehen, dass er mehr Mut braucht in der Umsetzung.

Wie mutig muss ich als Investor sein, um mehr als die Inflation zu verdienen?

Witt-Dörring: Das ist sehr individuell definiert. Ich kenne ältere Herrschaften, die schon Jahrzehnte in Aktien investiert waren und das selbst nicht als mutig gesehen haben, sondern als Selbstverständlichkeit und auch aus Erfahrung von früheren Zeiten, in denen man mit festverzinslichen Wertpapieren schon zweimal alles verloren hat. Also die würden sich nicht als mutig einschätzen, haben aber trotzdem ein breit gestreutes Aktiendepot. Aber Mut... - vielleicht braucht es heutzutage auch Mut, sein Geld auf ein Sparbuch zu legen.

Was ist der Mehrwert, den Sie als Private Banker bieten?

Jung: Die Transparenz, die laufend transportiert, was wir machen. Was ich dem Kunden erzähle, sollte sich auch in seinem Depot widerspiegeln. Früher hat man eine Meinung gehabt und das Portfolio hat etwas ganz anderes gezeigt.

Herr: Für mich fängt der Mehrwert mit der Situation, den Kunden erst mal zu verstehen, an. Sich wirklich Zeit zu nehmen und nicht am Ende nur die perfekte Portfoliolösung zu haben, sondern zu wissen, was bewegt ihn wirklich. Ich denke, wenn man das auf diesem Niveau leistet, wie wir das auch tun, braucht man sich vor niemandem in Europa zu verstecken. Österreich hat überhaupt keinen Grund, zu glauben, dass es irgendwo besser geschieht.

Die Margen im Private Banking sind weiter unter Druck. Wird es da eine Entspannung geben?

Albert: Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Margen etwas bescheidener sind als vor zehn oder 15 Jahren. Ich sehe aber keine Krise für unsere Branche; im Gegenteil, unsere Leistung wird mehr denn je nachgefragt werden, vielleicht zu etwas veränderten Kosten oder wir müssen uns intern noch schlanker aufstellen, um weiter profitabel zu bleiben. Sie sehen ein Assetwachstum, das ist es ja da. Das andere ist die Frage der Profitabilität. Noch folgt diese nicht dem Assetwachstum; sobald sich der Markt normalisiert, gehen die Margen von selbst in die Höhe.

Jung: Null Zinsen heißt auch null Marge. Das war natürlich nicht immer so und wird auch nicht ewig so bleiben. Da muss man einfach die Luft anhalten und durchhalten und sich auf Zielmärkte fokussieren.

Herr: Vielleicht ist es so ein Bild der Zukunft, über das wir da reden. Regulatorisch wird es nicht kleiner. Die Komplexität für alle Vermögensverwalter wird zunehmen. Wir müssen in Alternativen zu Aktien und Immobilien denken. Das Thema Unternehmensbeteiligungen wird bei unseren Kunden immer signifikanter. Diese Bedürfnisse sollten wir begleiten.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird sich Private Banking am Finanzplatz Österreich in den nächsten Jahren entwickeln?

Witt-Dörring: Ich denke, dass wegen sinkender Margen und tiefen Zinsen der eine oder andere Mitspieler vielleicht sagt, er ist woanders erfolgreicher. Ansonsten sehe ich eine gute Entwicklung

Albert: Positiv. Unsere Dienstleistungen sind mehr denn je gefragt, schon allein deshalb, weil der Kapitalmarkt sehr anspruchsvoll ist. Außerdem besitzt der Finanzplatz Österreich eine ungebrochene Attraktivität, und das Potenzial im Osten wird dem Gesamtmarkt weiter guttun.

Herr: Wir waren in den letzten fünf Jahren, was die totalen Zahlen betrifft, in Österreich besser als Deutschland und Großbritannien. Das zeigt, was möglich ist.

Jung: Ich halte es schon für wichtig, dass wir eine Börse hier in Österreich haben, die auch gut funktioniert. Wir sollten diese Idee der Börse auf keinen Fall aufgeben, sondern gewissen österreichischen Aktien in den Portfolios auch immer wieder Raum geben. Als Private Banker ist Platz für alle, es muss sich nur jeder seine Zielmärkte und Kernkompetenzen definieren.

 

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-11-16)

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Franz Witt-Dörring (li.) ist seit April 2012 Vorstandsvorsitzender der Schoellerbank und verwaltet 8,4 Milliarden € an Kundengeldern. Private Banking beginnt bei der Schoellerbank ab 400.000 €.

Franz Witt-Dörring (li.) ist seit April 2012 Vorstandsvorsitzender der Schoellerbank und verwaltet 8,4 Milliarden € an Kundengeldern. Private Banking beginnt bei der Schoellerbank ab 400.000 €.

Matthias Albert ist im Vorstand der Bank Gutmann und Leiter des Private Banking in Österreich. Die Privatbank verwaltet 15,9 Milliarden € an Kundengeldern. Die Einstiegshürde liegt bei einer Million €.

Matthias Albert ist im Vorstand der Bank Gutmann und Leiter des Private Banking in Österreich. Die Privatbank verwaltet 15,9 Milliarden € an Kundengeldern. Die Einstiegshürde liegt bei einer Million €.

Monika Jung ist Vorstand der Valartis Bank Österreich und leitet das Private Banking des zur Schweizer Bankgruppe gehörenden Finanzhauses. Die Höhe der verwalteten Assets der Valartis Bank Austria beträgt 1,7 Milliarden €.

Monika Jung ist Vorstand der Valartis Bank Österreich und leitet das Private Banking des zur Schweizer Bankgruppe gehörenden Finanzhauses. Die Höhe der verwalteten Assets der Valartis Bank Austria beträgt 1,7 Milliarden €.

Henrik Herr leitet das Private Banking der Credit Suisse in Österreich. Die Schweizer Bank verwaltet weltweit Kundengelder in Höhe von mehr als eine Billion Schweizer Franken. Die Einstiegshürde beträgt eine Million €.

Henrik Herr leitet das Private Banking der Credit Suisse in Österreich. Die Schweizer Bank verwaltet weltweit Kundengelder in Höhe von mehr als eine Billion Schweizer Franken. Die Einstiegshürde beträgt eine Million €.

Im Detail

McKinsey veröffentlicht jährlich eine Studie zum weltweiten Private-Banking-Markt. Österreich war mit Nettomittelzuflüssen von vier Prozent 2011 die Nummer eins in Europa. Die Margen liegen im Schnitt 30 Prozent unter Vorkrisenniveau. "Zehn Prozent der Banken machen Verluste. Die Größe der Institute ist entscheidend", sagt Studienautor Jens Hagel.

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