03.12.2012, 21:59  von Hans-Jörg Bruckberger

„In Wien gibt es keine eierlegende Wollmilchsau“

Obwohl Aktien generell günstig seien, blickt Kepler-Chefanalyst Thomas Neuhold vorsichtig in die Zukunft. Umso mehr sollten Anleger auf Qualität schauen und sich nur an finanzstarken Firmen beteiligen. Seine Top-Picks sind Immofinanz, Post und RHI.

WirtschaftsBlatt: Herr Neuhold, als Leiter der Aktienanalyse Österreich bei Kepler Capital Markets halten Sie, wenn man so will, die Fahnen hoch und haben das Österreich-Research der Bank Austria übernommen. Der Zustand des Wiener Kapitalmarktes ist aber besorgniserregend - Stichwort Umsatz- und Analystenschwund und seit Jahren fehlende Börsegänge. Wie sehen Sie das und worauf führen Sie es zurück?
Thomas Neuhold: Ich glaube, hier kommt mehreres zusammen: Die in Wien notierten Firmen sind international gesehen ja Small- und Midcaps, es dominieren Zykliker und Finanzwerte, und die meisten haben ein starkes Ost-Exposure. Das wurde früher positiv gesehen und international geradezu gesucht, jetzt ­jedoch gemieden. Dazu kommt, dass in Wien besonders viel über externe Handelsplattformen abgewickelt wird, weil die Gebühren hier besonders hoch sind. Und über diese Dark Pools kann man einiges an ­Gebühren sparen. Hier ist die Börse Wien ­gefordert. Trotzdem muss man auch den Umsatzeinbruch etwas relativieren. Denn richtig brutal schaut der im Vergleich zu 2007 aus; damals herrschte allerdings ein außergewöhnlicher Hype. Jetzt liegen wir in etwa auf dem Niveau von 2003. Und: Sobald der Markttrend nachhaltig positiv ist, wird auch das Geschäft in Wien wieder steigen.

Womit wir beim aktuellen Marktausblick wären: Was erwarten Sie für 2013?
Ich bin eher vorsichtig, weil es viele ungelöste Probleme gibt. Wobei man neben der Eurokrise nicht vergessen darf, dass auch die USA und Japan immense Schulden haben. Gleichzeitig schwächen sich die Emerging Markets ab. Und generell schwächelt die Weltkonjunktur. Dass die Börsen zuletzt trotzdem relative Stärke bewiesen haben, liegt an den Hilfsmaßnahmen der Notenbanken. Aber jetzt wird wieder mehr Fokus auf Fundamentales gerichtet sein. Und da gibt es nun einmal einen ­negativen Trend bei den Unternehmensgewinnen. Es gibt zwar noch keinen Grund zur Panik, aber das Risiko für eine Korrektur ist schon da.

Das derzeit wohl brisanteste Thema ist das drohende Fiscal Cliff in den USA. Glauben Sie noch an eine budgetäre Einigung beider Parteien, um diesen zu verhindern?
Wenn es hart auf hart geht, wird es zu einer Einigung kommen. ­Davon bin ich überzeugt.

Zurück zu den „Fundamentals": Wie schauen die Märkte Ihrer Meinung nach aus bewertungstechnischer Sicht aus?
Die Bewertungen sind schon ­attraktiv, nämlich historisch tief. In Wien liegt das KGV bei rund zwölf und das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei rund 0,9, der ATX notiert also deutlich unter Buchwert. Auch DAX oder Eurostoxx sind attraktiv bewertet. Plus: Es gibt derzeit wenig Alternativen zu Aktien. Insofern sind diese doch interessant. Mein Tipp: Man sollte auf solide Unternehmen setzen, die wenig zyklisch sind, ­finanzstark, einen positiven Cashflow aufweisen, in ihrem Bereich Marktführer sind und eine hohe Dividendenrendite bieten.

Auf wen trifft das in Wien konkret zu?
Es gibt in Wien keine eierlegende Wollmilchsau. Aber eine Immofinanz gefällt mir sehr gut. Die hat eine kerngesunde Bilanz, eine schöne Dividende, und sie ist billig. International ist die Immofinanz aber noch kaum in den Portfolios. Ich glaube, das wird sich jetzt, wo der Turnaround nicht mehr wegzuleugnen ist und auch kaum legal issues mehr bestehen, ändern. Ich merke, dass die Argumente langsam anfangen, zu greifen, und immer mehr Investoren anfangen, sich für die Aktie zu interessieren. Auch CA Immo und Conwert sehe ich positiv, die haben alle ihre Hausaufgaben gemacht.

Und abseits von Immobilien - wer gefällt Ihnen da?
Die Österreichische Post ist zwar schon gut gelaufen, aber operativ gut unterwegs. Sie hat eine gute Marktstellung, eine gesunde Bilanz und auf der Kostenseite geht mit dem Abbau der Beamten noch einiges. Andritz ist auch ein tolles Unternehmen, aber schon gut gelaufen. Die RHI hingegen wird nach wie vor unterschätzt. Die gefällt uns sehr gut, hat ihre Hausaufgaben gemacht. 2013 sollen weitere 20 bis 30 Millionen € an Overheads eingespart werden, was bei einem EBIT von knapp 170 Millionen €, das ist die Erwartung für heuer, schon ein schöner Effekt ist. Außerdem schlagen Mengenverluste in der Stahlindustrie bei der RHI nicht eins zu eins durch. Ein Teil der Nachfrage ist kapazitätsabhängig.

Sie haben ja auch viel mit internationalen Investoren und Analysten­kollegen zu tun. Sind da die aus Marktsicht inkompetente Politik sowie die zahlreichen Skandale in unserem Land ein Thema?
Diverse Skandale und auch die ­Politik sind immer wieder ein ­Thema. Aber es gibt in Österreich auch viele gute Unternehmen.

Ihr Wunsch ans Christkind? 
Politiker, die die Bedeutung der Börse wieder erkennen und wertschätzen. Weg mit der Kursgewinnsteuer, keine Transaktionssteuer und wieder mehr Privatisierungen. Polen ist da ein echtes Vorbild. Was die Steuern betrifft, so treffen diese ja nur die Kleinanleger und nicht die viel zitierten Spekulanten. Weil die kaufen dann halt an Märkten ohne Steuern.

 

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