16.02.2012, 00:33  von Hans Weitmayr

Von der Hellas- zur Euro-Krise und wieder zurück

Bild: EPA/Sotiris

Griechenland-Krise. Sechs Gründe dafür, dass ein griechischer Bankrott für die Eu einen Großteil seines Schreckens verloren hat.

Die Eurogruppe vertagt kurzfristig ein Treffen, auf dem die für Griechenland lebensnotwendige neue Kreditlinie über 130 Milliarden € freigegeben werden sollte. Gegenüber dem Land wird von Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker von einem "Mangel an Vertrauen" gesprochen. Damit steht eine Pleite des Landes wieder im Raum. Tags zuvor führt die Ratingagentur Moody 's einen Rundumschlag gegen neun europäische Märkte durch. Noch im Vorjahr hätten diese Nachrichten an den Aktienmärkten zu massiven Kursverlusten, an den Anleihemärkten zu ebenso deutlichen Renditeaufschlägen geführt. Dieser Tage ist alles anders: Kumuliert man die Reaktionen der vergangenen beiden Tage, haben die Märkte in dieser Zeit positiv performt. Warum das so ist? Eine Reihe von gefährlichen Brandherden wurde in den vergangenen beiden Jahren gelöscht - von einem potenziellen europäischen Flächenbrand wurde die Griechenland-Krise somit auf das reduziert, was sie ist: ein nationaler Schwelbrand.

KONTAMINIERUNG ANLEIHENMARKT

Refinanzierungskosten knapp vor der Eskalation unter Kontrolle gebracht

2010/11. Die Angst vor einem Überschwappen der Hellas-Krise manifestiert sich im Bondmarkt. Die Renditen -und somit die Refinanzierungskosten-steigen dermaßen an, dass neben Griechenland auch Portugal und Irland gerettet werden müssen. Italienische Renditen steigen auf bis zu 7,7 Prozent, die Eurozone droht zu kippen.

2012. Die neuerlichen Pleiteszenarien lassen die Märkte kalt. Die Renditen steigen kaum. Italienische Bonds mit fünfjährigen Laufzeiten rentieren bei 4,4 Prozent. Damit ist man weit von den sieben Prozent entfernt, die als kritisch gelten und bei Peripherie-Ländern in der Vergangenheit zur Annahme von Hilfsgeldern führten.

BANKENRISIKO

Europas Banken fahren ihr teils hohes Griechenland-Exposure zurück

2010/11. Bei einer Griechenland-Pleite wird ein Finanzkollaps à la Lehman befürchtet. Neue Bankenrettungspakete stehen im Raum. Besonders deutsche Banken gelten als verwundbar. Finanztitel brechen ein - die österreichischen börsenotierten Bankaktien fallen auf Kurse, die nahe ihres Lehman-Niveaus liegen.

2012. Die Banken haben ihr Griechenland-Exposure drastisch zurückgefahren bzw. abgewertet - zuletzt die BNP Paribas um 75 Prozent, was, falls die Hellas-Pleite abgewendet wird, einem realistischen Schuldenschnitt entspricht. Das Exposure von Erste Group oder Bank Austria tendiert bei Anleihen und CDS inzwischen gegen null.

AKTIENMÄRKTE

Mit der Isolierung des Hellas-Problems wird ein Aus für den Euro ausgepreist

2010/11. Die Angst vor einer Griechenland-Pleite und einem Auseinanderbrechen der Eurozone versetzt nicht nur die Anleihen-, sondern auch die Aktienmärkte in helle Panik. Der deutsche Leitindex DAX verliert im Sommer des Vorjahres rund 30 Prozent an Wert. Die Verluste des ATX setzen sich bis in den Herbst fort.

2012. Seit Jahresbeginn legen die Aktienmärkte massiv zu. Die Bereitschaft der EZB, die Banken auch weiterhin mit Geld zu versorgen, hat die Angst vor einer Bankenkrise vorläufig zerstreut. Damit wird ein Finanzkollaps à la Lehman ausgepreist, die wirtschaftliche Erholung der Eurozone hingegen bereits eingepreist.

EUROPÄISCHE ZENTRALBANK

Mit Mario Draghi an der Spitze geht die EZB offensiver gegen die Krise vor

2010/11. Die EZB wirkt unter ihrem Chef Jean-Claude Trichet wie gelähmt. Interne Streitigkeiten um den Kurs der Notenbank kosten Glaubwürdigkeit, Interventionen geschehen halbherzig. Man beharrt auf dem Primat der Erhaltung der Geldwertstabilität. Die Leitzinsen werden bei 1,5 Prozent auf "Hold" gestellt.

2012. Mario Draghi übernimmt im Oktober den Vorsitz der EZB. Bei seiner ersten Sitzung senkt er den Leitzins, ein zweiter Schritt folgt wenige Wochen später: Er kauft massiv Anleihen auf dem Sekundärmarkt. Im Dezember pumpt er 500 Milliarden € in die Banken. Diese investieren das Geld in den Bondmarkt. Die Renditen stabilisieren sich.

MERKOZY UND MONTI

Regierungswechsel und franko-deutsche Allianz erhöht das politische Vertrauen

2010/11. Europa gibt sich zu Beginn der Krise heillos zerstritten. Es droht eine Nord-Süd-Kluft zu entstehen, die Berlin und Paris nachhaltig auseinanderzudividieren droht. Außerdem wird Italiens Premier Silvio Berlusconi nicht zugetraut, sein Land aus der Krise zu führen. Eine "Vertrauenskrise" setzt sich in den Köpfen fest.

2012. Im Verlauf der Krise entsteht eine Allianz zwischen Frankreich und Deutschland. "Merkozy" treiben Reformen punkto Fiskalunion voran. Silvio Berlusconi wird von Mario Monti, einem Finanzexperten, abgelöst. Das nimmt vor allem die Angst, dass Italien pleitegeht und den Rettungsschirm EFSF sprengt.

RATINGS

Die Triple A-Bewertungen fallen - nach erster Panik stellt sich Gewöhnung ein

2010/11. Mit der Griechenland-Krise hagelt es -teils heftig kritisierte -Downgrades, die die Aktienmärkte zunächst nach unten, die Renditen nach oben treiben. Am Ende eines solchen Zyklus verlieren in der Eurozone alle Staaten bis auf Deutschland die höchste Bonitätsstufe der Ratingagentur Standard & Poor's.

2012. Eine gewisse Überreizung hat sich eingestellt. Abwertungen werden von den Märkten mit einem Schulterzucken quittiert. Der Höhepunkt dieser Nonchalance ereignet sich diese Woche, als ein Rundumschlag von Moody's gegen neun europäische Länder zu marginalen Abschlägen führt, die am Folgetag wieder wettgemacht werden.

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