01.12.2012, 16:36  von Stefan Mey

Europa wird wie Silicon Valley

Techcrunch-Chef Mike Butcher / Bild: Heisenberg Media

Markt. Die US-Heimat von Apple, Google und Facebook gilt als Mekka für Tech-Gründer. Doch auch in Europa entwickelt sich eine feine Szene für Start-ups und Investoren.

Wien. Wer hierzulande ein Unternehmen in der Tech-Szene gründet, der schaut oft neidisch nach Silicon Valley; denn die Gegend südlich von San Francisco bietet für Startups ein Ökosystem aus verfügbarem Kapital, talentierten Arbeitskräften und Co-Working-Spaces, in denen die Gründer einen Arbeitsplatz haben, sich fortbilden und vernetzen. Europa hat hier noch Aufholbedarf; doch auch östlich des Atlantiks tut sich etwas.

So hat sich laut Mike Butcher, Chefredakteur des Technologie-Blogs Techcrunch Europe, vor allem in Metropolen wie London eine blühende Kultur für Start-ups entwickelt. Rund 350 Start-ups aus dem Technologie-Sektor, die meisten davon im Software-Business, gibt es inzwischen in der britischen Hauptstadt; der seit 2007 laufende Gründungsboom läuft unter dem Titel "Silicon Roundabout" und zieht neben jungen Talenten auch vermehrt Investoren in Form von Business Angels und Risikokapitalfonds an.

Im Gegensatz zu Silicon Valley hat Europa eine kulturelle Vergangenheit

Mike Butcher, Techcrunch-Chef

Berlin wiederum hat seine "Silicon Allee" und ist ebenfalls Heimat zahlreicher Tech-Unternehmen. Für einen kommerziellen Erfolg exemplarisch ist das dem Berliner Inkubator "Rocket Internet" entsprungene Zalando - der Online-Modehandel mit der schrägen TV-Werbung ist eine Kopie des US-Start-ups Zappos.com und hat 2011 einen Umsatz von 510 Millionen € erwirtschaftet. Auch andere junge Unternehmen sprießen aus dem Boden; mit der "Factory" entsteht ein neuer Co-Working-Space, in dem unter anderem der Musikdienst "Soundcloud" zu Hause ist und der vom Internet-Konzern Google mit einer Million € unterstützt wird.

Dabei geht es nicht nur um Spielereien, sondern um Geld: In Berlin haben die fünf größten Verkäufe von Start-ups an Investoren oder Konzerne in den vergangenen zwei Jahren insgesamt rund 500 Millionen € eingebracht; in London hat dieses "Exit"-Volumen bereits acht Milliarden € erreicht.

Wien holt auf

Und wo steht Österreich? Noch ist Wien nicht Berlin, London oder San Francisco -aber wir holen auf. Co-Working-Spaces wie der "sektor5" oder das kürzlich eröffnete Clusterhaus sprießen auch aus dem Boden; und das Pioneers Festival, eine Start-up-Veranstaltung, lockte Ende Oktober 2500 Teilnehmer aus aller Welt in die Hofburg. Vor allem für Start-ups aus CEE-Ländern könnte sich Wien zu Drehscheibe entwickeln; und immer mehr Gründer punkten mit innovativen Ideen (siehe Kästen). Kapital ist in Österreich vorhanden, allerdings sind Investoren noch sehr risikoavers.

Punkten mit Kultur "Wenig Kapital am Markt bedeutet unterfinanzierte Start-ups", erläutert Butcher ein Dilemma der Szene - wer sein Unternehmen in großem Stil ausrollen will, der braucht Kapital. Ein weiteres Problem sei, dass der europäische Markt in kleine Teilmärkte fragmentiert ist und die User hierzulande weniger offen gegenüber Neuem sind wie in den USA.

Doch diese Nachteile können sich laut Butcher auch zu Vorteilen entwickeln: Ideen können in kleinen Märkten mit starker Kundennähe getestet und dann international ausgerollt werden. Außerdem habe Europa gegenüber den USA einen klaren Vorteil: "Wir haben eine kulturelle Vergangenheit, Silicon Valley nicht", sagt Butcher: "Darauf können wir aufbauen."

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-11-29)

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Everbill

Buchhaltung ist eine lästige Angelegenheit - das dachten sich die Gründer von Everbill und entwickelten ein browserbasiertes System, das die Buchhaltung vereinfacht und das automatische Erstellen von Rechnungen und Angeboten direkt aus der Software heraus ermöglicht. Inzwischen haben die Wiener in Silicon Valley eine Finanzierung bekommen, die zum Ausbau des US-Geschäfts beitragen soll. Der Mitbewerb schläft allerdings nicht: Auch die ebenfalls aus Wien stammenden Bookamat. com und Prosaldo.net bieten Online-Buchhaltung.

Wikifolio

Aktiendeals bekommen mit dem Wiener Start-up Wikifolio eine Social Media-Komponente: Auf der Website können Privatpersonen ihre eigenen Portfolios zusammenstellen und anderen Mitgliedern der Community präsentieren; finden sich genug Interessierte, so sind die Pakete bei deutschen Brokern erhältlich - in Österreich darf das Produkt aus regulatorischen Gründen noch nicht beworben werden. Im Juli ging die Plattform mit über 1000 Portfolios online, von denen in der vorangegangenen Beta-Phase 77 Prozent die Performance des DAX schlugen.

Fonmoney

Geldtransfer ins Ausland über Handys ist das Konzept hinter Fonmoney; über die Website geben Kunden die Nummer des aufzuladenden Wertkarten-Handys an und bezahlen über Kreditkarte, Sofortüberweisung oder Paysafecard. Auf diese Art können auch Menschen das Geld erhalten, die kein Bankkonto haben - Zielgruppe von Fonmoney sind nämlich jene 1,3 Millionen Migranten in Österreich, die jährlich 2,7 Milliarden € an ihre Verwandten überweisen. Die Transaktionsspesen liegen nach Eigenangabe unter jenen herkömmlicher Geldtransfer-Anbieter.

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