04.01.2016, 06:58  von Teresa-Antonia Spari

„Das Hauptproblem von Start-ups ist das falsche Tempo“

Früh übt sich - das gilt auch für Start-ups / Bild: (c) OTS/UIC

Einer macht Wien zum Hotspots für Start-ups. Der Zweite hält als Business Angel zehn Beteiligungen. Der Dritte pusht den Start-up-Gedanken politisch: Andreas Tschas, Michael Altrichter und Harald Mahrer im Interview.

Im Interview: Michael Altrichter, Business Angel; Harald Mahrer, Staatssekretär; Andreas Tschas, Pioneers-Gründer

WirtschaftsBlatt: Herr Tschas, Sie investieren in Start-ups. Woher nehmen Sie das Geld? Verbleibt es dann in den Unternehmen?

Andreas Tschas: Wir haben mit Pioneers Ventures einen Fonds von Privatinvestoren im Wert von zehn Millionen US-$. Das Geld investieren wir in Early-Stage-Start-ups, etwa 100.000 bis 120.000 € pro Unternehmen. Natürlich mit der Hoffnung, dass sich das Geld am Ende vermehrt.

Michael Altrichter: Wir investieren hauptsächlich Equity-Eigenmittel und keine Darlehen, die zurückfließen. Da muss man in der Regel bis zum Exit warten, bis ein Vielfaches des investierten Kapitals zurückkommt. Einige Start-ups schaffen es nicht – die muss man leider abschreiben. Im Mittel sollte aber eine Vervielfachung herausschauen. Meine Investments haben sich bis jetzt verdreieinhalbfacht. Bis zum Exit kann noch in beiden Richtungen etwas passieren.

Herr Altrichter, Sie raten Start-ups weiterzumachen, wenn sie scheitern. Haben viele Angst, noch einmal ein Risiko einzugehen?

Altrichter: Ich hoffe ganz und gar nicht, im Gegenteil. Wenn jemand einmal gescheitert ist, hat er so viel gelernt, was er in der Schule nie gelernt hat. Wenn sich bei mir zwei Menschen bewerben und einer von ihnen schon einmal gescheitert ist, würde ich – bei gleicher Qualifikation – dem Gescheiterten den Vorzug gegenüber dem geben, der noch nicht gescheitert ist: Er weiß unendlich viel mehr als der, der es noch nie probiert hat. Die Lorbeeren gebe ich demjenigen, der aus seinen Fehlern lernt und es dann besser macht.

Was passiert, wenn ein Mensch alles, was er hat, in ein Start-up steckt und scheitert?

Harald Mahrer: Dann muss er noch einmal neu anfangen. Das sind die Gesetzmäßigkeiten des Marktes: Wenn er alles auf eine Karte setzt – was in Ordnung ist und viele Leute machen – dann muss er neu anfangen. Es sind aber selten Einzelpersonen, meist ist es ein Team, das ein Start-up gründet.

Gibt es dann keine Unterstützung?

Mahrer: Im Idealfall ist man klug genug und behält sich eine Notreserve zurück. Aber klar ist: Wenn jemand von seiner Idee absolut überzeugt ist und das durchziehen möchte, dann ist es in Ordnung, wenn das nicht gleich funktioniert. Allerdings fehlt es in Österreich – anders als in den USA – noch an dieser Kultur des Scheiterns. Es ist bei uns schwierig, noch einmal durchzustarten, weil man mit einem Stempel versehen wird: „Der hat es nicht geschafft.“ Das versuchen wir gerade zu verändern.

Altrichter: Es ist natürlich sehr lobenswert, wenn jemand seine ganzen Ersparnisse in eine Idee steckt. Aber aus Investorensicht ist es nicht erforderlich. Es reicht, wenn er seine Arbeitsleistung hineinsteckt, aber eben nicht Haus und Hof verpfändet und vielleicht seine Familie aufs Spiel setzt. Dafür gibt es ja auch Eigenmittel von Investoren. Wenn etwas schiefgeht, sind zwei oder drei Jahre Arbeit des Gründers weg, aber hoffentlich nicht seine Ersparnisse. Es ist das Scheitern an sich schon stigmatisierend und deshalb ist dem Gründer davon abzuraten, sich zu überschulden – dann kommt er nach dem Scheitern überhaupt nicht mehr aus der Situation heraus.

Mahrer: Wenn man über Unternehmertum redet, redet man über sehr viel Freiheit. Diese Freiheit hat die Verantwortung als zweite Seite der Medaille: Man haftet für das, was man selbst macht. Diese Seite blendet man gern aus.

Nach welchen Überlegungen wählen Sie Start-ups aus, denen Sie Geld geben?

Altrichter: Natürlich beschäftigt man sich auch mit der Idee und dem Markt. Aber die Entscheidung, ob man investiert oder nicht, ist eine persönliche: Bin ich überzeugt, dass der Gründer das halten kann, was er verspricht, und möchte ich mich mit ihm die nächsten Jahre wirtschaftlich ins Bett legen? Wir wissen, dass gute Gründer aus einem schlechten Produkt ein erfolgreiches Unternehmen machen können. Umgekehrt sieht man, dass die gute Idee, umgesetzt von einem schlechten Unternehmer, nicht erfolgreich sein kann.

Es gibt Studien, dass nur zehn Prozent der Start-ups es auch zum erhofften Erfolg bringen?

Altrichter: Ja, in meinem Portfolio liegt die Zahl Gott sei Dank deutlich höher, etwa bei einem Viertel. Aber es stimmt: Es gibt viele Hindernisse. Ein guter Gründer weiß allerdings rechtzeitig, dass etwas nicht passt – der Markt oder das Produkt – und kann gegensteuern.

Mahrer: Start-ups machen nur einen Teil der Neugründungen aus. Österreichs Unternehmen sind überlebensstark. In Summe gibt es nach sechs Jahren 60 Prozent der gegründeten Unternehmen.

Was sind die gängigsten Start-up-Ideen?

Tschas: Die, die es schon in irgendeiner Form gibt. Wir haben zum Beispiel beim Pioneers-Festival eine App. Mittlerweile gibt es 70 Firmen, die sich mit einer Event-App bei uns melden. Und trotzdem sind wir mit dem, was wir jetzt haben, noch nicht zu 100 Prozent glücklich. Das sind Copycats – Trittbrettfahrer. Dabei sollte der Ansatz der sein, ein Problem lösen zu wollen, das noch nicht gelöst wurde. Das ist natürlich schwieriger, damit kann man aber wesentlich erfolgreicher sein.

Altrichter: Copycats sind nur in Ausnahmefällen interessant. Der Investor sucht nach disruptiven – ganz neuen – Dingen, die erstens schnell wachsen und zweitens monetarisieren können.

Aus welchen Gründen scheitern Start-ups?

Altrichter: Hauptsächlich liegt es an der Überschätzung des Marktes und der Selbstüberschätzung: Man glaubt, mit einer Idee schon den Erfolg verbucht zu haben. Aber es ist ein langer und trockener Weg, bis man einen Markt, einen Kunden findet, das Produkt an den Kunden anpasst. Viele finden einen Investor, stellen Geld auf und geben das Geld dann so schnell aus, wie sie es aufgestellt haben und am Ende des Geldes ist noch kein Erfolg da. Eine der Hauptursachen ist, dass der Gründer das falsche Tempo geht, manchmal zu schnell, manchmal zu langsam.

Tschas: Man gründet eine Firma oft nicht allein, sondern im Team. Das ist wie eine Hochzeit. Ich verbringe mehr Zeit mit meinem Mitgründer als mit meiner Freundin. Wenn es gut läuft, ist es kein Problem, aber wenn es einmal nicht so gut läuft, dann kann es zu Streitereien kommen. Dieser Clash of the Founders (Anm: Krieg der Gründer) ist mit ein Grund für das Scheitern.

Mahrer: Du kannst ein super Gründer mit einer tollen Idee sein, aber bist vielleicht nicht der Richtige, um das Unternehmen wachsen zu lassen. Da musst du dir rechtzeitig Partner an Bord holen. Aber das ist die schwierigste Situation: das Zurücktreten aus der ersten Reihe. Es gibt viele Unternehmen, die nicht erfolgreich waren, weil die Leute zu gierig waren und an der Führungsposition festgehalten haben.

Altrichter: Man tut gut daran, schon bei der Gründung anzusprechen: Was tun wir, wenn wir uns in ein paar Jahren nicht mehr verstehen?

Mahrer: Ich habe das selbst erlebt: Die beiden Personen, mit denen ich eine Firma gegründet habe, waren nach einem bzw. zwei Jahren weg und ein anderer mit an Bord. Das hat sich zum Glück nicht im Streit aufgelöst, sondern es waren Weggabelungen. Darauf muss man sich vorbereiten.

Haben Sie Bedenken, dass Gründen zum Trend wird, und die Ideenbereiche ausgeschöpft sind?

Mahrer: Das ist die geringste Sorge, die ich habe. Wenn ich die hätte, würde das bedeuten, dass unser Land so toll dasteht und so aufgeblüht ist, dass ich in der Nacht ganz ruhig schlafen kann. Wir haben jetzt das gegenteilige Problem: dass es zu wenige tun. Wir leiden daran, dass das Unternehmertum behindert und nicht beflügelt wird.

Tschas: Wir haben die Hoffnung, dass viele Menschen sagen: „Es gibt so viele Probleme, lasst uns an Lösungen arbeiten“ und damit andere Menschen inspirieren. Unsere Generation muss Lösungen für die nächste finden.

Altrichter: Die Ideen gehen definitiv nicht aus. Schon eher die Gründer. Da wird es enger, ebenso bei den Investoren. Ich würde mir mehr von ihnen wünschen.

Es gibt die Idee, dass Start-ups keine Lohnnebenkosten zahlen sollen. Woher soll das Geld kommen?

Mahrer: Unternehmen zahlen, wenn sie Gewinn erwirtschaften, Steuern. Die Lohnnebenkosten sind keine reinen Steuern, sondern beinhalten auch Sozialversicherungsbeiträge. Wenn das Unternehmen wächst, wollen wir es einfacher machen, Mitarbeiter einzustellen. Während die Mitarbeiter selbst weiterhin Sozialversicherungsbeiträge zahlen, sollen die Dienstgeberbeiträge fallen, für z. B. die ersten fünf Mitarbeiter in den ersten fünf Jahren.

Tschas: Wenn mir der Staat entgegenkommt, könnte ich mehr Mitarbeiter einstellen, die helfen, dass die Firma weiter wächst. Irgendwann habe ich statt zehn Mitarbeiter 100. Und dann fange ich an, für diese 100 Abgaben zu zahlen. Wenn ich am Anfang keine Erleichterung habe, komme ich vielleicht nie auf die 100. Bei vielen Start-ups fehlt am Anfang das Geld.

Altrichter: Jeder Steuer-Euro, der in ein Unternehmen kommt, ist Steuererzeugung. Das geht nicht ab, weil das Unternehmen das multipel wieder erzeugt. Ich verstehe gar nicht, warum nicht viel mehr in Unternehmen gepumpt wird von öffentlicher Hand.

Ab welchem Alter sollte man üben, unternehmerisch zu denken?

Tschas: Mein Kindeswunsch war es, Erfinder zu werden. Nach einem Besuch im Edison-Museum war ich fasziniert und habe begonnen, selbst zu tüfteln. Man soll so früh wie möglich Dinge ausprobieren: Das beste Beispiel ist der klassische Verkauf von Limonade. Wenn man denkt, wie einfach es ist, Limonade zu produzieren, einen Tisch aufzustellen und sie zu verkaufen. Man kann gar nicht früh genug starten.

Wie kann die Politik unternehmerisches Denken in der Bildung fördern?

Mahrer: In der Mehrheit der Fälle haben Jugendliche nicht das Gefühl, dass ihre Lust, etwas auszuprobieren und zu entdecken, ausreichend gefördert wird und wurde. Dabei brauchen wir genau das in unserem Bildungssystem. Für viele junge Menschen ist es wichtig, Erfolgserlebnisse zu haben, statt nur gesagt zu bekommen, was sie falsch machen. Das heißt nicht, dass ich gegen ein leistungsorientiertes System bin, ganz im Gegenteil, aber gleichzeitig muss die Lust auf Neues aufrechterhalten bleiben.

Tschas: Wenn ich zurückdenke, ist der Wunsch, selbst etwas zu schaffen, abtrainiert worden und nur durch meinen Vater, der selbst Unternehmer war, wieder gekommen. Ich bin ein Fan davon, Stärken zu stärken. Von meinen Mitarbeitern braucht nicht jeder Durchschnitt sein, ich will sie dort fördern, wo sie Leidenschaft, Motivation und Stärken haben. Dasselbe gilt für den Bildungsbereich.

Wie kann man Jugendliche, die jetzt eine Idee für ein Unternehmen haben, unterstützen?

Mahrer: Man muss in allgemeinen und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen viel mehr Möglichkeiten bieten, mit Unternehmertum zu experimentieren. Es braucht Spielfelder, im Idealfall mit der Wirtschaft gemeinsam. Und wenn aus diesem spielerischen Projekt ein echtes Unternehmen wird, ist das das Beste, was passieren kann. Man kann schon in der Unterstufe oder NMS in Betriebe gehen. Die Angst, zu viel Wirtschaft in die Schule zu bringen, ist vollkommen verkehrt. Im Gegenteil: Die Wirtschaft ist der zentrale Jobmotor, da muss man Verständnis für unternehmerische Prozesse schaffen. Und selbst, wenn jemand später kein Unternehmen gründet, hilft ihm das Wissen im Leben. Es macht einen zu einem mündigeren Staatsbürger, zu wissen, wie Wirtschaft funktioniert.

Altrichter: Wirtschaftliche Basics zu vermitteln ist das eine. Aber als Unternehmer braucht man Selbstvertrauen. Dazu kommt man, indem die Neugierde angeregt und nicht beschnitten wird. Scheitern muss dazugehören. Wenn man selbst weiß, wo seine Grenzen sind und ob man sie überschreiten kann, ist man schon einen Schritt weiter. Wenn man derzeit in der Schule Schwächen hat, muss man in den Förderunterricht. Dabei sollte man stattdessen die Stärken herausfiltern und stärken.

Wie können sich Schüler auf eine Gründung vorbereiten?

Tschas: Wir haben im Rahmen von Pioneers einmal Schülern die Möglichkeit gegeben, Ideen auszuarbeiten. So kreative Ideen hatten wir danach nie wieder. Benutzt haben wir dazu eine Übersicht, auf der man mit Post-its einen Businessplan erstellen kann, einen Business-Model-Canvass. Das kann man sich herunterladen und selbst durchspielen. Wenn man das mehrmals nutzt – für ein potenzielles Unternehmen oder ein Schulprojekt – kann man viel lernen.

Altrichter: Fachwissen ist okay, aber zweitrangig. Man muss sich selbst festigen und wissen, was man sich zutraut. Das ist wichtiger, als Buchungssätze oder geschichtliche Daten auswendig zu können.

Mahrer: Ich würde in Unternehmen gehen und Ferialpraxis machen. Außerdem gibt es ein breites Angebot, auch online, für Schüler, sich Wirtschaftswissen und -praxis anzueignen.

Was raten Sie Gründern, damit sie erfolgreich sind?

Altrichter: Einfach probieren. Man weiß vorher nicht, ob man erfolgreich ist.

Mahrer: Die meisten Unternehmen möchten Geld verdienen und Sinn stiften. Auf diesem Pfad muss man bleiben, auch wenn es einmal schiefgeht. Und selbst wenn: hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.

Tschas: Bei der ersten Veranstaltung von Pioneers erschienen 40 Teilnehmer. Ich habe mich gefragt, ob das sinnvoll ist. Die Antwort war: Ja, weil wir den Start-ups helfen konnten. Eines davon war Runtastic. Unsere Firma heißt JFDI – Just Fucking Do It. Und das sollte das Motto für Unternehmen sein.

Die Fragen stammen von zwei Schülern der HAK Baden. Das Interview führten sie gemeinsam mit dem WirtschaftsBlatt.

Jennifer Tobner, Benjamin Rom, Teresa-Antonia Spari

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Die Ideen werden uns nicht ausgehen. Schon eher die Gründer und die Investoren.

Michael Altrichter, Investor

Die schwierigste Situation für einen Gründer ist das Zurücktreten in die zweite Reihe.

Harald Mahrer, Staatssekretär (ÖVP)

Eine Unternehmensgründung ist wie eine Hochzeit: Ich verbringe mehr Zeit mit meinem Partner als mit meiner Freundin.

Andreas Tschas, Gründer des Pioneers

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