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29.01.2013, 09:43 von Evelin Past/wsj.com
Negatives Denken ist positiver als man glaubt. Zu diesem Schluss kam die US-Psychologieprofessorin Julie K. Norem mit ihrem Buch "Die positive Kraft negativen Denkens" schon vor über zehn Jahren. Sie sieht negatives Denken als Strategie, nicht als Symptom, das jemandem ausgeredet oder gar "wegtherapiert" werden müsste.
Der "defensive Pessimismus", den die Autorin untersucht, ist mehr als einfacher Pessimismus. Er zeichnet sich durch hohe, zielgerichtete Aktivität aus. Das macht das negative Denken so positiv: Befürchtungen, dass viel schief gehen könnte, und eher niedrig gesteckte Erwartungen lösen produktive gedankliche Prozesse aus - die bevorstehende Situation wird gründlich durchgespielt und ausreichend kontrolliert und auf Schwachstellen abgeklopft.
Auch der Autor Oliver Burkeman knüpft mit seinem aktuellen Buch "The Antidote: Happiness for People Who Can't Stand Positive Thinking" (derzeit nur in Englisch erhältlich) an diese Theroie an.
Denken Sie nicht an weiße Bären
Er bezieht sich etwa auf das Experiment des Psychologen Daniel Wegner. Es veranschaulicht den im Alltag allzu bekannten Tatbestand, dass sich ohnehin jene Gedanken in den Vordergrund drängen, an die man gerade nicht denken will. Bei der Übung soll man auf keinen Fall an einen weißen Bären denken. Strengt man sich an, denkt man umso mehr daran. Diese Idee der sogenannten "ironischen Prozesse" erklärt zum Beispiel, warum die Bewohner armer und wirtschaftlich instabiler Länder oft glücklicher sind als die von Industriestaaten, oder warum erfolgreiche Geschäftsmenschen sich oft keine festen Ziele setzen.
Kult des Positiven
In amerikanischen Unternehmen hat der „Kult des Positiven" allerdings dazu geführt, dass den Mitarbeitern sehr wohl Ziele gesetzt werden, und dass diese noch dazu SMART sein sollen - also „Spezifisch, Messbar, Ausführbar, Relevant und Terminierbar". Doch Ziele können auch dazu führen, dass Potential nicht ausgenutzt wird.
Es kann sogar gefährlich sein, sich zu stark auf ein Ziel zu konzentrieren und dabei alle anderen Faktoren zu vernachlässigen, sagt Christopher Kayes, Management-Professor an der George Washington University in Washington, gegenüber dem "Wall Street Journal".
Kayes erinnert sich an eine Unterhaltung mit einem Geschäftsmann, dessen Ziel es war, im Alter von 40 Jahren Millionär zu sein. „Er hat es geschafft. Doch er war auch geschieden, hatte gesundheitliche Probleme, und seine Kinder sprachen nicht mehr mit ihm." Hinter unserer Fixierung auf Ziele, sagt Kayes, steckt ein tiefes Unbehagen gegenüber der Unsicherheit.
Unsicherheit integrieren
Wer Unsicherheit in sein Leben integrieren kann, führt nicht nur ein ausgeglichenes Leben, sondern hat oft bessere Chancen auf Wohlstand, zeigt die Forschung von Saras Sarasvathy, einer BWL-Professorin an der University of Virginia. Bei einem Projekt interviewte sie 45 erfolgreiche Unternehmer, die alle mindestens eine Firma an die Börse gebracht haben. Fast keiner von ihnen baute auf umfassende Geschäftspläne oder detaillierte Marktforschung.
Fazit: Der Wert des "negativen Wegs" liegt nicht im Optimismus oder im Erfolg, sondern im Realismus. Die Zukunft ist unsicher, und manchmal gehen Dinge schief. Manager sollten also besser Unsicherheiten in ihren Arbeitsalltag zulassen, als ständig allen möglichen Überraschungen vorzubeugen.
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