04.12.2008, 08:47  von Paul Rübig

Gastkommentar: Europa hat globale Rohstoffinteressen

Bild: Beigestellt

Für die europäische Sachgüter-Erzeugung und die Stahlindustrie sind mineralische Rohstoffe der zentrale Lebensnerv der Wertschöpfung.

Die Rohstoffsicherheit Europas ist schon lange ein wichtiges Thema in der politischen Diskussion. Allerdings richtet sich das Augenmerk fast ausschließ­lich auf Energieträger wie Öl und Gas. Ein schwerwiegendes Problem wird dabei häufig unterschätzt: die ­Sicherung mineralischer Rohstoffe.

Gerade für die europäische Sachgüter-Erzeugung und die Stahlindustrie sind mineralische Rohstoffe der zentrale Lebensnerv der Wertschöpfung. So finden sich in einem Mobiltelefon etwa 40 verschiedene Stoffe, die zum Teile immer schwieriger zu bekommen sind. In einem modernen Rechner sind es sogar rund 60 Stoffe. Ingesamt werden fast 80 Prozent der in der EU verarbeiteten Rohstoffe importiert. Bei vielen Metallen ist Europa zu 100 Prozent auf Einfuhren angewiesen. Die Rohstoffabhängigkeit Europas und die damit verbundenen Risiken sind heute so hoch wie niemals zuvor.

Protektionismus.

Dass Rohstoffe wie Magnesit aus anderen Ländern in ausreichender Menge und zu fairen Bedingungen eingeführt werden können, ist eine Grundvoraus­setzung für den Industriestandort Europa. Rohstoffreiche Schwellenländer wie China und Indien haben jedoch mit ihrem Ressourcenhunger Preissteigerungen von mehreren hundert Prozent verursacht und verzerren mit protektionistischen Maßnahmen wie Exportzöllen den Wettbewerb.

Zusätzlich sichert sich vor allem China privilegierten Zugang zu Rohstoffvorkommen in Afrika und gefährdet damit die lang­fristige Versorgungssicherheit der europäischen Industrie. Gerade deshalb ist es unerlässlich, die ohnehin wenigen Abbaubetriebe innerhalb der EU speziell zu schützen, anstatt sie mit CO2-Zertifikaten noch mehr zu belasten.

Die Unternehmen allein können diese Herausforderung nicht bewältigen. Wie es bei Energieträgern der Fall ist, sind gemeinsame Anstrengungen von Wirtschaft und Politik notwendig. Insbesondere die EU ist hier gefragt: Sie muss mit einer einheitlichen Stimme sprechen und eine gemeinsame Rohstoffstrategie erarbeiten. Die Forderung von Industriekommissar Günter Verheugen nach gleichem Zugang zu den Rohstoffen am Weltmarkt für alle Marktteilnehmer wird von der Industrie begrüßt.

Entscheidend ist aber eine rasche Ausarbeitung und Umsetzung der Forderung. Weiters braucht die europäische Wirtschaft Rahmenbedingungen, die eine langfristige Nutzung europäischerRohstoffquellen und mehr Ressourceneffizienz und Recycling fördern.

Verknappung.

Auch Österreich wäre von einer Rohstoffverknappung stark betroffen: Der Anteil der Sachgüter-Erzeugung, die auf den Bergbau aufbaut, am Bruttoinlandsprodukt beträgt aktuell rund 25 Prozent. Kann eine konstante und sichere Versorgung mit den notwendigen Rohstoffen auf Dauer nicht gesichert werden, entstehen für die heimischen Unternehmen Wettbewerbsnach­teile, die in letzter Konsequenz zu einer Umsiedlung in die rohstoffreichen Regionen führen könnten.

* Paul Rübig ist Abgeordneter des EU-Parlaments (ÖVP)

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