17.08.2012, 09:37  von Lorenz Wied

Warum Dayli eine Chance hat

Lorenz Wied, Partner bei Trout & Partners / Bild: beigestellt

Einzelhandel. Erfolgreiche Unternehmen scheitern, weil sie genau das tun, was ihre Kunden von ihnen erwarten. Dadurch übersehen sie bahnbrechende Entwicklungen in ihrer Branche.

Im Einzelhandel wird sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren mehr verändern als in den vergangenen 100 Jahren. Das hat der amerikanische Retail-Guru Paco Underhill vor fünf Jahren postuliert. Sollte das durch TAP 09 und Rudolf Haberleitner in Österreich und Deutschland Gestalt annehmen?

Gegen Ende der 80er-Jahre hat ein polnischer Wirtschaftsprofessor in einer Vorlesung die Entwicklung der Wirtschaft in Polen treffend mit der Bewegung eines Pendels verglichen. Einmal geht das Pendel in die eine Richtung - dann eben wieder in die andere. Das Sterben des Gemischtwarenhandels haben wir hinter uns. Groß, Super und Hyper - das andere Extrem wird zur Hochblüte gebracht. Neue Länder werden erschlossen und zugekleistert mit riesenhaften Märkten.

Neue Chancen. Hat klein und nah wieder eine Chance? Wenn die Beschaffung von Artikeln des täglichen Bedarfs im Haushalt zu einer logistischen Sinnlosigkeit wird, dann jedenfalls. Ein Lebensmitteleinzelhandel (LEH) mit weniger als 5000 Artikeln und unter 400 Quadratmetern sei nicht erfolgreich zu führen - so die Aussage des LEH. Warum? Weil die LEH-Leute eben so denken. Und genau das bietet Andersdenkenden die Chance. Wirklich bahnbrechende Innovationen werden in der Regel von branchenfremden Unternehmen gemacht, nicht vom Branchenprimus.

Innovation. Harvard-Professor Clayton Christensen beschreibt dies in "Innovator's Dilemma" so: Erfolgreiche Unternehmen scheitern, weil sie genau das tun, was ihre Kunden von ihnen erwarten. Dadurch übersehen sie bahnbrechende Entwicklungen in ihrer Branche. Kodak und Polaroid haben die Digitalfotografie nicht rechtzeitig als neue Generation in der Fotografie ernst genommen und auf den Markt gebracht. Dampfschiffe haben Segelschiffe abgelöst und wurden dann durch von Dieselmotoren angetriebene Schiffe ersetzt. Es waren jeweils neue Unternehmen, die mit der neuen Generation von Schiffen gewonnen haben. Bezeichnend für aufstrebende Unternehmen ist, dass sie meist neue Businessmodelle anwenden, mit denen die vertikale Kette vom Anbieter zum Kunden verkürzt wird, womit mehr Geld verdient werden kann. Das Internet ist dabei die treibende Kraft. Die aktuell dominierenden Unternehmen haben bestimmte Positionen im Gedächtnis der Kunden. Daher haben sie es auch schwer, sich von dieser Position wegzubewegen, sich selbst zu repositionieren. Hauszustellung in Österreich hat bisher nicht geklappt. Klar, das geht gegen das Geschäft der arrivierten Supermärkte. Man macht vor Ort weniger Geschäft, wenn man mit bestehenden Kunden rechnet.

Nische. Dayli kann es daher gelingen, eine echte Wende im Handel zu initiieren. Mit sinnvoller Kombination von Online-und Vor-Ort-Handel-eine offene Position, zumindest in der derzeitigen Handelslandschaft. Einzig bleibt abzuwarten, ob dieses Konzept mit einer so großen Anzahl an Standorten abheben wird. Es braucht einen mächtigen Impuls, um Kunden von ihren bestehenden Einkaufsgewohnheiten wegzubringen, um eben bei Dayli zu kaufen und nicht bei den bisherigen Anbietern. Es muss unsere Bequemlichkeit fördern, einfacher und unkomplizierter sein und wenn möglich noch preislich attraktiv. Guten Morgen Handel - alles Gute Dayli.

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-08-17)

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

17.10.2014, 08:45

Der Staat, seine Bürger und die ÖIAG

16.10.2014, 06:09

Daten teilen, über sie herrschen und Milliarden kassieren

15.10.2014, 05:59

Nachhilfe für Abschlussprüfer

Mehr auf wirtschaftsblatt.at

    Mehr aus dem Web

    WERBUNG

    Kommentare

    1 Kommentare

    Verbleibende Zeichen: 1500

    Und wieder ein selbsternannter Experte, der glaubt, der Niedergang von Kodak hätte als Ursache, dass Kodak den Wechsel zur digitalen Fotografie verschlafen hätte.
    Wenn er sich ein bisschen informiert hätte, wüsste er, dass Kodak sogar einer der Digitalpioniere und im medizinischen und High-End-Bereich führend ist.
    Der wirkliche Grund für den Verlust von Marktführerschaft - und das ist gehört zum 1x1 jedes Ökonomen - ist schlicht der Umstand, dass bei einem Paradigmenwechsel die Karten neu gemischt werden und Marktführerschaften mit alten Technologien bedeutungslos sind.
    Dazu kommt die bewunderswerte Fähigkeit der Ostasiaten, sich blitzschnell auf neue Märkte und Technologien einzulassen und natürlich extrem kosteneffizient zu produzieren.
    Ob Dayli eine Chance hat, wage ich nicht zu prognostizieren, das Marketing sollte aber auf jeden Fall überarbeitet werden.
    Bislang lösen die Flyer bzw. Angebote noch nicht das Gefühl aus "das muss ich mir mal ansehen gehen", und nach den AK-Tests sind die ehemaligen Schlecker-Filialen billig, aber die Produkte keineswegs preiswert - zumindest nicht preiswerter als bei der wesentlich gediegeneren und besser sortierten Konkurrenz dm, BIPA und Müller.

    verfasst am 30.11.2012, 09:59

    14.10.2014, 08:16

    Umdenken auf dem Aktienmarkt

    09.10.2014, 06:45

    Es bleiben immer die Frauen auf der Strecke

    In Entwicklungsländern fehlt es Frauen nach wie vor am Zugang zu Grundbildung und Informationen.

    07.10.2014, 14:01

    Jürgen Stark: Die EZB beugt sich dem Willen der Problemländer und opfert ihr oberstes Ziel

    Gastkommentar von Jürgen Stark: Die EZB steckt mitten in einem großen, riskanten Experiment. Sie hat alle Beschränkungen des Vertrags von Maastricht abgeworfen und ist bereit, neue Tabus zu brechen. Die Währungshüter machen nicht mehr Geldpolitik für die Eurozone als Ganzes, sondern für die Problemländer. Das, was die EZB, als oberstes Ziel verteidigen wollte, wird höchstwahrscheinlich das erste Opfer dieser Geldpolitik sein.

    01.10.2014, 11:31

    Warum "Preisstabilität" nicht existiert...

    Ende 2013 war das Niveau der Verbraucherpreise im Euro-Raum 36 Prozent höher als zu Beginn der Währungsunion. Beim EZB-Ziel von (unter, aber nahe) 2 Prozent Teuerung pro Jahr sinkt die Kaufkraft des Geldes in zehn Jahren um 18 Prozent. Das ist alles andere als Geldwertstabilität. In 11 von 15 Jahren Währungsunion lag die Inflationsrate zudem über dem EZB-Ziel – nur dass diese Verfehlungen bei weitem nicht so laute Rufe nach Zinserhöhungen auslösten, wie im aktuell umgekehrten Fall die Rufe nach Lockerung sind.

    30.09.2014, 06:54

    Länder sollen Steuern selbst einheben

    Österreichs Finanzminister Schelling muss bis Ende 2015 einen neuen Finanzausgleich zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ausverhandelt haben.

    Umfrage

    • Wie stehen Sie zu dem Handelsabkommen TTIP?
    • TTIP sollte abgeschlossen werden
    • Zustimmung nur nach Entschärfung riskanter Punkte
    • Generell dagegen