19.09.2012, 09:26  von Michael Spence

Harte Wahrheiten zum globalen Wachstum

Krise bleibt uns erhalten / Bild: Colourbox

Ivy League. Die Krise greift auf die Entwicklungsländer über. Die Weltwirtschaft steht vor einer mehrjährige Periode sehr niedrigen Wachstums.

Die reichen Länder sind in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, und nun greifen ihre Probleme auf die Entwicklungsländer über. Welche Faktoren liegen dem zugrunde und wie wird die Politik darauf reagieren?

Der erste Schlüsselfaktor ist Abbau von Fremdkapital und die dadurch zurückgehende Gesamtnachfrage. Einige Industrieländer haben die Nachfrage durch hohe Verschuldung und exzessiven Konsum aufrechterhalten und Bilanzen reparieren müssen. Dies kostet Zeit, Wachstum und Beschäftigung.

Alle entwickelten Volkswirtschaften verfügen über einen großen Nichthandelsbereich, der völlig von der Inlandsnachfrage abhängt. Ein Teil der Defizite könnte durch den Handel ausgeglichen werden, aber der ist nicht groß genug. Die Kapazitäten der öffentlichen Hand sind durch hohe Schulden eingeschränkt.

Unterm Strich wird das Wachstum aufgrund des Abbaus von Fremdkapital kurzund mittelfristig bescheiden ausfallen. Wenn Europa auseinanderfällt oder Amerika 2013 wegen des Auslaufens von Steuererleichterungen und folgender Ausgabenkürzungen in eine Sackgasse gerät, wird eine schwere Rezession wahrscheinlich.

Der zweite Faktor bezieht sich auf die Investitionen. Sie sind für langfristiges Wachstum nötig, sonst verringern sich das Wachstum und das Angebot an Arbeitsplätzen. Vor der Krise wurde zu wenig investiert, besonders im öffentlichen Sektor. Bei Investitionskürzungen leidet das Wachstum und Arbeitsplätze für junge Menschen gehen verloren.

In Wachstum investieren. Zur Steigerung des Wachstums sind mehr Investitionen nötig, gleichzeitig meinen alle, jemand anders sollte dafür zahlen. Soll die Investitionstätigkeit des öffentlichen Sektors ohne Steuererhöhungen verstärkt werden, wären die Haushaltskürzungen zur Vermeidung weiterer Schulden unangemessen hoch.

Die schwierigste Herausforderung ist, wie die Früchte des Wachstums verteilt werden. In den meisten Industrieländern stagnierten die Einkommen der Mittelklasse und die Arbeitsplätze wurden knapper, besonders im Handel.

Diese Trends spiegeln eine in den letzten zwei Jahrzehnten vorherrschende Kombination technologischer und weltweiter marktwirtschaftlicher Kräfte wider. Arbeit sparende Innovationen haben sowohl im Handels-als auch im Nichthandelssektor einen Keil zwischen Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen getrieben.

Im Handelsbereich hoch entwickelter Volkswirtschaften hat die Automatisierung gemeinsam mit der Integration von Neueinsteigern die Neuschaffung von Arbeitsplätzen behindert. Multinationale Unternehmen unterlaufen die Sicherheit im Arbeitsmarkt, die darin bestand, dass Firmen an einem bestimmten Ort bei der Suche nach Arbeitskräften im Wettbewerb zueinanderstanden.

Die Wirtschaftspolitik hat sich bisher mit den negativen Verteilungstrends aus globalen Marktbedingungen nicht genug beschäftigt. Und die Einkommensverteilungen in den Industrieländern sind erstaunlich unterschiedlich. Obwohl sich die Theorie der optimalen Einkommensbesteuerung direkt auf den Ausgleich von Effizienzanreizen und Konsequenzen auf die Verteilung auswirkt, scheint ein angemessenes Gleichgewicht in weiter Ferne zu sein. Dazu wäre eine gesunde Bilanz hilfreich, da ein Teil an den Staat gehen würde. Aber mit Ausnahme von China sind die Haushalte derzeit weltweit ziemlich schwach.

Fremdkapital abbauen. Daher wird der Abbau von Fremdkapital weiterhin an erster Stelle stehen, was das Wachstum schwächt, ohne dass die von steigenden Staatsschulden und Defiziten geplagte öffentliche Hand gegensteuern könnte. Die Weltwirtschaft steht also vor einer mehrjährigen Periode sehr niedrigen Wachstums, wobei politischer Stillstand sowie Fehler Europas, der USA und anderer Länder das Risiko weiter verstärken. Dieses Szenario beinhaltet auch ein niedrigeres Wachstum in China und den anderen Schwellenländern, und auch hier besteht das Risiko eines weiteren Abschwungs.

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(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-09-19)

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