26.12.2012, 14:25  von Christine Lagarde

Die zukünftige Weltwirtschaft

Christine Lagarde / Bild: Project Syndicate

Ivy League. Wir müssen das System, das die Krise verursacht hat, hinter uns lassen - einen Finanzsektor, in dem manche, wie die alten Griechen sagen würden, mit Hybris und ungezähmter Nemesis agiert haben

WASHINGTON, DC - Angesichts dessen, dass die Welt vor einem neuen Jahr im Schatten der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise steht, brauchen wie eine bessere Übersicht über die Konturen der zukünftigen Weltwirtschaft.

Die langfristigen Tendenzen sind klar: Die dynamischen Schwellenmärkte von Asien bis Lateinamerika gewinnen an Bedeutung. Die Vereinigten Staaten und Japan sind weiterhin wichtige Triebkräfte der Weltwirtschaft, stehen aber vor großen Schulden- und Defizitproblemen. Europa geht durch einen schwierigen, aber historischen Prozess der Neuaufstellung und Integration. Der Nahe Osten wandelt sich vor unseren Augen. Im Afrika südlich der Sahara sind Durchbrüche hin zu nachhaltiger Entwicklung erkennbar - eine neue Wachstumsfront nach Jahrzehnten der Stagnation.

Diese Veränderungen gestalten unsere Zukunft auf positive Weise. Aber es sind immer noch beträchtliche Hindernisse zu überwinden. Die Erholung der Weltwirtschaft bleibt weiterhin zu schwach. Bei über 200 Millionen Arbeitslosen weltweit sind die Aussichten auf neue Arbeitsplätze immer noch zu trübe. Und die Kluft zwischen Reich und Arm, die durch die Krise vertieft wurde, ist immer noch zu groß.

Wollen wir unseren Optimismus Wirklichkeit werden lassen, stehen wir vor einem harten Weg. Auf diesem sehe ich drei wichtige Meilensteine:

Zuerst müssen wir natürlich die Krise ein für alle Mal hinter uns lassen. Und wie das geht, wissen wir: flexible Geldpolitik; Haushaltsanpassungen in allen Industrieländern, einschließlich konkreter und realistischer Pläne zum mittelfristigen Schuldenabbau, ohne dabei das kurzfristige Wachstum zu untergraben; Abschluss der Sanierung des Bankensektors; und Reformen zur Stärkung von Produktivität und Wachstumspotenzial. All dies muss von einer Neuausrichtung der globalen Nachfrage hin zu dynamischen Märkten begleitet werden, einschließlich derer der Entwicklungsländer.

Das größte Hindernis

Das größte Hindernis werden wahrscheinlich die riesigen Berge öffentlicher Schulden sein, die in den Industrieländern jetzt durchschnittlich bei etwa 110% des BIP betragen - dies ist der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Dadurch sind die Regierungen sehr anfällig gegenüber subtilen Veränderungen des Vertrauens. Auch sind dadurch ihre Hände bei der Aufgabe gebunden, die physische und institutionelle Infrastruktur des 21.Jahrhunderts aufzubauen und gleichzeitig ihre sozialen Versprechen zu halten. Dieser Druck wird durch die Alterung der Bevölkerungen noch verschärft.

Historisch betrachtet gibt es dafür zwei klare Lösungen: Der Abbau öffentlicher Schulden ist ohne Wachstum unglaublich schwierig, und die Steigerung von Wachstum bei gleichzeitig hohen Schulden ist ebenfalls unglaublich schwierig. Also stehen wir vor einer doppelten Herausforderung - der Sicherung von Wachstum bei gleichzeitiger Reduzierung der Schuldenlast. Der Schlüssel liegt nun darin, nicht nur in den bekannten Politikbereichen von Diskussionen zu Handlungen zu gelangen, sondern uns gemeinsam und an allen Fronten vorwärts zu bewegen.

Ein neues, globales Finanzsystem

Der zweite Meilenstein ist ein besseres globales Finanzsystem. Wir müssen das System, das die Krise verursacht hat, hinter uns lassen - einen Finanzsektor, in dem manche, wie die alten Griechen sagen würden, mit Hybris und ungezähmter Nemesis agiert haben. Natürlich hat es hier wichtige Fortschritte gegeben, insbesondere durch die Basel III-Agenda für widerstandsfähigere Kapital- und Liquiditätspuffer. Aber sowohl bei der Umsetzung der vereinbarten Reformen als auch beim Fortschritt in Bereichen wie den Derivaten und des Schattenbankensystems lässt das Momentum nach.

Daher ist das System als Ganzes noch nicht viel sicherer, als es zur Zeit des Zusammenbruchs von Lehman Brothers im September 2008 war. Es ist immer noch zu komplex, die Aktivitäten sind immer noch in zu großen Institutionen konzentriert, und das Schreckgespenst des "too big to fail" lebt weiter. Anhand fortwährender Exzesse und wiederholter Skandale wird sichtbar, dass die sich die Finanzkultur nicht wirklich verändert hat.

Viele in der Finanzdienstleistungsindustrie machen sich Sorgen über die Kosten neuer Regulierungen. Eine aktuelle Studie des IWF zeigt, dass bessere Regulierung tatsächlich zu einer Steigerung der Kreditvergabe der Banken führen würde, wenn auch relativ geringfügig. Auch konnte gezeigt werden, dass die Erhöhung der Kapitalpuffer auf ein angemessenes Maß das Wirtschaftswachstum steigert, anstatt ihm zu schaden. Ebenfalls würde eine Reform der Besteuerung des Finanzsektors dazu beitragen, exzessive Risikobereitschaft und Fremdkapitalaufnahme zu verringern.

Unterm Strich bedeutet dies, dass die Kosten einer Reform erschwinglich sind. Die Kosten des Nichtstuns sind es nicht.

Der dritte Meilenstein bezieht sich auf die Qualität und Ganzheitlichkeit des Wachstums. Zwar ist Wachstum für die Zukunft der Weltwirtschaft dringend erforderlich, aber es muss eine andere Art von Wachstum sein - es darf nicht nur ein Nebenprodukt ungezähmter Globalisierung sein, sondern muss alle mit einbeziehen.

Die politischen Auswirkungen einer solchen Neuorientierung sind gewaltig. Wir brauchen eine Haushaltspolitik, die nicht nur effizient ist, sondern auch Gleichheit berücksichtigt - die insbesondere eine faire Teilung der Anpassungslasten vorsieht und die Schwachen und Verletzlichen schützt. Dazu müssen Kredite und Finanzdienstleistungen für alle zugänglich gemacht werden. Und wir brauchen mehr Transparenz und bessere Unternehmensführung.

Um diese Meilensteine zu erreichen, muss die globale Zusammenarbeit verstärkt werden. Wenn eine eng vernetzte Welt eine Welt gemeinsamen Wohlstands sein soll, muss sie eine Welt sein, die eng zusammenarbeitet. Es gibt einfach keine andere Wahl. Wir sind viele Spieler, spielen aber ein gemeinsames Spiel - ein Spiel, das kooperativ sein muss, und nicht einfach nur Wettbewerb bedeuten darf. In einer solchen Welt spielen multilaterale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds eine wichtige Rolle bei der Förderung wirtschaftlicher Zusammenarbeit.

Das Jahr 2013 gibt uns die Chance, die Wirtschaftskrise hinter uns zu lassen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Politiker müssen diese Chance nutzen. Der IWF unterstützt sie beim Bau einer faireren und wohlhabenderen Zukunft.

 

 

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Christine Lagarde ist geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds. Aus dem Englischen von Harald Eckhoff Copyright: Project Syndicate, 2012. www.project-syndicate.org

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Kommentare

3 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500

Gast: Cable meint

1. Was benötigen wir? <- daraus ergibt sich Arbeit
2. Was können wir erreichen? <- daraus ergibt sich Arbeit
3. stetiges Verbessern des statusQuo ergibt Arbeit.

(Armut wie Nationen-beschränktes Denken ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft)

verfasst am 08:08 27.12.2012

Europa steht erneut vor einer Zerreisprobe statt "...einen schwierigen, aber historischen Prozess der Neuaufstellung und Integration..." Denn die deutsche Bundestag nicht mehr willig, weiterhin hunderte Milliarde nach Süden zu transferieren und sie kann auch den deutschen Steuerzahler nicht rechtfertigen. Griechenland steht genau dort, wo es vor dem €-Betritt war, nämlich tricksreich, außer Bilanzmanipulation ist keine Besserung zu sehen. Die Steuermoral ist genau so tief wie von vorigen Jahrhundert, Steuerhinterziehung ist ein beliebtes Volkssport, wie soll Griechenland saniert werden? Wir reduzieren unsere Mindestpensionen, um die griechische Hilfe auf Dauer zu sichern.

verfasst am 12:35 26.12.2012

Gast: tzu meint

Kleingeister wie Sie werden es wohl nie schaffen ueber den Horizont von Mindestpensionen hinauszusehen. Es ist der Schritt zurueck der das groessere Ganze erkennen laesst...

verfasst am 23:04 26.12.2012

25.03.2013, 21:31

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Dani Rodrik: Politik steht im Spannungsfeld zwischen Ideen und Interessen. Wird das Verhalten von Politikern von Interessen bestimmt, werden Reformvorschläge von Ökonomen selten gehört.

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