21.01.2013, 13:16  von Ashoka Mody

Dammbruch in der Eurozone

Bild: bloomberg

Ivy League. Eine Lösung der Krise, die auf Deutschland beruht, war immer schon politisch ungewiss. Sie könnte bald wirtschaftlich unhaltbar werden.

PRINCETON - Ist das Zentrum Europas brüchig geworden, während aller Augen auf die Peripherie gerichtet waren? Die Bundesbank hat ihre Prognose für das jährliche BIP-Wachstum Deutschlands für 2013 auf 0,4 % gesenkt. Die Zentralbank der Niederlande erwartet, dass das niederländische BIP in diesem Jahr um 0,5 % schrumpft - und 2014 weiter abnimmt.

Die Krise der Eurozone könnte in ihre dritte Phase eintreten. In der ersten Phase, die im Frühjahr 2008 begann, verlagerte sich der Hauptschauplatz der Nordatlantik-Krise von den Vereinigten Staaten in die Eurozone. Banken in der Eurozone gerieten unter Druck und die Spannungen zwischen den Banken nahmen zu.

In der zweiten Phase, die im Frühjahr 2009 ihren Anfang nahm, breitete sich die Krise auch auf souveräne Staaten aus, da die Investoren zunehmend Angst bekamen, dass die Staatskassen durch die Unterstützung der Banken belasten würden. Die staatliche Schwäche ließ die Banken wiederum riskanter erscheinen, und das Schicksal der Banken und ihrer jeweiligen Regierungen wurde unzertrennlich miteinander verbunden.

Während der gesamten Krise wurde - bisher zumindest - weithin angenommen, dass das Zentrum der Eurozone stabil bliebe und die Schecks für die in Not geratenen Regierungen und Banken der Peripherie ausstellen würde. Diese Annahme erschien plausibel. Ein Europa der „zwei Geschwindigkeiten" schien der neue Status quo zu sein.

Vor allem Deutschland stand über dem Schlachtgewühl. Nach einer starken Leistung 2010 stieg Deutschlands BIP Anfang 2011 über das Vorkrisenniveau, womit das Land etwas besser abschnitt als die USA. Angesichts Deutschlands überraschend beeindruckender Beschäftigungsleistung schien sich tatsächlich ein zweites Wirtschaftswunder anzukündigen.

Subtile Veränderung

Dann trat eine subtile Veränderung ein. Die USA überholten Deutschland - trotz einer historisch langsamen Rückkehr zur Normalität. Wenn sich das Durcheinander mit Fiskalklippe und Schuldenobergrenze nicht zu lang hinzieht, könnten die USA eine nachhaltige Erholung zusammenschustern. Nach dem steilen Abschwung der deutschen Wirtschaft im letzten Quartal 2012 stellt sich dem Land heute die Frage, ob es eine formale Rezession verhindern kann (laut Definition zwei aufeinanderfolgende Quartale mit wirtschaftlichem Abschwung).

Europa hat keinen eigenen Wachstumsmotor. Deutschlands Erholung war zunächst kräftig, weil der Welthandel nach einem steilen Abfall rasch wieder zunahm. Chinas unersättlicher Appetit nach deutschen Autos und Maschinen sorgte für den benötigten Auftrieb, auch als Deutschlands traditionelle Handelspartner in Europa zu kämpfen hatten.

Seitdem hat sich das Wachstum der chinesischen Nachfrage jedoch verlangsamt, und Deutschlands europäische Handelspartner befinden sich in noch größeren Schwierigkeiten. Aufgrund der Sparpolitik in der Peripherie wird weniger importiert, daher müssen die Länder, die in die Peripherie exportieren, ihre eigenen Importe zurückschrauben - und so setzt sich der Prozess fort. Dieser Handelsmultiplikator ist dafür verantwortlich, dass sich die europäischen Volkswirtschaften gegenseitig negativ beeinflussen, und der Rest der Welt bekommt die Auswirkungen zu spüren.

Größter Kreditgeber der Peripherie

Die schlechten Aussichten für die niederländische Wirtschaft sind ähnlich alarmierend. Die Niederlande stehen in Bezug auf das Kreditvolumen, das sie durch das sogenannte „Target2-System" in die Peripherie der Eurozone fließen lassen, an zweiter Stelle hinter Deutschland, und pro Kopf gerechnet sind sie der größte Kreditgeber der Peripherie.

Wirtschaftsprognostiker versprechen weiterhin, dass das Wachstum wiederaufleben wird. In der zweiten Hälfte 2013 wird es langsam besser aussehen, wird uns gesagt. Doch war die Akkuratheit der Prognosen in der Vergangenheit eher entmutigend. In seinem Buch The Signal and the Noise erklärt der amerikanische Statistiker Nate Silver, dass Prognostiker ungenauere Voraussagen machen, wenn sie mit Umständen konfrontiert sind, die sie zuvor noch nicht angetroffen haben. Dies sind solche Umstände.

Im April 2010 sagte der Internationale Währungsfonds in seinem World Economic Outlook für 2013 ein jährliches BIP-Wachstum von 1,8 % in Deutschland und den Niederlanden voraus. Im Oktober letzten Jahres senkte der IWF seine Wachstumsprognose für 2013 für Deutschland auf 0,9 % und für die Niederlande auf 0,4 %. Und nur zwei Monate später melden die Zentralbanken der beiden Länder, dass selbst diese verringerten Erwartungen zu optimistisch seien. Wer kann schon sagen, dass die zweite Hälfte des Jahres 2013 mehr Hoffnung und gute Stimmung bringen wird?

Das Scartlett-O'Hara-Prinzip

Der europäische Krisenmanagementprozess gründet auf dem Scarlett-O'Hara-Prinzip: „Morgen ist ein neuer Tag." Obwohl jeder weiß, dass das Verschieben von schwierigen Entscheidungen, das Problem nur noch größer werden lässt, konnte man noch annehmen, dass es immer eine sichere Verteidigungslinie geben würde. Das könnte sich ändern.

Die dritte Phase der Krise der Eurozone wird kommen, wenn die Wirtschaftsstärke des Zentrums in Zweifel gezogen wird. Genau diese Zweifel untergraben die Glaubwürdigkeit des Sicherheitsnetzes, das die europäische Peripherie stützt.

Eine Lösung der Krise, die auf Deutschland beruht, war immer schon politisch ungewiss. Sie könnte bald wirtschaftlich unhaltbar werden.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann

 

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

21.05.2013, 12:33

Durch Sparen Lehren für das Wachstum ziehen

30.04.2013, 18:32

Die großen Märchen der großen Banken

10.04.2013, 16:35

George Soros: Deutschlands Entscheidung

Der europäische Krisenmanagementprozess gründet auf dem Scarlett-O'Hara-Prinzip: „Morgen ist ein neuer Tag."

Ashoka Mody

Ashoka Mody war Leiter der Stabsdelegation für Deutschland und Irland beim Internationalen Währungsfonds und ist derzeit Gastprofessor für Internationale Wirtschaftspolitik an der Woodrow Wilson School of Public and International Affairs der Princeton University.

WERBUNG

Kommentare

1 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500

Gast: Ateist meint

Ist das nicht schön mit der EU nehmen wir da die grossen wie strabag wo mann Arbeiter ihn das Asland schickt und dort die anssässigen Löhne verlang von den Bauherren aber nach EU recht SVA abgaben abführt ihn das Land wo sie herkommen oder gemeldet werden nennt man auch Facharbietermagel.
Shönes EU ist ihn vielen ländern Praxis den wer hat die Ausbildung bezhalt so wie ihn Österreich wo ca. 30% Gastschüler sind der sTeuerzahler dankt.
Das geliche bei den Lehrlingen usw. wer hat den oft den Schwrzen better gezogen und wer ist eigentlich der Ausbildner nciht der Arbieter,ANgestellte sondern der Chef oder der Auszubildnde denkt starkt nach wie Leiharbiterfirmen oft arbeiten so wie das auch die Pleite gehen.
Ja es ist oft nur eine Frage des Geldes so wie wer zahlt am schluss die zeche fast immer der Bürger so wie mit den Kredietausfällen so wiemit verlust vom Arbietsplatz usw.
Das sind die gänglichen systgeme der Frimen damit sie noch Konkurenzfähig beliben die kleinen haben da fast keine chanche beim Kalkuleiren und oft geht es nicht um Quzalität oder Produktivität.
So wie mit den Leidertexten.
Der Polizeist sepndet sein ganzes vermögen den er leibt Polizeistenmörder der Polizeist schreit hilfe her mit meinen Polizeistenmörder.

verfasst am 14:22 21.01.2013

25.03.2013, 21:31

Mody: "Würfeln für Zypern"

Die Probleme in Zypern bedrohen nun die internationale Finanzstabilität. Wenn die Idee einer europäischen Bankenunion ernst gemeint ist, dann ist jetzt der richtige Moment, sie voranzutreiben.

21.03.2013, 15:12

Europa auf italienische Art

Die Herausforderung auf der praktischen Ebene besteht darin, das richtige Ausmaß gemeinsamer Politik zu finden - ein Ausmaß, das wirtschaftlich funktioniert und politisch durchsetzbar ist.

19.03.2013, 13:36

Nationale Regierungen, globale Bürger

Je mehr jeder von uns sich selbst als globalen Bürger betrachtet, desto weniger werden wir das Trugbild einer globalen Ordnungspolitik verfolgen müssen.

05.03.2013, 15:19

Scheidung auf Französisch

Währung. Frankreich wird seine wirtschaftliche Stärke ohne Verzicht auf den Euro nicht wiedergewinnen.

22.02.2013, 09:31

Die Tyrannei der Politischen Ökonomie

Dani Rodrik: Politik steht im Spannungsfeld zwischen Ideen und Interessen. Wird das Verhalten von Politikern von Interessen bestimmt, werden Reformvorschläge von Ökonomen selten gehört.

Umfrage

  • Sind EU-weite Beschränkungen für Pestizide vor dem Hintergrund des Bienensterbens gerechtfertigt?
  • Ja, sterben die Bienen - sterben die Menschen
  • Ja, denn auf sichere Nahrungsmittel wird zu wenig Wert gelegt
  • Teilweise, derartige Maßnahmen nur in Abstimmung mit der Landwirtschaft
  • Nein, die Maßnahme ist völlig überzogen