22.02.2013, 09:31  von Dani Rodrik

Die Tyrannei der Politischen Ökonomie

Politik zwischen Ideen und Interessen / Bild: Roland Schlager

Dani Rodrik: Politik steht im Spannungsfeld zwischen Ideen und Interessen. Wird das Verhalten von Politikern von Interessen bestimmt, werden Reformvorschläge von Ökonomen selten gehört.

CAMBRIDGE – Früher einmal haben wir Ökonomen uns von der Politik ferngehalten. Wir sahen unsere Aufgabe darin, zu beschreiben wie Marktwirtschaften funktionieren, wann sie versagen und wie gut durchdachte politische Strategien die Effizienz steigern können. Wir haben Zielkonflikte analysiert (etwa Gerechtigkeit versus Effizienz) und politische Maßnahmen verordnet, mit denen die angestrebten wirtschaftlichen Resultate erzielt werden sollten, einschließlich Umverteilung. Es war Politikern überlassen, unseren Empfehlungen zu folgen (oder nicht) und Bürokraten, diese zu umzusetzen.

Dann haben einige von uns ehrgeizigere Ziele entwickelt. Frustriert von der Tatsache, dass viele unserer Ratschläge nicht befolgt wurden (so viele Lösungskonzepte für die freie Marktwirtschaft, die nur darauf warten aufgegriffen zu werden!), wendeten wir unser analytisches Instrumentarium auf das Verhalten der Politiker und Bürokraten selbst an. Wir fingen an, politisches Verhalten mit dem gleichen Begriffsapparat zu beschreiben, den wir auf Konsumenten- und Produzentenentscheidungen in einer Marktwirtschaft anwenden. Politiker wurden zu Ertrag maximierenden Anbietern politischen Wohlwollens; Bürger zu rentenökonomischen Lobbys und Interessenvertretungen und politische Systeme zu Marktplätzen, auf denen Wählerstimmen und politischer Einfluss für wirtschaftlichen Nutzen eingetauscht werden.

Somit waren das Feld der Neuen Politischen Ökonomie mit dem Modell des rational handelnden Homo oeconomicus und ein Theoriebildungsstil geboren, dem viele Politologen bereitwillig nacheiferten. Der offensichtliche Wert bestand darin, dass wir nunmehr erklären konnten, warum Politiker so viele Dinge taten, die gegen die ökonomische Rationalität verstießen. Tatsächlich gab es kein ökonomisches Versagen, das sich nicht mit dem Wort „Partikularinteressen“ erklären ließ.

Gefangene Politiker

Warum sind so viele Branchen vor echtem Wettbewerb abgeschottet? Weil Politiker in den Taschen der etablierten Marktakteure stecken, die vom Rent-Seeking profitieren. Warum schaffen Regierungen Hindernisse für den internationalen Handel? Weil die Nutznießer des Protektionismus geballt auftreten und politisch einflussreich sind, während Verbraucher verstreut und desorganisiert sind. Warum blockieren politische Eliten Reformen, die Wirtschaftswachstum und -entwicklung ankurbeln würden? Weil Wachstum und Entwicklung ihren Einfluss auf die politische Macht schwächen würden. Warum kommt es zu Finanzkrisen? Weil Banken den politischen Gestaltungsprozess vereinnahmen, um übermäßige Risiken auf Kosten der Allgemeinheit eingehen zu können.

Um die Welt verändern zu können, müssen wir sie verstehen. Und diese Art der Analyse schien uns ein besseres Verständnis ökonomischer und politischer Resultate zu ermöglichen.

Doch in all dem steckte ein schwerwiegender Widerspruch. Je mehr wir zu erklären behaupteten, desto weniger Raum blieb, um die Lage zu verbessern. Wenn das Verhalten von Politikern von den Partikularinteressen bestimmt wird, denen sie verpflichtet sind, muss das Eintreten von Ökonomen für politische Reformen auf taube Ohren stoßen. Je vollkommener unsere Sozialwissenschaft, desto irrelevanter unsere politische Analyse.

An diesem Punkt trägt die Analogie zwischen Humanwissenschaften und Naturwissenschaften nicht mehr. Nehmen wir die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Technik. Da Wissenschaftler ein immer komplexeres Verständnis der physikalischen Naturgesetze erlangen, können Ingenieure bessere Brücken und Gebäude bauen. Verbesserungen in den Naturwissenschaften fördern unsere Fähigkeit unsere physische Umwelt zu gestalten, anstatt sie zu behindern.

Die politische Ökonomie entmachtet politische Analysten.

In der Beziehung zwischen politischer Ökonomie und politischer Analyse verhält es sich ganz und gar nicht so. Indem das Verhalten von Politikern endogenisiert wird, entmachtet die politische Ökonomie politische Analysten. Das ist so, als würden Physiker Theorien entwickeln, die nicht nur Naturphänomene erklären, sondern auch darüber entscheiden, welche Brücken und Gebäude Ingenieure errichten. Für Ingenieurschulen gäbe es somit kaum Bedarf.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass da etwas nicht stimmt, liegen Sie richtig. In Wirklichkeit ist unser derzeitiger Bezugsrahmen in der politischen Ökonomie voller unausgesprochener Annahmen über das Ideensystem, das der Funktionsweise eines politischen Systems zugrundeliegt. Werden diese Annahmen klar artikuliert, schwindet die entscheidende Rolle von Partikularinteressen. Politikgestaltung, politische Führung und menschliches Handeln leben wieder auf.

Ideen und Interessen

Es gibt drei Arten wie Interessen von Ideen geprägt werden. Erstens bestimmen Ideen, wie politische Eliten sich selbst und die Ziele definieren, die sie verfolgen – Geld, Ehre, Status, Dauerhaftigkeit der Machtposition oder einfach ein Platz in der Geschichte. Diese Fragen der Identität sind von zentraler Bedeutung für ihre Handlungsentscheidungen.

Zweitens definieren Ideen die Auffassungen, die politische Akteure darüber haben wie die Welt funktioniert. Wenn mächtige Wirtschaftsverbände glauben, dass fiskalische Anreize lediglich zu einer hohen Inflationsrate führen, werden sie sich für eine andere Politik stark machen, als wenn sie glauben, dass diese die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöhen. Auf Staatseinnahmen bedachte Regierungen werden die Steuern niedriger ansetzen, wenn sie glauben, dass diese umgangen werden können, als wenn sie glauben, dass diese nicht umgangen werden können.

Ideen müssen die Strategien definieren, die politische Akteure glauben verfolgen zu können.

Aus der Perspektive der Politikanalyse ist am wichtigsten, dass Ideen die Strategien definieren, die politische Akteure glauben verfolgen zu können. So besteht eine der Möglichkeiten, wie Eliten an der Macht bleiben können darin, jegliche Wirtschaftstätigkeit zu unterdrücken. Eine andere hingegen besteht darin, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, während sie ihre eigenen wirtschaftlichen Grundlagen diversifizieren, Koalitionen bilden, staatlich gelenkte Industrialisierung fördern oder eine Vielzahl anderer Strategien verfolgen, denen allein durch die Vorstellungskraft der Eliten Grenzen gesetzt sind. Wird die Bandbreite der möglichen Strategien erweitert (was durch gute politische Gestaltung und Führung geschieht), ändern sich das Verhalten und die Resultate grundlegend.

Tatsächlich lassen sich so einige der erstaunlichsten Trendwenden der wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahrzehnten erklären, so etwa die Wachstumskräfte, die in Südkorea und China entfesselt wurden (in den 1960er-Jahren beziehungsweise Ende der 1970er-Jahre). In beiden Fällen waren „Partikularinteressen“ die größten Gewinner (Koreas wirtschaftliches Establishment und die Kommunistische Partei Chinas). Die Reformen waren nicht durch eine Umgestaltung der politischen Macht möglich geworden, sondern durch die Herausbildung neuer Strategien. Oft setzt der wirtschaftliche Wandel nicht dann ein, wenn Partikularinteressen durchkreuzt werden, sondern wenn andere Strategien genutzt werden, um diese Interessen zu verfolgen.

Politische Ökonomie bleibt zweifellos wichtig. Ohne ein klares Verständnis, wer die Gewinner und wer die Verlierer des Status quo sind, ist es schwer aus unserer bestehenden Politik schlau zu werden. Eine übermäßige Fixierung auf Partikularinteressen kann uns allerdings leicht von dem entscheidenden Beitrag ablenken, den Politikanalyse und Political Entrepreneurship (was sich als Entwicklung und Durchsetzung kreativer Ideen im politischen Prozess beschreiben lässt) leisten können. Die Möglichkeiten eines wirtschaftlichen Wandels werden nicht nur durch machtpolitische Realitäten begrenzt, sondern auch durch die Armut unserer Ideen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.
© Project Syndicate 1995–2013

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Dani Rodrik

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Fakten

Dani Rodrik ist Professor für internationale politische Ökonomie an der Harvard University und Verfasser von Das Globalisierungsparadox: Die Demokratie und die Zukunft der Weltwirtschaft.

Kommentare

1 Kommentare

Gourmet meint

Partikulare Interessen ...

Schon einmal nach den Gesetzen von Glück recherchiert?
Das Glück liegt des öfteren in jenen Bereichen, welche nicht auf sich selbst bezogen sind.

Ist aber auch logisch, denn das Glück ist ja kein masochisticher Trottel.

verfasst am 22.02.2013, 10:31

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