15.08.2014, 08:48  von Kemal Derviş

Anzeichen für den großen Zusammenbruch mehren sich

Taifune haben katastrophale Auswirkungen, doch auch wirtschaftspolitisch grummelt es derzeit – und das weltweit / Bild: (c) REUTERS (LUKE MACGREGOR)

Vieles erinnert heute an die Situation vor genau 100 Jahren. Auch damals konnte sich niemand vorstellen, dass sich binnen weniger Wochen alles ändern könnte.

Dieser Monat - in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal jährt - ist ein günstiger Zeitpunkt, um über große Risken nachzudenken. Wie Michael Spence jüngst warnte, entwickelt sich das wachsende Sicherheitsdefizit der internationalen Ordnung, das jedwede globale Ordnungspolitik schwächt, rasch zum größten Risiko für die Weltwirtschaft. Das gleiche Argument hätte man auch vor hundert Jahren vorbringen können.

Am 30. Juli 1914, fünf Wochen nach der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo, nahmen österreichische Kriegsschiffe Belgrad unter Beschuss. Mitte August befand sich die Welt im Krieg. Der vier Jahre später, nach dem Tod von etwa 20 Millionen Menschen beschlossene Waffenstillstand entpuppte sich lediglich als Intermezzo bis zum Beginn der Schrecken des Zweiten Weltkriegs.

In den Jahren vor August 1914, bis zum Attentat auf den Erzherzog, entwickelte sich die Weltwirtschaft relativ gut: Der Handel expandierte weltweit, die Finanzmärkte erschienen gesund, und in Wirtschaftskreisen tat man politische Probleme entweder als vorübergehend oder irrelevant ab. Es war ein politischer Zusammenbruch, der zu drei schrecklichen Jahrzehnten für die Weltwirtschaft führte.

Scheinbare Ruhe

Märkte und wirtschaftliche Aktivitäten können einem großen Maß an politischer Belastung und Unsicherheit standhalten - bis zu dem Punkt, an dem die internationale Ordnung zusammenbricht. Die wirtschaftliche Stimmung ist heute beispielsweise durchaus optimistisch. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert der Weltwirtschaft im Jahr 2015 ein Wachstum von vier Prozent, während die Aktienindizes in vielen Teilen der Welt einem Aufwärtstrend folgen. Tatsächlich erreichte der Dow-Jones im Juli ein Allzeithoch.

In den letzten Monaten allerdings wurde in der Ostukraine ein ziviles Passagierflugzeug von einer hoch entwickelten, in Russland gefertigten Rakete abgeschossen. Auch die Spannungen rund um die umstrittenen Inseln im Ost- und Südchinesischen Meer haben sich verstärkt, und das Chaos im Nahen Osten nimmt ungehindert seinen Lauf. Der israelisch-palästinensische Konflikt befindet sich in der schlimmsten Phase seit Jahrzehnten, wobei die neuerliche Frustration aufgrund der massiven Todeszahlen unter Zivilisten in Gaza wahrscheinlich extreme Reaktionen fördern wird.

Es herrschen auch andere Gefahren. Westafrika wird von einem schrecklichen Ausbruch des tödlichen Ebola-Virus heimgesucht, dem tausende Menschen zum Opfer fallen werden. Bislang blieb der Ausbruch regional beschränkt, aber er dient als Erinnerung, dass in Zeiten von Millionen Flugreisenden niemand vor der Ausbreitung von Infektionskrankheiten sicher ist. Die Eindämmung einer Krankheit oder einer terroristischen Bedrohung durch Beschränkungen des internationalen Reiseverkehrs oder des Transportwesens würde die Weltwirtschaft ruinieren.

Politiker schlafwandeln

Große Katastrophen können schrittweise eintreten. Führende politische Entscheidungsträger können sich als „Schlafwandler" erweisen, denen es nicht gelingt, die Risken zu bewältigen. Auch die finanzielle Kernschmelze des Jahres 2008 wurde durch schlafwandelnde Politiker verursacht. Die Folgen der Finanzkrise waren zwar nicht tödlich, aber die politischen Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit und die erhöhte Wahrnehmung wirtschaftlicher Unsicherheit begleiten uns noch immer.

Diese Beispiele sollten Anlass sein, Möglichkeiten für kooperative Maßnahmen zu finden. Momentan scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Die Vereinten Nationen erscheinen stärker gelähmt als je zuvor. Der US-Kongress hat das im Jahr 2010 vereinbarte IWF-Reformpaket noch immer nicht ratifiziert und schwächt damit eine der wichtigsten internationalen Institutionen. Teilweise weil die Vereinigten Staaten Kapitalerhöhungen und ordnungspolitische Reformen in globalen Finanzinstitutionen so schwierig machen, haben die BRICS-Staaten mittlerweile ihre eigene Entwicklungsbank gegründet, die in Shanghai ihren Sitz haben soll.

Auch die Europäische Union bleibt in kleinlichen Streitigkeiten verstrickt, anstatt als leuchtendes Beispiel supranationaler Zusammenarbeit und konzentrierter Souveränität voranzugehen. Während man sich noch immer nicht vollständig auf die Gestaltung der Bankenunion einigen konnte, erlaubt man dem Premierminister des Mitgliedslandes Ungarn, Viktor Orban, die demokratischen und liberalen Grundwerte der EU zu diffamieren.

Gegen die Doppelmoral

Der Weg nach vorn darf keine Rückkehr in die Vergangenheit mit aneinandergeratenden Nationalstaaten sein. Die Zukunft kann nur durch die enge Zusammenarbeit derjenigen gesichert werden, die sich ohne Doppelmoral oder Ausreden zu liberaler Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekennen sowie durch die unermüdliche Stärkung internationaler Institutionen, die diese Werte verkörpern und in die Praxis umsetzen.

Die Weltwirtschaft entwickelt sich vielversprechend, aber dieses Versprechen kann nur im Rahmen eines internationalen Systems auf Grundlage von Regeln, Übereinstimmung, Respekt und einem gemeinsamen Gefühl für Gerechtigkeit eingehalten werden.

Wir sollten uns aufgrund der Tatsache, dass die Finanzmärkte vom Chaos im Nahen Osten und von der Krise in der Ukraine offenbar unberührt bleiben, nicht in Selbstzufriedenheit wiegen. Das Gedenken an den August 1914 sollte uns daran erinnern, wie die Welt in die Katastrophe stolperte. Wie wir vom Beispiel des Klimawandels wissen - oder wissen sollten -, muss man sich großer Risken annehmen, auch wenn heute die Wahrscheinlichkeit schlimmerer Folgen geringer ist.

 

Zur Person

Kemal Derviş

Vizepräsident der Brookings Institution, ehemaliger türkischer Wirtschaftsminister und Chef UN-Entwicklungsprogramm

 

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Kommentare

64 Kommentare

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verfasst am 25.12.2014, 05:57

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verfasst am 21.12.2014, 08:49

So ein schwachsinn das die MH von einer russischen Rakete abgeschossen wurde. Gekaufte lügen Medien.

verfasst am 20.12.2014, 21:20

Gast: jule meint

wenn die weltwirtschaft zusammenbrechen würde - schön wärs. dann könnte die umwelt sich ein wenig erholen.

verfasst am 04.12.2014, 23:10

Ich frage mich immer, wer bei solchen Meldungen den "großen Reibbach" macht. Denn die kolportieren diese Meldungen und hoffen dann auf irre Ängstlichen, die ihnen alle die fetten Fische billigst überlassen. Das ganze nennt man dann "Spekulation". Hat bisher PRIMA funktioniert. Deshalb werden die Reichen immer reicher.. schon geschnallt?

verfasst am 03.09.2014, 21:44

Gast: jo eh meint

wieder so ein Katastrophenherbeiredner.

verfasst am 31.08.2014, 21:27

Gast: Walter meint

Seit wann ist Gerechtigkeit ein Gefühl?

Was ist Gerechtigkeit?

Wenn ich eine Tafel Schokolade habe und gebe nur einer meiner beiden Töchter die ganze Tafel, dann ist das nicht gerecht.
Gerecht hat mit recht bzw. richtig zu tun. Jeder bekommt das rechte Maß. Gerecht ist wer nach Gesetz handelt. Es gilt das Gesetz, dass jeder das rechte Maß bekommen soll. Wenn sich die Nutznießer des Kapitalismus nicht daran halten, schaffen sie immer größere Ungerechtigkeit.

Die Kapitalisten sorgen sich darüber wie sie reicher werden können. Die Unterdrückten und Gequälten denken wo sie was zu essen oder zum Heizen bekommen.

Beim Kapitalismus bekommen 10% fast alles und die anderen müssen sich um den Rest streiten. Wenn Menschen hungern, werden sie zu wilden Tieren.

Das kapitalistische System unseres Planeten führt immer zu Ungerechtigkeiten und zu Krieg. (Sokrates: "Der Grund für den Krieg ist das Habenwollen (Gier)"

Der Apostel Paulus weiß das auch genau: "Die Wurzel von allem Übel ist die Geldgier!" Pheuge tauta (fliehe vor dieser!)
(Brief an Timotheus)

verfasst am 29.08.2014, 20:59

Ist die vollkommene Leugnung der systematischen Probleme des Kapitalismus!

Die enorme ungleichverteilung von vermögen und damit lebensstandard!

gleichzeitig informationsverbreitung ueber internet in alle teile der welt!

parallel dazu die imperialistische politik der usa.

dies führt zu widerständen und gleichzeitig dem wunsch von hunderten millionen menschen denselben luxus genießen zu koennen oder zumindest ausreichend zu essen und ein dach ueebr dem kopf zu haben!

Kriege sind gast immer ausdruck von empfundenen oder tatsaechlichen ungerechtigkeiten, versklavungen auch wenn sie nur strukturell sind!

Jeder Kapitalist der andere über gebühr ausnutzt um seinen eigenen Profit zu steigern trägt zur destabilisierung bei!

Und die gier der Kapitaleigner hat eine neue Dimnsion bekommen - sogar in so moderaten Staaten wie Österreich.

Die menschheit sollte sich langsam klar sein, dass wir alle zusammen und gemeinsam auf diesem planeten leben und aufeinander angewisen sind.

Kooperation statt egoistische gier ist die einzige moeglichenloesung!

verfasst am 21.08.2014, 07:29

woher weiss er der autor, dass es sich um eine in russland entwickelte rakete handelt und was will er damit andeuten?

hier wird so getan als ob es sich bereits um ein bewiesenes faktum handelte - bei allem respekt - das ist boulevardblattniveau aber sicher keiner seriösen presse würdig!

verfasst am 21.08.2014, 07:19

wieder so ein Topfen-Bericht der unbewiesene Tatsachen wiedergibt.... wo sind die Beweise für eine russische Rakete???

nur blabla .... bisschen mehr Ernsthaftigkeit und Objektivität wäre angesichts der bescheidenen Wirtschaftslage Österreichs sowie in Achtung der immerwährenden Neutralität oberstes Gebot!

nur einfach die deutsche Nazifreunde-Propagande nachzudrucken halte ich für die einzig lesbare Wirtschafts-
zeitung in Österreich doch ein bisschen arm...

verfasst am 20.08.2014, 14:50

Gast: Soi1 meint

"In der Ostukraine wurde ein ziviles Passagierflugzeug von einer hoch entwickelten, in Russland gefertigten Rakete abgeschossen."

Weiß das Wirtschaftsblatt mehr als die Öffentlichkeit und die Weltpresse ?

Bislang wurden Untersuchungsergebnisse dieser Tragödie zurückgehalten.

verfasst am 20.08.2014, 12:44

Gast: cwt meint

"In den letzten Monaten allerdings wurde in der Ostukraine ein ziviles Passagierflugzeug von einer hoch entwickelten, in Russland gefertigten Rakete abgeschossen."

Beweise?, Flugschreiber?, Kommunikationsprotokolle? ....

verfasst am 19.08.2014, 15:49

Gast: Gast x meint

Die Ursachen, das endlose Wirtschaftswachstum sowie das verzinste Schuldgeldsystem wurden nicht angesprochen.

verfasst am 19.08.2014, 15:26

Gast: persil meint

Der mann redet von Dingen, von denen er nichts versteht.

verfasst am 31.08.2014, 21:31

Gast: haol meint

So entsteht ja das Schlafwandeln, jeder schiebt jedem die Verantwortung zu anstatt seine eigene persönliche Verantwortung wahrzunehmen. Ich bin froh, dass hier auf die drohende Kriegsgefajr aufmerksam gemacht wird. Die Dringlichkeit muss aber noch viel deutlicher werden. Der Westen, Deutschland strebt auf einen Dritten Weltkrieg zu und unsere Politiker machen mit schlafwandlerischer Sicherheit mit. Wecken wir sie auf!

verfasst am 17.08.2014, 13:35

Gast: witzig meint

Sie tun sich einfach mit Beschuldigungen: 1) Finanzkrise durch schlafwandelnde Politiker ausgelöst und 2) Der Abschuss der MH Maschine durch eine russische Rakete - da gibt es teilweise keine Beweise oder die Thematik ist doch ein wenig komplexer als dargestellt.

Und die Finanzmärkte sind heutzutage schon lange nicht mehr an die Realwirtschaft gekoppelt. Aber ich kann Sie verstehen, da sie aus der Wirtschaft kommen. Die Politiker beschuldigen nämlich die Wirtschaft auf der Gegenseite. Natürlich gibt hier keiner nach und jeder schiebt dem anderen die Schuld in die Schuhe.

verfasst am 15.08.2014, 11:01

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