20.08.2014, 16:57  von Marcel Fratzscher

Sanktionen gegen Russland schlagen zurück

Noch rollt der Rubel in Russland / Bild: (c) © 2014 Bloomberg Finance LP

Ukraine-Konflikt. Die wirkliche Bedrohung für den Westen liegt in den möglichen Folgen einer Finanzkrise, die durch seine eigenen Sanktionen gegen Russland ausgelöst werden könnte.

Während sich die Krise in der Ukraine intensiviert, sind die Vereinigten Staaten und die Europäische Union in einem Kräftemessen und einer Sanktionsschlacht gegen Russland gefangen. Als Vergeltung für die Verschärfung der Finanzsanktionen des Westens hat Russland einen Importstopp für Lebensmittel und Landwirtschaftsprodukte aus den USA und der EU angekündigt. Aber die wirkliche Bedrohung für den Westen liegt in den möglichen Folgen einer Finanzkrise, die durch seine eigenen Sanktionen gegen Russland ausgelöst werden könnte.

Betrachten wir die russische Finanzkrise von 1998. Der damalige Präsident, Boris Jelzin, erklärte im August des Jahres: „Es wird keine Abwertung geben - das ist sicher und unumstößlich." Drei Tage später wurde der Rubel abgewertet, und die russischen Finanzmärkte gerieten ins Schlingern. Kapital floss aus dem Land ab, die russische Regierung wurde gezwungen, ihre Schulden zu restrukturieren, und die Wirtschaft stürzte in eine tiefe Rezession.

Obwohl Russland unter finanziellen Gesichtspunkten relativ unbedeutend war, hatte die Krise des Landes weitreichende Folgen. Mit am schlimmsten betroffen war Argentinien. Die russische Krise verschlimmerte den Vertrauensverlust der Investoren gegenüber den Schwellenländern, was in der argentinischen Staatspleite vier Jahre später seinen Höhepunkt fand. Sogar die USA und Europa waren nicht immun: Der Zusammenbruch des großen Hedgefonds Long-Term Capital Management schürte die Sorge um das Überleben vieler anderer Finanzinstitute.

Rezession in Reichweite. Die heutigen Finanzdramen haben eine auffallende Ähnlichkeit zu diesen Erfahrungen. Argentinien ist technisch gesehen bankrott, die amerikanischen und europäischen Finanzinstitute und -märkte sind nervös, und Russland verspricht, die Sanktionen gegen das Land hätten keine Auswirkungen auf seine Wirtschaft. Die deutlichste Ähnlichkeit besteht in den Versicherungen des russischen Präsidenten, Wladimir Putin, sein Land könne jegliche westliche Sanktionen überstehen. Möglicherweise ist dies Ausdruck von Wunschdenken. Tatsächlich könnte der Ausschluss der meisten russischen Großbanken vom freien Zugang zu den westlichen Kapitalmärkten nicht nur die Banken selbst beeinträchtigen, sondern auch die russische Wirtschaft insgesamt. Und die Entscheidung der Zentralbank, zur Stützung des Rubels die Zinsen zu erhöhen, könnte zu einer deutlichen Verschärfung der Kreditbedingungen für Unternehmen und Haushalte führen und die russische Wirtschaft dieses und nächstes Jahr in eine Rezession stürzen.

Finanzstabilität bedroht. Das Problem mit Finanzsanktionen ist, dass niemand ihre genaue Wirkung kennt - insbesondere in einer so großen Volkswirtschaft wie Russland. Sollten sie sich als effektiver herausstellen als geplant, könnten sie die weltweite Finanzstabilität ernsthaft bedrohen.

Die Restriktionen gegen russische Banken, die in Europa und den USA tätig sind, scheinen maßvoll. Die Banken können immer noch auf die Geldmärkte zugreifen, ihren kurzfristigen Finanzbedarf decken und auf die Unterstützung der Zentralbank bauen. Aber der Risikohunger der Investoren könnte leicht kippen und sie veranlassen, große Kapitalmengen abzuziehen. Obwohl Russlands öffentliche Schulden moderat sind, das Land über hohe Fremdwährungsreserven verfügt und die Wirtschaft des Landes viel stärker als im Jahr 1998 ist, kann die Herde, wenn sie einmal am Galoppieren ist, nicht mehr aufgehalten werden.

Massive Kapitallöcher bei Eurobanken. Europäische Banken halten fast 200 Milliarden € an Krediten für russische Institute und Unternehmen sowie einen beträchtlichen Anteil an Russlands Euroanlagen, was sie besonders verletzlich macht. Darüber hinaus könnte es leicht geschehen, dass die aktuellen Stresstests der Eurozone in den kommenden Monaten bei großen europäischen Banken massive Kapitallöcher aufdecken. Europa, das sich gerade erst von einer tiefen Rezession erholt hat, könnte durch Finanzturbulenzen leicht dorthin zurückkehren, insbesondere angesichts der engen wirtschaftlichen Verbindungen der Eurozone zu Russland in den Bereichen Handel und Energie. Zusammengefasst besteht das Problem darin, dass niemand wirklich die genauen Zusammenhänge zwischen russischen und europäischen Banken und Märkten versteht.
Die Finanzsanktionen gegen Russland sind weder gezielt noch zeitlich begrenzt noch völlig glaubwürdig. Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Einführung von Sanktionen, die nicht schnell wieder zurückgenommen werden können, den Anreiz für Russland, zum Verhandlungstisch zurückzukehren, schwächen könnte. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Drohung mit einer Eskalation der Finanzsanktionen angesichts der Risken für die finanzielle Stabilität Europas und der USA nicht glaubwürdig ist. Der Prozess, das Vertrauen der Marktteilnehmer wieder herzustellen, ist lang und schmerzhaft, wie die Erfahrungen mit Russland 1998 und Argentinien nach 2002 gezeigt haben.

Energie sanktionieren. Eine bessere Lösung könnten solche Sanktionen sein, die die Realseite der russischen Wirtschaft treffen - wie Energie, Bodenschätze oder das Militär. Auch wenn diese nicht so schnell Wirkung zeigen würden, wären sie doch gezielt, vorübergehend und glaubwürdig. Erst dies würde den USA und der EU ermöglichen, ihren Einfluss auf die Führung und die Wirtschaft Russlands zu kontrollieren und zu justieren.
Wenn sie nicht riskieren möchten, bei einem unberechenbaren Hasardeurspiel gegen Putin die globale Finanzstabilität zu gefährden, wäre es klug, die genaue Ausgestaltung der Sanktionen gegen ihn zu überdenken.

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Das Problem mit Finanzsanktionen ist, dass niemand ihre genaue Wirkung kennt - insbesondere in einer so großen Volkswirtschaft wie Russland.

Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher, Präsident des Forschungsinstituts und Thinktanks DIW Berlin

Marcel Fratzscher, Präsident des Forschungsinstituts und Thinktanks DIW Berlin

Marcel Fratzscher, Präsident des Forschungsinstituts und Thinktanks DIW Berlin

Kommentare

7 Kommentare

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verfasst am 23.08.2014, 02:11

Gast: Jomann meint

verfasst am 21.08.2014, 00:15

BALD IST ES SOWEIT - JETZT SOGAR AUF DEM FOCUS MONEY TITEL:

http://www.focus.de/finanzen/money-magazin/archiv/jahrgang_2014/ausgabe_35/

verfasst am 20.08.2014, 20:11

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