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21.12.2012, 09:10 von Patrizia Reidl
Die Zustände sind bekannt und werden im Familienund Freundeskreis immer wieder beklagt: Pflegeheime mit langen Wartelisten, zu wenige, überforderte oder schlecht ausgebildete Pfleger und Pflegerinnen. Geld dürfte an allen Ecken und Enden fehlen. Der Gipfel, wie oft in den vielen vergangenen Monaten seit Ausbruch der Euro-Krise, der Gipfel ist meist Griechenland: Dort behandeln Ärzte nur mehr gegen Barzahlung. So weit Augenzeugenberichte aus der Realität. In den offiziellen Zahlen der Industriestaatenorganisation OECD und EU-Kommission sind die Umstände aber noch nicht angekommen, zeigt der jüngste Gesundheitsreport für die EU.
Das könnte sich bald ändern. Der Report stellt fest: Die Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben gingen 2010 erstmals nach Dekaden des Wachstums zurück. Nicht zurückgegangen, sondern gewachsen ist hingegen die Zahl der Ärzte bzw. der Gesundheits- und Krankenpfleger in der EU. Wenn auch mit ziemlichen Unterschieden je Land. Das überrascht und ist eigentlich eine gute Nachricht. Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen? Eben nicht.
Ein genauer Blick lohnt
Es gibt noch einen zweiten positiven Aspekt: Die Gesundheit der Bevölkerung hat sich durch die Krise nicht verschlechtert. Noch nicht, heißt es im Vorwort des OECD-Reports. Schlechte soziale Lebensbedingungen oder schlechte Gesundheitsversorgung schlagen sich sehr wohl in der Gesundheit nieder. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das sichtbar wird. Die Länder haben bisher in der Krise getan, was sie konnten, um den Zugang zu qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung zu schützen. Ob das genug war und ist, um die Menschen gesund zu halten, werden die nächsten Jahre zeigen.
Gesundheits-/Krankenpfleger und Ärzte sind nur zwei Pfeiler des gesamten Gesundheitssystems. Es sind jedenfalls die sichtbarsten und spürbarsten, vor allem dann, wenn sie nicht vorhanden sind.
Zahlenmäßig gibt es fast überall mehr Gesundheits-/Krankenpfleger als Ärzte, so der Report. Pfleger spielen nicht nur in Krankenhäusern und Langzeit-Pflegeeinrichtungen eine große Rolle. Sie werden zunehmend für die Erstversorgung wichtig, besonders für chronisch Kranke, so die OECD, und für die Pflege zu Hause. Im EU-Durchschnitt kommen pro Land fast acht Gesundheits-/Krankenpfleger auf 1000 Menschen. In der Schweiz sind es 15, in Griechenland und Mazedonien vier. Die in der obigen Grafik angegebenen Zahlen für Österreich beinhalten nur Pfleger für den Spitalsbereich; auch in Deutschland ist das Personal zur Versorgung älterer Menschen nicht einbezogen.
Gipfel überschritten
Seit 2000 ist die Zahl der Pfleger gemessen an der Bevölkerung fast überall gestiegen, außer in Estland und der Slowakei. Das könnten jene sein, die u.a. in Österreich arbeiten...
In vielen Ländern gibt es die Sorge, dass diese guten Seelen knapp werden. Die Sorge ist nicht neu. Aber sie wird sich intensivieren, prognostiziert die OECD. Denn die Nachfrage nach den Pflegern und Pflegerinnen wird wachsen (Stichwort: alternde Bevölkerung). Andererseits werden sich viele von ihnen in den nächsten Jahren in den Ruhestand verabschieden, gehört doch ein offenbar nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen zu den Baby-Boomer-Jahrgängen.
Die Aussichten haben viele Länder veranlasst, die Ausbildung zu verbessern. Und sie erhöhen die Anstrengung, dass Gesundheits-/Krankenpfleger länger in ihren Berufen verweilen. Um die Zufriedenheit mit dem Job ist es nicht sonderlich gut gestellt.
Eine heuer veröffentlichte Studie (Aiken et al. 2012) zeigt: Die Unzufriedenheit variiert je nach Land stark. Während in den Niederlanden elf Prozent der Gesundheits-/Krankenpfleger unzufrieden mit dem Job sind, murren in Griechenland über die Hälfte über die Arbeitsbedingungen. Absichten, den Job hinzuwerfen, haben in den Niederlanden 19 Prozent der Gesundheits-/Krankenpfleger; in Griechenland und Finnland jedoch die Hälfte.
In Griechenland leiden besonders viele Arbeitnehmer in dem Bereich unter Burn-out, die Hälfte sagt, dass das Spital, in dem sie arbeiten, den Patienten schlechte oder mäßige Versorgung bietet. Die Studie zeigt, dass überall dort, wo ausreichend Gesundheits-/Krankenpfleger vorhanden sind und die Arbeitsbedingungen gut sind, sich eine signifikant bessere Versorgung und Sicherheit der Patienten ergibt.
Erstversorgung im Wandel
Neu ist, wie angemerkt, dass Gesundheits-/Krankenpfleger für die Erstversorgung herangezogen werden. Manche Länder reagieren auf den Rückgang der praktischen Ärzte mit dem Ausbau, der Weiterentwicklung der Ausbildung für Pfleger. Durchschnittlich kommen in der EU 2,5 Gesundheits-/Krankenpfleger auf einen Arzt. Mehr als vier pro Arzt sind es etwa in Dänemark oder Finnland. In Griechenland und Italien gibt es mehr Ärzte als Gesundheits-/Krankenpfleger, wodurch sich laut OECD eine ineffiziente Nutzung der Ressourcen ergibt.
Werden Gesundheits-/Krankenpfleger für die Erstversorgung eingesetzt, verbessert sich für Patienten mit geringen Beschwerden oder Routine-Untersuchungen der Zugang zur medizinischen Versorgung sowie die Wartezeiten, zeigen erste Evaluierungen in Finnland und Großbritannien sowie Kanada und den USA. Die Patienten sind zufriedener und gleichzeitig bleiben die Kosten neutral bzw. sinken sogar. In nahezu allen EU-Ländern hat sich das Gleichgewicht praktischer Arzt versus Facharzt verschoben. Fast überall gibt es mehr Fachärzte, Ausnahmen sind Irland, Malta, Portugal, Norwegen. Der Grund dafür könnte in einem abnehmenden Interesse am traditionellen Berufsstand des praktischen Arztes liegen, vor allem vor dem Hintergrund der gestiegenen Anforderungen.
Festzustellen ist aber auch, dass in vielen Ländern die Gehaltsschere zwischen praktischen Ärzten und Fachärzten weiter aufgegangen ist.
Die Zahl der Ärzte ist gestiegen
Auch hier gibt es die Sorge, dass Ärzte knapp werden könnten. Berichte diesbezüglich sind ebenfalls nicht neu. Die Zahlen der OECD sprechen vorerst noch eine andere Sprache: In der vergangenen Dekade ist die Zahl der Ärzte pro Kopf in fast jedem Land gestiegen und liegt 2010 im EU-Durchschnitt bei 2,9 Prozent. Die stärksten Zunahmen gab es in Griechenland und Großbritannien.
Sorge um Knappheit noch nicht mit Zahlen belegbar. Gibt es eine Empfehlung, wie viel Gesundheitspersonal pro Einwohner optimal wäre? Nein, gibt es nicht, antwortet die OECD auf Anfrage. Die Sorge um die Knappheit fußt auf Medienberichten. Außerdem haben Länder, die besonders betroffen waren, etwa Irland und Island, in die Sparmaßnahmen den Abbau von Gesundheitspersonal eingeschlossen. Weitere derartige Maßnahmen bzw. die Kürzung von Gehältern sind nicht auszuschließen. Aber alles unter der Devise, den Zugang zu qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung zu schützen.
(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-12-21)
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