13.01.2013, 17:02  von Hans Weitmayr

Solange Optimismus nicht zu Blindheit führt

Hans Weitmayr / Bild: WB/Elke Mayr

Leitartikel. Die Eskalation wurde vorerst verhindert, vorbei ist die Krise noch nicht.

Der Konjunkturhimmel über Europa scheint sich aufzuklaren. Die Aktienbörsen brechen diverse Jahreshochs oder sind gerade dabei, Performance aufzuholen, die Renditen auf Staatsanleihen beginnen zu fallen, was wiederum dazu führt, dass sich die Krisenländer der Eurozone ­kostengünstiger - und damit budgetschonender - ­refinanzieren. Das hat in den vergangenen Tagen den einen oder anderen Entscheidungsträger zum ­Fenster gelockt und schließlich zu einem recht weiten ­Herauslehnen geführt. Sukkus der Aussagen, wie sie etwa von Österreichs Finanzministerin Maria Fekter oder dem Präsidenten der EU-Kommission, Jose ­Manuel Barroso, getätigt wurden: Die Krise ist ­vorbei. Überwunden. Geschichte. Schnee von gestern.

Zum Teil stimmt das sogar. Ja, die Lage am ökonomischen Fieberthermometer, vulgo Finanzmärkte, hat sich tatsächlich entspannt. Und damit ist zunächst die unmittelbare Gefahr einer Eskalation gebannt. Auf der anderen ­Seite sind viele strukturelle Probleme nach wie vor nicht gelöst. Die Palette reicht vom weiteren, akuten Ansteigen der Arbeitslosigkeit in den Peripherieländern über den Rückgang von realem Einkommen und Kaufkraft bis hin zu den nach wie vor bestehenden Problemen für Klein- und Mittelunternehmen, von den Banken Kredite zu erhalten. Das sind Verwerfungen, die sich nicht über Nacht lösen lassen, aber zu langfristigen Problemen führen können. Wir sprechen hier nicht von der Gefahr, ein Jahrzehnt, sondern eine ganze Generation zu verlieren.

Das gilt um so mehr, als die Entscheidungsträger vor Optimismus zu erblinden drohen und die oben genannten Gefahren zu unterschätzen beginnen. Das darf nicht passieren. Jeder, der von der ­Krise betroffen ist - sei es, weil der ­Angestellte auf seinem Lohnzettel plötzlich eine geringere Summe sieht als im Monat zuvor, sei es, weil der Kleinunternehmer nicht mehr weiß, wie er über den nächsten Finanzierungsengpass kommen soll -, muss sich von Aussagen, die das Ende der Krise für gekommen erachten, provoziert fühlen.

Die Bevölkerung, die Wirtschaftstreibenden, die Konsumenten müssen im laufenden Anpassungsprozess mitgenommen werden. Das mit dem nötigen Respekt und der nötigen Ehrlichkeit. Der Seitenblick auf ein anstehendes Wahljahr, in dem man als Finanzministerin mit einem voreilig ausgerufenen Krisenende punkten möchte, ist nicht nur platt und relativ leicht durchschaubar, sondern mittelfristig schlicht gefährlich. Denn wenn dem so wäre, wenn die Krise also ­tatsächlich vorbei wäre: Wozu weitere ­wirtschaftliche Härten hinnehmen?

 

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