24.02.2013, 17:07  von Alexander Hahn

Auf dem Weg zur Superbank

Der künftige Bank of England-Chef, Mark Carney, will Notenbanker zu Managern der Volkswirtschaften befördern / Bild: Bloomberg

Wirtschaftswunder. Künftig könnten Fed & Co. über mehr als nur die Währung wachen.

Selbst unter regelmäßigen Beobachtern der Wirtschaft dürfte der Name Mark Carney nicht allzu vielen geläufig sein. Wahrscheinlich wird sich das demnächst ändern: Schließlich ist der frühere Goldman Sachs-Manager nicht nur Gouverneur der kanadischen Notenbank, sondern auch designierter Nachfolger des Bank of England-Chefs Mervyn King, dessen Amt Carney Anfang Juli übernehmen wird. Dieser Mann hat mit einem Vorschlag aufhorchen lassen, dessen Umsetzung nicht weniger als einer geldpolitische Revolution gleichkommen würde.

Rückblende. Pragmatismus statt Prinzipien, lautete nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 das Gebot der Stunde. In dieser Situation wurden auch geldpolitische Sündenfälle wie die unkonventionellen Rettungsmaßnahmen der Notenbanken in Kauf genommen. Maßlose Inflation wurde von Kritikern befürchtet, wenn Währungshüter über Käufe von Staatsanleihen Unmengen an Liquidität in das Wirtschaftssystem pumpen und auf diese Weise zumindest indirekt klamme Staaten finanzieren.

Doch die Teuerungswelle ist ausgeblieben, dafür wurde durch das Eingreifen der Notenbanken ein wirtschaftlicher Kollaps ebenso abgewendet wie die Erosion der Eurozone an ihrer verwundbaren Südflanke. Der Erfolg hat den Notenbanken also Recht gegeben, bisher zumindest. Aber um eine Rückkehr der Prinzipien in die Geldpolitik werden die Notenbanken à la longue nicht umhinkommen - und genau diese Notwendigkeit stellt eine gewaltige Herausforderung dar.

Auf der einen Seite kann die Politik des billigen Geldes enormes destruktives Potenzial entfalten, wenn sie spekulative Preisblasen erzeugt. Andererseits erscheint ein Rückzug der Notenbanken aus den Anleihemärkten nicht möglich, sofern man nicht neuerlich in eine Rezession schlittern will. Wie kann dieser Spagat auf Dauer gelingen?

An dieser Stelle kommt Mark Carney ins Spiel, der die Politik der Notenbanken künftig gehörig umkrempeln will. Statt wie bisher das Ziel von möglichest hohem Wachstum unter Wahrung der Geldwertstabilität gemessen an einer maximal geduldeten Inflationsrate zu verfolgen, will er den Spieß umdrehen. Künftig soll sich die Geldpolitik der Notenbanken nicht mehr an der Teuerung, sondern an einem bestimmten nominalen Wachstumsziel orientieren. Bei näherer Betrachtung verfügt dieser Vorschlag zwar durchaus über einen gewissen Charme, wirft jedoch auch zahlreiche Fragen auf.

Ruhigeres Fahrwasser. Spielt man den Carney-Plan im Geiste durch, sticht rasch ein großer Pluspunkt ins Auge, nämlich eine Glättung des realen Konjunkturverlaufs: Bekanntlich setzt sich nominales Wachstum aus dem realen BIP-Plus zuzüglich der Inflationsrate zusammen. Bisher waren am Ende eines Aufschwungs sowohl Wachstum als auch Inflation tendenziell hoch, was zu sehr starkem nominalen Wachstum führte. Eine Rezession erzeugte gegenteilige Effekte.

Bei einer Umsetzung der Vorschläge Carneys sähe die Sache gänzlich anders aus. Bei zunehmender Konjunktur müsste die Notenbank früher die Inflation drosseln, um nicht über das konstante nominale Wachstumsziel hinauszuschießen. Folglich würde ein Aufschwung früher durch restriktive Geldpolitik zum Erliegen kommen, dafür aber auch die folgende Abschwächung entsprechend milder ausfallen. Im Lauf der Zeit sollten sich reales Wachstum und Inflation einpendeln und schwächer als bisher um ihre Durchschnittswerte schwanken. Ein klares Plus für die Idee eines nominales Wachstumsziels - sofern es den Währungshütern tatsächlich gelingt, die Inflation mit der nötigen Präzision zu steuern.

Spielball Zinskurve. Dazu werden sich die Notenbanken neben dem Leitzins auch weiterhin der Bondmärkte bedienen müssen. Um reales Wachstum und Inflation möglichst punktgenau steuern zu können, benötigen die geldpolitischen Planer effektiven Einfluss auf die Zinskurve, und den gewähren die Anleihenmärkte. Folglich würde die Umsetzung des Carney-Plans die Notenbanken zu Dauergästen am Markt für Staatsanleihen machen.

Fragen werfen auch die Devisenmärkte auf. Diese haben nämlich ebenfalls Einfluss auf Konjunktur und Teuerung. Ein tiefer Wechselkurs sorgt etwa über vermehrte Exporte für Konjunkturimpulse, während teurere Einfuhren die Inflation anstacheln können. Daher wären im Sinne eines konstanten Nominalwachstums starke Wechselkursschwankungen unerwünscht, was die Notenbanken wohl auch zu Verwaltern der Devisenmärkte machen würde. Im Extremfall kann dies sogar de facto das Ende der Ära freier Wechselkurse einläuten.

Um das Konzept konstanten nominalen BIP-Zuwachses überhaupt auf Schiene zu bekommen, müssen entweder Inflation oder Wachstum zu steigen beginnen. In der ersten Phase würde eine Umsetzung angesichts fehlender Konkunkturimpulse wohl zu höherer Teuerung führen. Dies hätte den Vorteil einer Entwertung der überbordenden Staatsschulden. Zudem könnte in weiterer Folge steigender Inflationsdruck Kapital aus der Finanz- in die Realwirtschaft lotsen. Genau dort ist es auch erwünscht, da es über reale Investitionen den Grundstein für das Wachstum von morgen legen können, statt über finanzwirtschaftliche Preisblasen die Saat für die nächste Krise zu säen.

Nirgends in Sicht ist jedoch jener Impuls, der für das ursprüngliche Ansteigen der Inflation sorgen könnte. Sollen Notenbanken etwa so weit gehen, diesen über Kaufprogramme an den Rohstoffmärkten zu erzeugen? Eine unter vielen offenen Fragen im Zusammenhang mit Carney's Vorschlag.

Machtzuwachs. Einer Klärung bedarf auch das Verhältnis zwischen Politik und Notenbanken, wenn diese ständig in den Bondmärkten präsent sind. Gleiches gilt für die Modalitäten der Festsetzung oder Anpassung der Zielmarke für das nominale Wachstum. Und wer kontrolliert letztlich die Notenbanken, wenn deren Macht stark ausgebaut wird?

Genau das sieht der Plan von Mark Carney nämlich zweifellos vor.

 

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Alexander Hahn

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Kommentare

2 Kommentare

Verbleibende Zeichen: 1500

Gast: truce meint

goldman-sucks auf gut deutsch
das die engländer keine ideen haben;wo hab ich das nochmal gehört***

verfasst am 14:44 26.02.2013

Gourmet meint

Goldman sachts uns mal wieder.

Ich würde ja gerne mal die ethische Frage übers Menschsein erörtern.
Das ist wichtig! Denn die (Ersatz)Organe einer Sau funktionieren ja auch nicht bei jedem gleich gut.

verfasst am 05:18 25.02.2013

23.05.2013, 18:00

Bunt sei die Farbe der Politik!

Zur Sache.

23.05.2013, 09:57

Berater leben von Grundbuch-Leichen

Angemerkt. Was die Grundbücher und Kataster­dokumente Kroatiens betrifft, dürfte es noch einiges an Arbeit geben.

23.05.2013, 09:50

Niemetz ist ein Bombengeschäft

Beobachtet. Aber nur, wenn man sich in der Materie wirklich auskennt.

22.05.2013, 18:44

Das beste Rezept gegen die Krise ...

Leitartikel. Gerade in Zeiten der Krise bleiben ­Familienbetriebe ein Garant.

22.05.2013, 10:19

GmbH-Reform und Insolvenzgefahr

Beobachtet. Die Bonität eines Unternehmens hängt in der Praxis nicht nur vom Stammkapital ab, sondern vor allem von einem guten Businesskonzept und gutem Management.

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