10.11.2014, 17:21  von Herbert Geyer

Ölpreis: Wer zu früh kommt ...

In ihrem Tankstellengeschäft profitieren die großen Drei vom niedrigen Ölpreis / Bild: (c) REUTERS (JASON REED)

Wirtschaftswunder. Die großen Drei am US-Ölmarkt sehen mit Befriedigung zu, wie die Saudis durch einen Preiskampf den Schieferöl-Boom killen.

Saudi-Arabien will am Ölmarkt alte Fehler vermeiden“, kommentierte die Nachrichtenagentur Reuters Saudi-Arabiens zweite Rabattaktion, mit der das Land vergangenen Dienstag sein Öl zum zweiten Mal billiger machte – diesmal nur für die US-Kunden. Mit einer ersten, breiteren Rabattaktion hatten die Saudis Anfang Oktober den Ölpreis schon einmal ins Rutschen gebracht.

Worauf Reuters Bezug nimmt: Anfang der 1980er hatte das neu entdeckte Nordsee-Öl zu einem kräftigen Überangebot auf dem Markt geführt – und die Preise sanken. Saudi-Arabien reagierte mit Förderrücknahmen bis auf ein Viertel seiner vorigen Produktionsmenge, um das Angebot zu verknappen und den Preis hochzuhalten. Vergeblich: Die Saudis verloren bloß Marktanteile. Erst 1985 gaben sie auf und kämpften sich über Rabatte auf den Markt zurück – es dauerte 16 Jahre, bis der Ölpreis wieder sein Niveau von vorher erreichte.

Auf den aktuellen Ölpreisverfall – allein zwischen Juni und Oktober um ein Drittel – reagierten die Saudis offensiv: Mit zwei Rabattaktionen versuchten sie im Markt zu bleiben und durch noch niedrigere Preise Konkurrenten nach Möglichkeit aus dem Spiel zu drängen.

 

Cui bono? Die niedrigen Ölpreise passen so gut in die aktuelle Weltlage, dass es schwerfällt, nicht an Absicht zu glauben. Sämtliche Bad Guys des Westens leiden besonders darunter: Russland muss laufend sein Budget nachbessern, weil die Öleinnahmen ausbleiben, der Rubel stürzt ins Bodenlose. Der islamische Staat, der sich offenbar auch durch Ölschmuggel aus seinen im Irak erbeuteten Förderstätten finanziert, verliert Einnahmen. Der Iran, mit dem der Westen wegen seiner Atom-Aktivitäten übers Kreuz ist, gerät ebenfalls in Budgetnöte. Und für die notleidende Weltwirtschaft wirkt sich der niedrige Ölpreis wie eine breit gestreute Subvention in Höhe von 1,1 Billionen US-$ aus, hat die Citigroup errechnet – das schlägt alle Wachstumsprogramme.

Die Hintermänner zu finden, die mit ihrem Ränkespiel Russland, IS und Iran gleichzeitig in die Pleite schicken, ist schon weit schwieriger. Denn vor allem scheinen Marktkräfte zu wirken.

Der Ölverbrauch ist weltweit schwach und wächst nur langsam: In den Industriestaaten ist die Konjunktur am Boden, außerdem greifen die Sparmaßnahmen, die durch die hohen Ölpreise erzwungen wurden – selbst die USA bevorzugen jetzt Autos mit gezügeltem Spritdurst. Trotzdem steigt die Produktion munter weiter an. Den Auslöser für den aktuellen Preisverfall lieferte Libyen, das im Juni ein bis dahin durch Bürgerkriegswirren ausgefallenes Ölfeld wieder in Betrieb nahm und die Produktion seither vervierfacht hat.

Aber auch das liegt noch ein Drittel unter den Mengen, mit denen Libyen vor Gadaffis Sturz den Weltmarkt belieferte.

 

Überproduktion aus USA. Echte Produktionssteigerungen liefern in den letzten Jahren nur die USA, die 1970 ihren „Peak Oil“ mit konventionellen Ölbohrungen hinter sich gelassen hatten und immer mehr auf Importe angewiesen waren – bis 2009 ein Boom an unkonventionellen Förderungen begann: „Tight Oil“, vor allem Schieferöl, wird auf Teufel komm raus produziert. Spätestens 2015 wird die US-Ölproduktion ihren Rekord von 1970 übertreffen und auch dann noch munter weitersteigen.

Rohölexporte aus den USA verbietet ein amerikanisches Gesetz, daher hat sich auch der Benchmark-Ölpreis der USA (WTI) in den vergangenen Jahren von dem in Europa (Brent) abgekoppelt: WTI machte wegen der steigenden Eigenproduktion den Brent-Preisanstieg nicht mit und bescherte dadurch der US-Wirtschaft über billiges Öl Rückenwind für ihren Aufschwung nach der Krise.

Jetzt, wo die Preise außerhalb der USA niedriger sind – und daher Importe wieder konkurrenzfähig – kann sich WTI nicht mehr vom Weltmarkt abkoppeln. Auch in den USA fallen die Preise.

Genau das ist es wohl, was die Saudis mit ihrem US-Rabatt bezwecken: Während in Saudi-Arabien die Ölförderung auch bei 60 $ pro Barrel noch profitabel ist, soll US-Schieferöl, das in der Produktion sehr aufwendig ist, bei 80 $ schon nur noch in einem Drittel der Produktionsstätten machbar sein.

 

Warten auf die Übernahme. Alles wartete daher gespannt auf die Quartalszahlen der großen US-Ölkonzerne – und war überrascht: Trotz anhaltend hoher Produktion zu niedrigen Preisen meldeten weder Exxon Mobil noch Chevron oder Conocophillips für das Sommerquartal Verluste – im Gegenteil: Die geringeren Produktionserlöse schlugen sich zwar in sinkenden Umsätzen nieder, wurden aber durch gestiegene Gewinne im Raffinerie- und Tankstellengeschäft mehr als wettgemacht.

Tatsächlich sehen die großen drei offenbar mit Befriedigung zu, wie dem Schieferölboom durch die Saudis der Garaus gemacht wird. Das Schieferöl wird nämlich überwiegend von relativ kleinen Unternehmen gefördert, deren Jahresumsatz oft niedriger ist als der Quartalsgewinn von einem der Großen.

Sie stecken auch hinter den weiter wachsenden Produktionszahlen. Denn um die immensen Investitionskosten (und die dafür aufgenommenen Schulden) abzuarbeiten, müssen diese Kleinen bei sinkenden Preisen ihren Output erhöhen, um genügend Cash zu generieren. Chesapeake und EOG, zwei der größeren unter den Kleinen, versicherten bei der Präsentation ihrer Quartalszahlen, sie würden ihre Produktion weiter steigern. Das geht gut – bis die Preise längere Zeit unter die Produktionskosten fallen, wenn also jedes produzierte Barrel den Verlust erhöht.

Beim Schiefergas, dessen Boom 2005 begann, hat das schon funktioniert: Kaum eine der kleinen Firmen, die den Boom auslösten, hat den Preisverfall, der der Überproduktion folgte, überlebt. Den Gasmarkt beherrschen jetzt Exxon Mobil, Chevron und Conocophillips.

Im August 2013 empfahl Merrill Lynch seinen Kunden die Aktien von zehn Unternehmen zum Kauf, die direkt vom Schieferboom profitieren. Heute existieren sie zwar noch, sind aber bereits alle billiger zu haben als zum Zeitpunkt der Empfehlung. Und mit jedem Tag, an dem der Ölpreis unter 80 $ bleibt, steigt der Druck, sich unter die Fittiche eines kapitalkräftigen Käufers zu begeben.

Es ist eine Frage der Zeit, bis der US-Markt bereinigt ist. Und dann wird sich auch der Ölpreis wieder normalisieren.

 

24.08.2016, 20:20

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Kommentare

4 Kommentare

Gast: brook meint

verfasst am 03.09.2015, 00:47

Und dann wird sich der Ölpreis normalisieren ?

Normaler Ölpreis von 150 Dollar ?

NACH DEM SCHIEFEROOM KOMMT DER SOLARBOOM !!!

verfasst am 10.11.2014, 10:29

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