11.01.2016, 07:06  von Ashoka Mody/Ivy League

Ein weiteres langsames Jahr für die Weltwirtschaft

Der IWF behauptet weiterhin mit fast banaler Vorhersagbarkeit – wie bereits in den letzten sieben Jahren – das nächste Jahr werde besser. Und er wird damit fast sicher wieder danebenliegen. / Bild: Colourbox/Beigestellt, Mayr

Hohe Rohstoffpreise und Kapitalzuflüsse verschleierten lange wirtschaftliche Schwächen. Nun beginnt die Illusion von Wohlstand zunehmend in sich zusammenzubrechen.

Im letzten April prognostizierte der Internationale Währungsfonds, die Weltwirtschaft werde 2015 um 3,5 Prozent wachsen. In den Folgemonaten wurde diese Vorhersage immer weiter gesenkt und erreichte im Oktober 3,1 Prozent. Aber der IWF behauptet weiterhin mit fast banaler Vorhersagbarkeit-wie bereits in den letzten sieben Jahren-das nächste Jahr werde besser. Und er wird damit fast sicher wieder danebenliegen.

Zunächst einmal wächst der Welthandel jährlich nur um magere zwei Prozent, verglichen mit acht Prozent in den Jahren von 2003 bis 2007. Während das Wachstum des Handels in diesen Jahren dasjenige des BIPs (durchschnittlich 4,5 Prozent) weit übertroffen hat, sind die beiden Werte in letzter Zeit etwa gleich. Selbst wenn das BIP-Wachstum das Handelswachstum in diesem Jahr übertreffen sollte, wird es doch kaum über 2,7 Prozent liegen.

Säkulare Stagnation

Die Frage ist, warum. Laut Christina und David Romer von der University of California, Berkeley, flauen die Nachwirkungen moderner Finanzkrisen nach zwei bis drei Jahren ab. Die Harvard-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff sagen, ein Land brauche fünf Jahre, um sich von einer Finanzkrise zu erholen. Tatsächlich sind die finanziellen Verwerfungen von 2007/2008 größtenteils abgeklungen. Eine populäre Erklärung liegt in der verschwommenen Wahrnehmung einer "säkularen Stagnation": Die langfristig schwache Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen unterminiert die Anreize für Investitionen und Neueinstellungen. Die Nachfrage bleibt nur schwach, wenn die Menschen zu wenig Vertrauen in die Zukunft haben. Wie Robert Gordon von der Northwestern University argumentiert hat, besteht die einzige logische Erklärung für diesen anhaltenden Vertrauensmangel im langsamen Produktivitätswachstum.

Vor der Krise-und insbesondere von 2003 bis 2007-wurde dieses langsame Produktivitätswachstum in großen Teilen der Welt durch ein illusionäres Gefühl von Wohlstand verschleiert. In einigen Ländern-darunter hauptsächlich den Vereinigten Staaten, Spanien und Irland-haben sich steigende Immobilienpreise, spekulativer Neubau und finanzielle Risikobereitschaft gegenseitig verstärkt. Gleichzeitig haben die Länder ihr Wachstum durch gegenseitigen Handel erhöht.

Im Zentrum des globalen Booms stand China, der erwachende Riese, der die Welt mit billigen Exporten überflutete und damit die weltweite Inflation niedrig hielt. Ebenso wichtig war, dass China enorme Mengen von Rohstoffen importierte und damit viele afrikanische und lateinamerikanische Volkswirtschaften unterstützte. Auch kaufte das Land deutsche Autos und Maschinen und hielt damit die regionalen Angebotsketten der größten europäischen Volkswirtschaft am Laufen.

Diese Dynamik kehrte sich etwa im März 2008 um, als die USA ihre Investmentbank Bear Sterns vor dem Zusammenbruch retteten. Während der Welthandel in den Boomjahren zum Aufschwung beitrug, verbreitete er nun den Niedergang. Dank aggressiver Geldpolitik und Schritten zur Stabilisierung des Finanzsystems konnte sich die US-Wirtschaft ab der zweiten Jahreshälfte 2009 wieder aus der Rezession befreien. Die Politiker der Eurozone lehnten geldpolitische Stimuli ab und führten Haushaltssparmaßnahmen ein, die immer größeren Probleme ihrer Banken aber ignorierten sie. So stieß die Eurozone die Welt in eine zweite globale Rezession.

Gerade als diese Rezession wieder beendet schien, kamen die Entwicklungs-und Schwellenländer ins Schleudern. Seit Jahren hatten Beobachter die angeblichen Regierungs-und Wachstumsreformen dieser Länder gelobt. Im Oktober 2012 feierte der IWF deren "Widerstandskraft". Als sei dies das Stichwort gewesen, begann die Fassade zu bröckeln und eine unangenehme Wahrheit freizulegen: Faktoren wie hohe Rohstoffpreise und massive Kapitalzuflüsse hatten ernste wirtschaftliche Schwächen verschleiert und zu einer Kultur massiver Ungleichheit und ausufernder Korruption beigetragen.

Diese Probleme werden nun durch die Abschwächung des Wachstums in China verstärkt, des Dreh-und Angelpunkts des globalen Handels. Und das Schlimmste steht uns noch bevor. Chinas enorme industrielle Überkapazität und Immobilienschwemme müssen abgebaut, die Hybris der weltweiten Zukäufe des Landes gezähmt und die chinesischen Korruptionsnetzwerke aufgebrochen werden.

IWF fehlt Relevanz

Die Faktoren, die die Weltwirtschaft im Jahr 2015 belastet haben, werden im neuen Jahr weiterhin bestehen-und sich in einigen Fällen sogar intensivieren. Die Wirtschaft der Entwicklungs-und Schwellenländer wird schwach bleiben. Die Eurozone wird nach einem kurzen Aufschub der Sparmaßnahmen durch den lahmenden Welthandel gebremst. Steigende Zinsen bei den Unternehmensanleihen sind ein Hinweis auf langsameres Wachstum in den USA. Der Zusammenbruch der Vermögenswerte in China könnte finanzielle Turbulenzen auslösen. Den Politikern mangelt es an politischen Handlungsmöglichkeiten gegen diese Trends.

Der IWF sollte aufhören, neues Wachstum zu prophezeien, und stattdessen davor warnen, dass die Weltwirtschaft schwach und verletzlich bleibt, wenn die Politiker weltweit nicht energisch handeln, um Innovationen und Wachstum zu fördern. Für solche Bemühungen ist es höchste Zeit.

Ashoka Mody ist Gastprofessor für internationale Wirtschaftspolitik an der Woodrow Wilson School

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