14.03.2016, 06:50  von André Kühnlenz

Im Zweifel, bravo, Herr Draghi!

André Kühnlenz / Bild: WB/Peroutka

Für Sparer wirkt die jüngste Entscheidung der EZB bitter. Gleichwohl hat der Notenbank-Rat wieder einen Beitrag dafür gleistet, die Gemeinschaftswährung für eine absehbar eingetrübte Konjunktur zu wappnen.

Die EZB flutet also die Finanzmärkte mit noch mehr Milliarden. Dafür senkte sie vorige Woche den Leitzins auf null und weitete das Volumen ihrer Anleihenkäufe aus, wobei die Europäische Zentralbank jetzt auch Unternehmenspapiere erwerben wird. Zu Recht wachsen zugleich die Zweifel, wie wirksam eine solche Geldpolitik die Geschäfte der Unternehmen anschieben und die Preisentwicklung weg von einer drohenden Deflation bewegen kann.

Für Sparer oder Versicherungen sind dies bittere Nachrichten. Für das fragile Eurogebilde haben Mario Draghi und seine Kollegen im EZB-Rat gleichwohl einen Beitrag geleistet, indem sie die Gemeinschaftswährung für eine absehbar eingetrübte Konjunktur wappnen.

Denn bemerkenswert an der Entscheidung war eines: Ab Juni können schwache Finanzinstitute vor allem aus der Peripherie des Währungsraumes ihre ausgegebenen Kredite an Unternehmen und Privathaushalte mit vierjährigen Liquiditätsdarlehen bei der EZB gegenfinanzieren. Zinsen werden dafür nach jetzigem Stand keine fällig, und wenn das Kreditvolumen bestimmte Schwellen überschreitet, können die Geschäftsbanken sogar eine Prämie von der Euronotenbank bekommen.

Fachleute werden lang darüber streiten, was die Gewinnmargen der Unternehmen im Euroland zumindest bis voriges Jahr noch angeschoben hat. War es der gesunkene Ölpreis, der billigere Euro oder waren es gefallene Kreditzinsen, die in Teilen des Eurolands bis zuletzt die Investitionen etwas angetrieben haben? Wie auch immer die Antwort darauf lautet, dürfen wir dabei aber nicht vergessen, dass große Volkswirtschaften weiterhin in der Depression stecken, etwa Italien, wo der private Kapitalstock aus Maschinen, Anlagen und Wirtschaftsgebäuden nun schon seit Jahren schrumpft.

Bereits ein flüchtiger Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt zudem, dass der Euroraum seine Krise noch lang nicht überwunden hat. Und wenn der konjunkturelle Gegenwind aus der Weltwirtschaft jetzt stärker wird, sei es, weil China deutlich langsamer wächst oder in den USA die Rezession in der Industrie auch den Arbeitsmarkt erfasst, dann kann der Euroraum eines nicht gebrauchen: eine Kreditklemme, die von den Banken ausgeht. Sollten sich die düsteren Prognosen also bewahrheiten, hat die EZB jetzt zumindest schon einmal vorgesorgt. In Zeiten wachsender Unsicherheit auf den Märkten ist dies eine erfreuliche Nachricht.


[M3I7T]

("Wirtschaftsblatt", Print-Ausgabe, 14.03.2016)

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Was wir nicht wissen

Kommentare

2 Kommentare

Citoyenne meint

Wir finanzieren alle durch die Negativzinsen die exorbitanten Schulden der Eurostaaten mit. Die größte denkbare Umverteilungsmaschinerie, die es je gegeben hat!
Da gibt es kein BRAVO, sondern nur ein lautstarkes BUUUHHH!
Gelddrucken war immer der Weg in den Crash, da gibt es kein Gegenbeispiel in der Geschichte.

verfasst am 15.03.2016, 09:31

phoebe05 meint

Der einzige Effekt ist eine neue, nie dagewesene Blase damit zu produzieren und das Euro- und EU Ende noch weiter hinauszuschieben, dadurch wird das Ende natürlich noch heftiger als man sich derzeit vorstellen kann und in einem Ausmaß, das die Welt noch nie gesehen hat.

verfasst am 14.03.2016, 08:22

20.07.2016, 23:07

Vor diesen Robotern muss kein Berater Angst haben

So genannte Robo-Advisor wollen in Österreich die Finanzberatung revolutionieren. In Wahrheit sind die ausländischen Anbieter nicht einmal in der Lage, für den Kunden die KESt abzuführen. Sehr praktisch ist das nicht.

20.07.2016, 22:40

Vergessen wir nicht Frankreichs Schuldenblase

Seit der Finanzkrise hat sich die Verschuldung französischer Unternehmen verdoppelt. Zumindest wenn wir sie nicht im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt sondern den operativen Gewinnen messen. Beunruhigend, dass kaum jemand darüber redet.

19.07.2016, 22:32

Wird schon nicht so schlimm werden? Doch! Schlimmer.

Leitartikel. Auch in Österreich konnten sich ja einige populistische Politiker in ihrer Euphorie über das Brexit-Votum nicht zurückhalten, mit dem Gedanken eines EU-Austritts zu spielen. Der IWF belehrt sie eines besseren.

19.07.2016, 17:49

Schanigarten-Regelung für den Hugo

Die Öffnung der Wiener Schanigärten im Winter ist ein Kompromiss, der Wirten wenig nützt und höhere Kosten verursacht. Die Wirtschaftskammer verkauft sie als Verhandlungserfolg - wo der liegt, bleibt schleierhaft.

19.07.2016, 13:35

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Die jüngste Kartellstrafe gegen Lkw-Bauer ist nur die Spitze einer peinlich-langen Liste an Preismauscheleien. Die Optik ist verheerend und man ist fast geneigt zu fragen: Geht´s nicht ohne?

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