21.08.2012, 10:46  von Hans Weitmayr

Richtungsstreit innerhalb der Europäischen Zentralbank

Im Gegensatz zur EZB weiß der griechische Premier Antonis Samaras, wo er hinreist: zuerst nach Paris, dann nach Berlin. Das ideelle Ziel des Städtetrips: der Verbleib in der Eurozone / Bild: Bloomberg

Intervention. Die EZB spaltet sich an der Frage, ob man unlimitiert intervenieren soll oder nicht. Griechenland kämpft um den Verbleib in der Eurozone.

Frankfurt. Die Deutsche Bundesbank - Teil des europäischen Zentralbanksystems - hat verschnupft auf die Berichte vom Wochenende reagiert, wonach die Europäische Zentralbank (EZB) an einem Mechanismus arbeite, der zu potenziell unlimitierten Anleihenkäufen durch das Institut führen könnte. Ob man das damit verbundene erhöhte gemeinschaftliche Haftungsrisiko übernehmen wolle, sollte von Regierungen und nicht einer Zentralbank entschieden werden, so das deutsche Institut in einer Stellungnahme. Das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen bestätigte die Möglichkeit, dass es sich um ein unlimitiertes Programm handeln könnte, betonte aber, dass allfällige Bondkäufe an strenge Bedingungen geknüpft werden müssten. Das könne innerhalb der Regelwerke rund um ESM und EFSF umgesetzt werden. Um das umzusetzen, müsste ein solches Land aber zuvor um Hilfsgelder bei einem dieser Fonds ansuchen.

Bellende Hunde

Marktteilnehmer reagierten mitunter süffisant. So erklärte Holger Schmieding, Chefökonom bei Berenberg Bank in London, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg: "Je lauter die Bundesbank protestiert, desto weniger wird das die Märkte beeindrucken."

Tatsächlich schien man am Montag bis Redaktionsschluss zumindest an den Anleihemärkten eher auf die EZB-Vorstöße zu reagieren als auf den Zorn der Bundesbank. Die Renditen spanischer Anleihen gingen merklich zurück. Der Euro pendelte immerhin um die Nulllinie.

Gerne gehört wird der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras haben, was die EZB für unlimitierte Szenarien durchspielt. Er steht vor einer wichtigen Tour nach Berlin und Paris, um sein Sparprogramm und das zuletzt kolportierte, neue Finanzierungsloch von 2,5 Milliarden €€ zu erklären. Am Freitag trifft Samaras mit dem französischen Premier Francois Hollande, am Samstag mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zusammen. Zur Wochenmitte besprechen sich im Vorfeld der Gespräche Merkel und Hollande selbst. Den geografisch umgekehrten Weg geht Eurozonen-Chef Claude Juncker: Er reist am Mittwoch nach Griechenland, um sich vor Ort über den Stand der Dinge zu informieren.

Milde Kommission

Die EU-Kommission selbst hatte jedenfalls die am Wochenende aufgekommenen Medienberichte über einen erhöhten Finanzbedarf Griechenlands nicht kommentiert. Dazu wäre es "zu früh", sagte Simon O'Connor, der Sprecher von EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn. O'Connor betonte außerdem, die sogenannte Troika der internationalen Geldgeber, bestehend aus Vertretern der EU-Kommission, der EZB und des IWF, werde Anfang September nach Athen zurückkehren, um eine abschließende Beurteilung der Umsetzung des zweiten Hilfsprogrammes für Griechenland abzugeben. "Und auf Basis dieser Beurteilung wird es dann an der Eurogruppe liegen, Schlussfolgerungen zu ziehen."

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2012-08-21)

Das WirtschaftsBlatt 3 Wochen gratis testen
» Jetzt kostenlos bestellen

20.08.2012, 13:37

„EZB jetzt in einer Sackgasse gefangen"

20.08.2012, 06:54

Asmussen deutet unlimitierte EZB-Interventionen an

10:19

Ifo-Index überrascht mit deutlicherem Plus

Die griechischen Schulden könnten zwar schneller steigen als erwartet, spanische Anleihen würden aber von einer aggressiven EZB profitieren; der Euro wirkt hin- und hergerissen

Die griechischen Schulden könnten zwar schneller steigen als erwartet, spanische Anleihen würden aber von einer aggressiven EZB profitieren; der Euro wirkt hin- und hergerissen

Mehr auf wirtschaftsblatt.at

    Mehr aus dem Web

    WERBUNG

    Kommentare

    0 Kommentare

    Verbleibende Zeichen: 1500

    23.04.2014, 20:05

    Starker Euro drückt Umsatz bei Michelin

    Der Umsatz beim Conti-Rivalen Michelin sei im ersten Quartal um knapp drei Prozent auf 4,76 Milliarden Euro gesunken

    23.04.2014, 18:21

    OeNB-Chef Nowotny: "Ich sehe derzeit keine Deflationsperspektive"

    OeNB-Chef und EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny sieht keinen akute Deflationsgefahr in der Eurozone. Staatsanleihen-Käufe schließt Nowotny nicht aus.

    23.04.2014, 17:01

    Wir verlieren die Ostukraine, „wenn wir so weitermachen wie bisher"

    US-Präsident Barack Obama steckt in Sachen Ukraine im Dilemma zwischen Härte und Verhandlungen. Debatten auch in Washington über den richtigen Kurs.

    23.04.2014, 16:27

    Frankreich verlässt der Ehrgeiz: Drei Prozent Defizitziel für 2015

    Frankreich strebt bei dem von der EU geforderten Defizitziel nächstes Jahr eine riskante Punktlandung an.

    23.04.2014, 13:55

    21 europäische Städte rittern um neun Millionen Euro

    Der frühere New Yorker Bürgermeister Michael R. Bloomberg initiiert einen hochdotierten Wettbewerb unter europäischen Städten.

    Umfrage

    • Wo liegt Ihr Notgroschen?
    • Auf dem Girokonto
    • Auf dem Sparbuch
    • Andere Anlageformen
    • Unter dem Kopfkissen

    Die Redaktion empfiehlt