10.02.2013, 08:06  von Carsten Hoefer/dpa

Politischer Aschermittwoch der Sensationen in Bayern

Ministerpräsident Horst Seehofer / Bild: Dpa Tobias Hase

In der Passauer Dreiländerhalle liegt die zugelassene maximale Sitzplatzkapazität bei "nur" 4.000 Besuchern. Deshalb errichtet die SPD nun ein gigantisches Bierzelt in Vilshofen,

München, Eigentlich ist der politische Aschermittwoch in Deutschland ein betagter Hahnenkampf mit deutlichen Abnutzungserscheinungen - doch im Superwahljahr 2013 steht eine niederbayerische Redeschlacht der Sensationen bevor. Möglicherweise tritt das Unmögliche ein: Der SPD könnte es knapp acht Monate vor Bundestags- und bayerischer Landtagswahl gelingen, erstmals eine größere Kundgebung als die CSU auf die Beine zu stellen. Sollte der angeblich "größte Stammtisch der Welt" der CSU in Passau nur noch der zweitgrößte sein, wäre der Alleinvertretungsanspruch der CSU für die bayerische Seele ad absurdum geführt. Bei den Aschermittwochs-Kundgebungen ist die Symbolik seit jeher bedeutender als es die Inhalte sind.

   Wie immer hoffen viele Zuhörer auf eine möglichst kreative Beschimpfung des jeweiligen politischen Gegners. Die anderen Parteien kopieren das CSU-Format zwar eifrig. Sie haben es aber bisher nie geschafft, vergleichbar große Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Doch die SPD ist heuer wild entschlossen, die CSU zu übertrumpfen.

   In der Passauer Dreiländerhalle, in der die CSU ihre Kundgebungen abhält, liegt die zugelassene maximale Sitzplatzkapazität bei 4.000 Besuchern. Deshalb errichtet die SPD nun ein gigantisches Bierzelt in Vilshofen, das für 4.500 Besucher mit Bierbänken bestuhlt wird. In den Hauptrollen: Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und der bayerische Spitzenkandidat Christian Ude. "Das wird eine Riesengeschichte", sagt SPD-Wahlkampfmanager Rainer Glaab. Ude, Herausforderer von CSU-Chef und Ministerpräsident Horst Seehofer, eint vergleichsweise bescheiden: "Ich glaube, das wird ein kraftvoller Auftakt des Wahljahrs."

   Sogar die Fernsehzuschauer von Nordafrika bis zum Persischen Golf werden auf dem Laufenden sein. Zur großen Überraschung der SPD hat sich der Fernsehsender Al-Jazeera in Vilshofen angemeldet - einer beschaulichen Kleinstadt an der Donau, von der die meisten Bewohner der arabischen Welt vermutlich noch nie etwas gehört haben.

   Die CSU will sich naturgemäß keinesfalls geschlagen geben. "Die größte Kundgebung wird bei der CSU in Passau stattfinden", sagt CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. "Wir machen nicht nur eine Kundgebung in einem Zelt, wir veranstalten ein echtes Bayern-Festival." In Passau treten wieder Seehofer und sein Vorvorgänger Edmund Stoiber auf.

   Dobrindt kündigt Überraschungen an: "Unser Aschermittwoch wird in eine andere Liga vorstoßen." Die SPD könne ihre Inhaltsleere zur Schau stellen, höhnt der CSU-General. "Genau darum versucht sie eine vom amerikanischen Wahlkampfstil geprägte Schmutzkampagne", sagt Dobrindt über die Spott-Webseite "drehhofer.de", auf der die SPD über Seehofers Kurswechsel lästert.

   Auch FDP-Bundestags-Spitzenkandidat Rainer Brüderle kann sich bei der FDP-Kundgebung in Dingolfing auf reges Interesse einstellen - das nicht nur seiner Rede gelten wird. Im Jänner löste eine "Stern"-Reporterin die deutschlandweite Sexismus-Debatte aus, die auch nach Österreich überschwappte - sie schrieb über eine anzügliche Bemerkung Brüderles über ihre dirndltaugliche Figur. Niederbayern zählt zu den Kernlanden des Dirndls. Fotografen und Kamerateams werden daher Brüderles Begegnungen mit Dirndlträgerinnen mit Argusaugen verfolgen.

   Auch die übrigen deutschen Parteien entsenden Spitzenkräfte ins niederbayerische Herz des Aschermittwoch-Treibens - unter anderem Jürgen Trittin (Grüne), Sahra Wagenknecht (Linke) und Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hält sich nach bewährtem Muster fern und tritt erst am Abend in Mecklenburg-Vorpommern auf - um der CSU nicht die Schau zu stehlen.

   Der Ausgang des Besucher-Wettstreits von CSU und SPD jedoch ist bereits absehbar: Nach allem menschlichen Ermessen werden beide Parteien melden, ihre Kundgebung sei die größere.

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