06.06.2013, 14:24

Hochwasser: Jetzt Slowakei, dann Ungarn

Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

Die Slowakei wartet auf die große Flutwelle. Auch Ungarn bereitet sich auf das Hochwasser vor. Die gesamte Armee wurde mobilisiert.

Budapest/Györ. Angesichts des Donau-Hochwassers hat es in Ungarn erste Evakuierungen gegeben. Die gesamte Armee wurde mobilisiert, mehr als 9.600 Kräfte stehen bereit. Das gab Verteidigungsminister Csaba Hende am Donnerstag bei einer Pressekonferenz bekannt. Die Donau hat nördlich von Györ einen Pegelstand von mehr als acht Metern erreicht, bis Samstag soll der Wasserstand dort auf neun Meter steigen. In Budapest soll die Scheitelwelle am Montag eintreffen.

   Für den Anfang der kommenden Woche ist in Budapest ein Donau-Höchststand von 8,85 Meter in Budapest zu erwarten. Beim bisher letzten großen Hochwasser im Jahr 2006 wurden in der ungarischen Hauptstadt 8,60 Meter gemessen. Im Verwaltungsbezirk Pest wurden am Donnerstag an die 250 Menschen aus ihren Häusern in Sicherheit gebracht. In der Hauptstadt sind Uferstraßen bereits überflutet worden.

   Derzeit werden an der Donau von der Grenze bis Budapest auf einer Länge von mehr als 190 Kilometern die Ufer befestigt. Im Verwaltungsbezirk Györ sind 5.000 Einsatzkräfte und freiwillige Helfer mit der Errichtung von Schutzdämmen beschäftigt. Im Raum Esztergom wurde das Donauufer bis Mittwochabend mit 230.000 Sandsäcken verstärkt, in der Stadt wurden 40 Menschen in Sicherheit gebracht. Die Bahnverbindung ist zwischen Komarom und Esztergom gesperrt, ebenso zahlreiche Landstraßen.

   Große Sorge bereitet eine Rotschlammdeponie in Almasfüzito östlich von Komarom, die in unmittelbarer Nähe der Donau liegt. Laut Gutachten, die 2011 im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace erstellt wurden, befindet sich in dem Auffangbecken gefährlicher organischer und anorganischer Giftmüll. Die Anlage widerspricht demnach nationalem und europäischem Recht. Greenpeace hatte die Expertisen nach der Umweltkatastrophe von Kolontar im Oktober 2010 erstellen lassen. Dort waren nach einem Dammbruch zwölf Millionen Tonnen Rotschlamm ausgeflossen.

Slowakei kommt zuerst unter Wasser

Die Slowakei wartet auf die große Flutwelle: Laut aktualisierten Prognosen des Hydrometeorologischen Amtes wird die Scheitelwelle der Donau, die in der Hauptstadt Bratislava am späten Donnerstagnachmittag erwartet wird, um gut 20 Zentimeter höher als angenommen sein und bis auf den absoluten Rekordwert von 10,40 Meter klettern. Kurz nach Mittag hat der Pegel aber bereits 10,30 Meter überschritten.

   Die Behörden versichern weiterhin, die Anfang der Woche errichteten Schutzdämme werden halten, Bratislava sei auf die Jahrhundertflut vorbereitet. Dennoch wurden Dammwände anhand der berichtigten Vorhersagen teils noch weiter aufgestockt, in einigen Teilen der Stadt halten nur noch diese Barrieren die Fluten von den Straßen ab. Auch beim jüngst erwarteten Höchststand sollten die Wassermassen aber gut 40 Zentimeter niedriger als die Dämme bleiben, versicherte Lubomir Andrassy vom Krisenstab der Stadt.

   Trotz der Zusicherungen haben Bewohner, Institutionen und Banken in Ufernähe Sandsäcke verlegt. Sicherheits- und Rettungskräfte stehen in Bereitschaft. Die Polizei musste aus Sicherheitsgründen auch die Alte Brücke und das Ufer auf der Altstadtseite sperren, wo rege Hochwassertouristik eingesetzt hat: Hunderte Schaulustige haben sich versammelt um die Wassermassen zu bestaunen und kletterten sogar auf die Schutzdämme. In der Stadt ist das Wasser vorerst nur an einigen Stellen leicht durchgesickert ohne größere Schäden zu verursachen. Der Nahverkehr wurde teils umgeleitet, drei Schulen in Flussnähe blieben am Donnerstag geschlossen.

   Etwas angespannter als auf der Altstadtseite ist die Situation am rechten Donauufer in Petrzalka, wo Erholungszonen am Ufer überflutet wurden. Bewohner in Flussnähe wurden aufgefordert, sich auf ihre eventuelle Evakuierung vorzubereiten. Äußerst kritisch bleibt die Lage im Vorort Devin am Zusammenfluss der Donau und der March, der von der Stadt abgeschnitten wurde. Weitere Ortsteile wurden überflutet, in der Nacht auf Donnerstag mussten 22 Einwohner evakuiert werden.

   Dritte Hochwasserstufe herrscht inzwischen auf dem ganzen slowakischen Teil der Donau von Devin bis Sturovo an der ungarischen Grenze, sowie Teilen der March vor Bratislava und der unteren Vag. Die Brückenverbindung nach Österreich in Hohenau wurde gesperrt, ebenso die Brücke nach Ungarn in Medvedov.

   In der gesamten Südslowakei werden entlang der Donau zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. In der Grenzstadt Komarno mussten Dämme mit Sandsäcken gesichert werden, Wasser ist teils durchgesickert. Bewohner eines Altersheimes wurden präventiv in Sicherheit gebracht und Bewohner von Komarno aufgefordert nur in unausweichlichen Fällen die Brücke nach Komarom auf der ungarischen Seite des Flusses zu benutzen. Es wird befürchtet, in den Regionen im Süden des Landes, wo die Flutwelle am Freitag oder Samstag erwartet wird, könnte die Situation zusätzlich noch der Rücklauf der Donau in die Nebenflüsse komplizieren.

Leichte Entspannung in Österreich

Während in Tirol, Salzburg und Oberösterreich bereits die Aufräumarbeiten auf Hochtouren laufen, hat sich die Hochwasserlage in den östlichen Bundesländern Niederösterreich und Wien am Donnerstag leicht entspannt. Kritisch war nur der Bereich an der Donau östlich von Wien, wo der Pegel noch anstieg.

   Die kritischen Hochwasserschutzeinrichtungen in Niederösterreich waren nicht gebrochen. Der Damm am Kremsfluss in Theiß, wo nicht nur 600 Tonnen Schotter, sondern auch 1.000 Tonnen Sand aufgebracht wurden, hielten ebenso wie jener in Stopfenreuth (Bezirk Gänserndorf), der durch Sandsäcke erhöht wurde. Unverändert und stabil war die Lage auch in Hainburg an der Donau (Bezirk Bruck a.d. Leitha), wo das Augenmerk u.a. dem vom Hochwasser bedrohten Bahnhof galt. In Niederösterreich standen bisher 14.200 Kräfte von 1.093 Feuerwehren mit 3.214 Fahrzeugen im Hochwassereinsatz. Dazu zählten auch 32 Züge des Katastrophenhilfsdienstes.

   In Krems hatte man unterdessen mit den Aufräumarbeiten begonnen. Die B3 im Stadtgebiet und die B35 (Ringstraße) sollten im Laufe des Tages wieder freigegeben werden, so das Rathaus. Dennoch wurde geraten, von zusätzlichen Fahrten nach Stein Abstand zu nehmen, damit alle notwendigen Abbauarbeiten reibungslos verlaufen können.

   Aufatmen konnte auch die Bundeshauptstadt. Laut Wiener Gewässerabteilung wurde der Pegel stetig niedriger. Die Häfen Lobau und Albern waren zwar weiter überschwemmt, aber auch hier ging das Wasser zurück. Der Höhepunkt in Wien wurde in der Nacht auf Donnerstag erreicht: Um Mitternacht lag der Donau-Pegel Korneuburg noch bei einem Rekordniveau von 8,09 Meter, was eine Durchflussmenge von rund 11.000 Kubikmeter pro Sekunde bedeutete.

   Auch in den beiden betroffenen Häfen sei das Wasser noch einmal um circa 20 Zentimeter gestiegen - auf rund 70 Zentimeter im Albern und circa 1,50 Meter in der Lobau, teilte eine Sprecherin des Wiener Hafens mit: "Jetzt ist das Wasser langsam rückläufig." Im Alberner Hafen sicherte die Feuerwehr am Vormittag einen Öltank, damit er nicht aufschwimmen und davontreiben kann. Gefahr war keine im Verzug. Die Sperre der A4-Unterführung Stadionbrücke konnte aufgehoben werden.

   Passagiere eines Donau-Kreuzfahrtschiffes, das in Nussdorf angelegt war, konnten den Fluss-Liner nicht mehr verlassen, da der ans Ufer führende Steg überflutet ist. Sie wurden von der Feuerwehr versorgt, wie ein Sprecher der Berufsfeuerwehr Wien berichtete. Eine Evakuierung, so betonte er, war vorerst aber nicht geplant.

   Auch in Linz ist ein Schiff aufgrund des Hochwassers in Schwierigkeiten geraten. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat die Polizei Sonntag früh 120 Passagiere eines Schweizer Schiffes in Sicherheit gebracht. Die Beamten hatten erkannt, dass ein ungehindertes Passieren der Eisenbahnbrücke nicht mehr möglich und eine Kollision die Folge gewesen wäre. Nachdem die Menschen das Schiff verlassen hatten, konnte es auf der hochwasserführenden Donau buchstäblich in letzter Sekunde unter dem Bauwerk durchfahren.

   In Vorarlberg sind möglicherweise zwei weitere Hochwasseropfer zu beklagen. Am Mittwoch wurden gleich zwei Leichen entdeckt, wie die Polizei berichtete. In einer Unterführung in Hörbranz (Bezirk Bregenz) wurde ein 55-jähriger Mann in 20 Zentimeter tiefem Wasser liegend aufgefunden, vor Gaißau barg die Feuerwehr einen tote Person aus dem Bodensee.

   Bei den Aufräumarbeiten zeigten sich die Österreich solidarisch. Im oberösterreichischen Bezirk Urfahr-Umgebung hat der Ansturm von Freiwilligen sogar zu Verkehrsproblemen geführt. Die Polizei musste die Straße zur Gemeinde Goldwörth, die von der Flut besonders arg worden ist, abriegeln. Die Hilfe müsse koordiniert ablaufen, appellierten LH Josef Pühringer und der zuständige Landesrat Max Hiegelsberger (beide V), sich über das "Team Österreich" anzumelden.

   Der Einsatz von Freiwilligen löste auch in der Politik Diskussion aus. Die Regierung will nun die finanzielle Abgeltung für freiwillige Helfer im Katastropheneinsatz auf breiter Basis diskutieren. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (V) kündigte gegenüber der APA einen "Gipfel" für kommenden Dienstag an. Dort will sie mit Einsatzorganisationen, Bundesländern und den zuständigen Ministerien über eine "Gesamtlösung für freiwillige Hilfskräfte" sprechen. Zuletzt war anlässlich der Hochwasserkatastrophe wiederholt der Ruf nach einer Entgeltfortzahlung für die Helfer laut geworden.

(APA/MTI)

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