04.02.2014, 08:43  von Hans Weitmayr

Deutschland: Die Wachstumslüge

Bild: (c) dpa/Julian Stratenschulte

Analyse. Der Optimismus zur wirtschaftlichen Zukunft von Deutschland kennt nur mehr sehr weite Grenzen. Sieht man sich die Daten aber genauer an, kommt die angebliche Erholung weder in der Bevölkerung an, noch kann sie dem Bedeutungsverlust Deutschlands nach außen entgegenwirken.

2014 wird Deutschlands Jahr. Muss es werden. Anders ließen sich Schlagzeilen wie "Deutsche Wirtschaft startet schwungvoll ins Neue Jahr" oder "Deutsche Wirtschaft beendet Durststrecke" oder "Wachstumslok Deutschland" wohl nicht rechtfertigen. Auch die diversen Forschungsinstitute scheinen auf ein neues deutsches Wirtschaftswunder eingeschworen. So meint man beim deutschen ifo anlässlich der Daten zum Jänner, dass der zu Jahresbeginn erzielte, dritte monatlich Anstieg in Folge "nach einer Faustregel als konjunkturelle Trendwende gilt."

Ein schönes Wort: "Faustregel". Ein Begriff, der nach keiner wissenschaftliche Begründung verlangt, ein Begriff, der deshalb schwer angreifbar ist – außer natürlich mit einer anderen Faustregel. Etwa mit dieser: "In einer entwickelten Industriegesellschaft wächst der Arbeitsmarkt ab einem BIP-Plus von zwei Prozent." Nun liegen selbst die optimistischsten Konjunkturprognosen –naheliegender Weise von Seiten der deutschen Bundesregierung – bei 1,7 Prozent. Kolportiert wird, dass diese Erwartungen auf 1,8 Prozent "hochgeschraubt" werden sollen. Von den zwei Prozent der "Faustregel" ist man dann aber immer noch ein Stück weit entfernt.

Blick durch die Finger

Tatsächlich erscheinen die Erwartungen bezüglich des deutschen Jobmarktes an vielen Stellen nicht unbedingt überschäumend. So rechnet der deutsche Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer heuer trotz steigender Beschäftigung mit keinem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit. "Das Wirtschaftswachstum wird zunehmen. Die Arbeitslosigkeit wird aber wohl nur leicht zurückgehen" Chris Williamson, Chefvolkswirt des den Einkaufmanagerindex herausgebenden Markit-Instituts beobachtet sogar, dass "die Unternehmen den Jobabbau fortsetzen."

Und die Arbeitnehmer, die noch über eine Stelle verfügen? Sie können von der beschworenen Trendwende, vom "Ende der Durststrecke" auch nicht profitieren. Denn das statistische, auf das BIP bezogene Comeback der deutschen Wirtschaft, wird nicht unwesentlich vom Sinken oder Stagnieren der realen Einkommen finanziert. In ihrem Aufsatz "From Sick Man of Europe to Economic Superstar: Germany‘s Resurgent Economy", erschienen im renommierten "Journal of Economic Perspectives" beschreiben vier deutsche Ökonomen die deutsche Tarifautonomie. Diese ermöglicht es Gewerkschaften, Unternehmen und Betriebsräten, unabhängig von politischen Einflüssen über Löhne und Arbeitsbedingungen zu verhandeln. Auf diese Weise können die Tarifpartner bei der Lohnfindung die konjunkturelle Lage in der jeweiligen Branche, Region oder sogar in den jeweiligen Unternehmen berücksichtigen.

Dadurch sind die Lohnstückkosten und somit die Einkommen in Deutschland flächendeckend über alle Industriezweige hinweg gefallen und hätten so laut dem Aufsatz zu einer erhöhten internationalen Wettbewerbsfähigkeit geführt. Die entsprechende OECD-Grafik belegt diesen Trend fallender Lohnstückkosten ganz eindeutig (siehe rechts). Sie zeigt aber auch, dass diese in Großbritannien seit 1994 leicht zugelegt haben. Das Vereinigte Königreich hat wiederum 2013 trotz steigender Lohnstückkosten und Einkommen ein BIP-Plus von 1,9 Prozent erwirtschaften und somit das deutsche Wachstum um 1,5 Prozentpunkte übertroffen.

Hohe Abhängigkeit

Problematisch erscheint zudem, dass die zwischen 1,6 und 1,8 liegenden Wachstumsprognosen für Deutschland nicht in Stein gemeißelt sind. Denn der Hauptgrund für die erschreckend schwache Steigerungsrate von 0,4 Prozent, die im vergangenen Jahr erwirtschaftet wurde, beruht vor allem auf einer Schwäche der deutschen Exportwirtschaft. Vor allem die wichtigen Handelspartner USA und China haben ausgelassen.

Beunruhigend ist in diesem Zusammenhang, dass sowohl die Vereinigten Staaten wie auch die Volksrepublik mehr oder weniger schwächeln. So hat die chinesische Industrie einen veritablen Fehlstart hingelegt – denn zum ersten Mal seit sechs Monaten schrumpften die Geschäftstätigkeiten der Volksrepublik im Jänner. Der Einkaufsmanagerindex von Markit und HSBC fiel um 0,9 auf 49,6 Punkte. "Hauptgrund dafür war die geringere Binnennachfrage", sagte HSBC-Volkswirt Qu Hongbin. Marktbeobachter gehen nun davon aus, dass die nach den USA zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt 2014 schwächer zulegen wird als in den beiden Vorjahren. Damals wurden jeweils 7,7 Prozent erwirtschaftet – und das war bereits der kleinste Zuwachs seit 1999. "Wir bleiben bei unserer Prognose von 7,2 Prozent", erklärt dazu beispielsweise Dariusz Kowalczyk von Credit Agricole CIB in Hongkong in einer Studie. Zur Erinnerung: Die Zielvorgabe Pekings liegt bei 7,5 Prozent BIP-Plus.

Dazu werden in den USA erste Stimmen laut, die davon ausgehen, dass das dortige BIP-Plus die erhofften drei Prozent ebenfalls nicht erfüllen wird. Brechen die beiden Exportsäulen USA und China weg, drohen abermals anämische Wachstumsraten, das umso mehr, als die Emerging Markets mit wichtigen Maschinen-Absatzmärkten wie Russland oder Brasilien unter Volldampf in eine veritable Krise schlittern.

Globaler Einfluss schwindet

Wenn also die „Faustregel einer konjunkturellen Trendwende" weder auf den Wohlstand der deutschen Bevölkerung zutrifft, und auch eine Erholung der nur statistisch relevanten BIP-Zahlen an sich auf wackeligen Beinen steht – wo könnte es dann noch zur erhofften Schubumkehr kommen?

Eine Blickrichtung wäre – wie man es aus der Politik kennt – die nach außen gerichtete. Also eine Aufwertung der ökonomischen Stellung nach außen. Doch auch hier sprechen die Wahrscheinlichkeiten gegen Deutschland. Nimmt man nämlich die nach Kaufkraftparität errechnete Wirtschaftsleistung Deutschland (auch PPP-BIP) und vergleicht diese mit den IWF-Prognosen für 2018, so zeichnet sich beim Anteil am Welt-BIP ein Rückgang von 3,72 auf 3,28 Prozent ab. Bedeutet: Deutschlands Anteil am weltweit erwirtschafteten BIP (PPP) geht in fünf Jahren um zwölf Prozent zurück. Zum Vergleich: Selbst die so oft wirtschaftlich wie politisch zu Grabe getragenen USA verzeichnen im selben Zeitraum ein Minus von nur 3,6 Prozent, Chinas Anteil legt um knapp 16 Prozent zu.

Bescheidene Aussichten

Eine Trendwende lässt sich in Deutschland also allenfalls auf Basis der allgemeinsten volkswirtschaftlichen Kennzahl – dem BIP – orten. Dort aber auch nur von einer erschreckend niedrigen Basis ausgehend. Die Bevölkerung wird von dieser Erholung wenig spüren, der Bedeutungsverlust der deutschen Wirtschaft geht ebenfalls weiter. Wobei auch dieses Szenario einer inneren Stagnation nur dann aufgeht, wenn China und die USA dieses Jahr wieder verstärkt "Made in Germany" kaufen. Wenn nicht, wird es schlimmer.

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Kommentare

3 Kommentare

Spannende Überschrift, versandeter Text. Was genau wäre denn nun die (Wachstums-)Lüge? Darauf wird leider keine Antwort gegeben.

Dabei würde das Thema so viel hergeben. Gach ist das Wachstum ja wirklich gelogen, nicht nur das aktuelle, sondern jenes der letzten 30, 40 Jahre? Das würde in vielerlei Hinsicht Sinn ergeben.

Wir könnte es sonst sein, dass Steuereinnahmen sich langfristig sich kaum an der Wirtschaftsleistung orientieren. Ja es notwendig war Steuersätze fortlaufend zu erhöhen, nur um Steuerquoten konstant zu halten?
Warum sonst sollten die Reallöhne seit Jahrzehnten stagnieren bzw. sinken? Wäre das der "Lohnzurückhaltung" gedankt, statt fehlendem Wirtschaftswachstum, müssten deutsche Unternehmen dann nicht großartig verdienen? Und damit ist gemeint verdienen mit der Produktion in Deutschland, nicht in China.
Und wenn dem so wäre, sähen wir dann nicht rege Investitionstätigkeit, Vollbeschäftigung, und marktgetriebene Lohnzuwäche, statt dem genauen Gegenteil?

Aber ja, solche Zusammenhänge zu sehen wäre wohl zu viel verlangt. Trotzdem gibts da interessante Details:

http://www.wirtschaftsblog.info/archiv/2013/wenn-das-die-nachbarn-wuessten/

verfasst am 05.02.2014, 15:37

Hier erweist sich der Euro auch als Bremser. Früher hat man die D-Mark aufgewertet und aufgrund des Technologievorsprungs der deutschen Wirtschaft wurden deutsche Produkte dennoch gekauft, die importierten Vorleistugnen dagegen wurden billiger. Mit dem Euro funktioniert das nicht mehr, weil die anderen Euro-Staaten die Aufwertung nicht verkraften würden.

verfasst am 04.02.2014, 09:34

Völlig falsch! Denn Deutschland hat bereits den größten Niedriglohnsektor Europas gemeinsam mit UK und wurde wegen der niedrigen Lohnstückkosten und Löhne, gerade in letzter Zeit mehrfach aus allen Richtungen (IWF,USA, europ. Partner) ermahnt und dennoch sieht die Wirtschaftswahrheit wie oben beschrieben aus. Man muss sogar anfügen, dass ganze Industrien, wie speziell die deutsche Autoindustrie, bedenkliche Abhängigkeiten von China entwickelt haben.

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