23.06.2014, 07:35  von Das Interview führte Wolfgang Tucek

OMV-Chef Gerhard Roiss: "Energieversorgung der EU ohne Russland unrealistisch"

OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss warnt davor, die wirtschaftliche Kooperation mit Russland aufs Spiel zu setzen. Auch auf ihr beruhe unser Wohlstand / Bild: APA/Herbert Pfarrhofer

Für die Energieversorgung benötigt die EU so viele Gas-Highways wie möglich. South Stream soll forciert werden, ohne Russland geht es nicht, sagt OMV-CEO Gerhard Roiss im Interview mit dem WirtschaftsBlatt.

WirtschaftsBlatt: Russland hat die Ukraine für Gaslieferungen auf Vorkasse umgestellt. Richtung Westen fließt das Gas vorerst unverändert weiter. Wird es Auswirkungen auf die Gasversorgung der EU und Österreichs geben?

Gerhard Roiss: Aus heutiger Sicht sieht man tatsächlich keine Auswirkungen, das Gas fließt in der disponierten Menge nach Österreich und in die anderen Länder. Dabei gibt es ein paar positive Aspekte: Es ist Sommer, der Bedarf ist geringer. Nord Stream und Opal haben freie Kapazitäten und die Lager sind schon wieder relativ weit aufgefüllt. In Österreich liegen wir bei 65 Prozent und sind der Planung zu dieser Zeit damit etwas voraus. Die Frage für das Management der Zukunft wird sein, wie beherrschbar es ist, die geplanten Gasmengen durch die Ukraine zu leiten.

Ist die Zukunftsstrategie daher, die Ukraine künftig etwa mit South Stream zu meiden?

Roiss: Nein, wir müssen grundsätzlich umdenken und im Sinne des Binnenmarkts paneuropäische Gas-Highways schaffen, die einen wirklichen grenzüberschreitenden Durchfluss gewährleisten. Der bisherige Fleckerlteppich mit den Interkonnektoren für die Grenzüberschreitung funktioniert nicht. Und dann sind zwei Highways besser als einer, drei besser als zwei und vier besser als drei.

Soll South Stream ein solcher Highway werden?

Roiss: Wenn wir aus einer bestimmten Region große Mengen Gas beziehen können, dann müssen wir den Investoren die Chance geben, Gas-Highways zu bauen. Die Verhandlungen für South Stream sollten daher beschleunigt und nicht auf Eis gelegt werden. Dass dabei alles nach europäischem Recht ablaufen muss, ist selbstverständlich.

Aber wird das leicht gelingen? Eine der Hauptsorgen der EU ist doch, dass Gazprom das Eigentum und die Kontrolle über ihr Pipelinenetz nicht abgeben will, wie es das EU-Recht verlangt.

Roiss: In Europa gilt zweifelsohne europäisches Recht. Da kann es in Teilbereichen Ausnahmen geben, aber das muss Gazprom mit der EU verhandeln. Wir haben über fast 50 Jahre Baumgarten als europäischen Gas-Hub entwickelt, die nötige Lagerinfrastruktur und die Vienna Gas Exchange aufgebaut. Das gilt es, mit mehreren Pipelines abzusichern. Österreich hat mit Russland 2010 ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet. Seit Herbst (nach dem Ende von Nabucco, Anm.) verhandeln wir konkret über South Stream-das hat mit der Krim-Krise nichts zu tun.

Der Zeitpunkt der Gazprom-Zusage war also ein Zufall?

Roiss: Ja, das kann passieren. Als 1968 die ersten Kubikmeter Gas aus Russland nach Österreich geflossen sind, ist das mit der Invasion der Sowjetunion in der Tschechoslowakei zusammengefallen.

Wegen der Krise suchen manche nach Energieversorgung der EU ohne Russland. Ein realistisches Szenario?

Roiss: Das ist kein realistisches Szenario. Europa und Russland haben sich in den letzten 50 Jahren gemeinsam arbeitsund ressourcenteilig entwickelt. Ein Drittel unseres Gases kommt aus Russland, in manchen Regionen sind es sogar 100 Prozent. Wir liefern dafür Autos und Maschinen. Diese wirtschaftliche Integration soll man nicht zum Spielball politischer Überlegungen machen. Denn auf ihr bauen die Wirtschaft und unser Wohlstand auf. Da sollte man zwischen Wirtschaft und Politik trennen.

Die Politik spricht oft von Energieversorgung als Waffe Moskaus. Das kennen Sie in der Wirtschaft nicht?

Roiss: Wirtschaft baut auf Vertrauen auf. Ich muss darauf vertrauen können, dass die vereinbarten Energieressourcen verfügbar sind. Darauf habe ich mein Investment aufgebaut und die österreichische Industrie hängt zu einem großen Teil von russischem Gas ab.

Wirtschaft und Politik klaffen da auseinander. Alleine, wenn es um Wirtschaftssanktionen gegen Russland geht, sind fast alle Industriekapitäne, auch Sie, dagegen.

Roiss: Einerseits sind Wirtschaft und Politik sehr verzahnt. Doch andererseits muss in einem Krisenszenario jeder das tun, wobei er der Profi ist: Österreich agiert politisch sehr gut dabei, den Dialog aufrechtzuerhalten. Mein Job ist es, für das Unternehmen langfristig eine positive wirtschaftliche Beziehung zu Gazprom zu unterhalten. Da geht es um Investitionszeiträume von zehn Jahren und mehr. Ich kann meinen Versorgungsauftrag für 150 bis 200 Millionen Kunden in unserem Operationsgebiet nicht von kurzfristigen Situationen abhängig machen.

Welche Chancen hat dabei ein neues Nabucco West entlang der Donau, wie es EU-Energiekommissar Günther Oettinger angeregt hat?

Roiss: Das soll Herr Oettinger kommentieren.

Sie rechnen also vorläufig nicht damit?

Roiss: Sie müssten nach dem Aus für Nabucco erst einmal einen privaten Investor finden, der daran noch Interesse hat. Wenn Oettinger eine überzeugende Idee hat, gibt es vielleicht jemanden, der dafür bezahlt.

Wie plant die OMV die Diversifizierung der Lieferwege? Stehen Flüssiggas (LNG) oder Fracking auf der Agenda?

Roiss: Europa hat in teure LNG-Kapazitäten investiert, um Flüssiggas zu importieren. Die Auslastungsraten liegen bei 25 bis 30 Prozent. Dann wurden Gaskraftwerke gebaut, die im EU-Schnitt vielleicht um die 30 Prozent ausgelastet sind. Und wir haben allein 55 Millionen € in Nabucco investiert, das schließlich aufgegeben wurde. Das sind alles gestrandete Investitionen für jene Unternehmen, die in der jüngeren Vergangenheit versucht haben, die Versorgungssicherheit für Europa zu gewährleisten. Eine strategische Frage für die EU ist daher, wer in Zukunft noch Appetit auf weitere Investitionen haben soll.

Wie viel Geld ist durch solche wirtschaftlich nicht erfolgreichen Investitionen gestrandet?

Roiss: In Summe haben die europäischen Energieunternehmen beim Kurswert rund 500 Milliarden € in den letzten fünf Jahren verloren. Das ist ein gigantisches Ausmaß.

Hat das in den USA zurzeit so erfolgreiche Fracking in Europa Zukunft?

Roiss: Das ist eine Frage für die EU. Einerseits bedarf es Kommunikation und Aufklärung der Bevölkerung, andererseits technologischer Entwicklung. Für die OMV ist das insofern kein Thema, als wir ausreichende Gasressourcen in der Schwarzmeer-Region haben, die es zu entwickeln gilt.

Weiterhin spielen fossile Energiequellen eine tragende Rolle. In den 1970er-Jahren wurde erstmals das Ende der Reserven vorhergesagt, der neueste Bericht der IEA spricht eine andere Sprache. Werden die Lagerstätten denn niemals erschöpft sein?

Roiss: Der Transformationsprozess am Weg zu Erneuerbaren hängt stark von der Technologieentwicklung ab. Der Anteil von Öl und Gas wird auch noch in 20 Jahren mehr als 50 Prozent des Energiemix betragen. Für uns bedeutet das Investitionen in der Höhe von rund 80 Prozent des Cashflows aus dem laufenden Geschäft, um den Anteil aufrechtzuerhalten. Und die Nachfrage wird in den nächsten 20 Jahren global um 30 Prozent steigen. Wichtig ist, dass man mehr auf relativ sauberes Gas setzt und nicht auf Kohle. Zurzeit ist das Problem, dass viele Länder noch stark an der Kohle hängen.

Ausgehen werden die Gas- und Ölreserven aber nicht?

Roiss: Wir haben für die nächsten 200 Jahre Gas, das ist seit Langem eine ebenso stabile Prognose, wie dass es noch für viele Jahrzehnte Öl geben wird. Die Gewinnung wird aber immer teurer.

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2014-06-23)

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Kommentare

3 Kommentare

Gast: DOE meint

Da sieht man, was für Träumer im Konzernmanagemeosent sitzen! Wenn man die geplanten 50 Gaskraftwerke in Deutschland wegen der Energiewende nicht braucht und neue Gaserer sofort einmottet, sieht man bereits, wie stark die Erneuerbaren sein könnten, wenn nicht so Loser an den Konzernspitzen sitzen würden. Alle ENERGIESPAREN, Freunde!!!

verfasst am 23.06.2014, 16:21

Sambatänzer meint

Ohne Putins Russland geht absolut nichts!
Die Amerikaner tun sich recht leicht mit den Sanktionen, aber wir in Europa sind abhängig von den Lieferungen der Russen, sowie auch die von unserem Geld.

Deshalb bin ich auch mit dem besonders freundlichen Empfang durch den Hr. Bundespräsidenten,
voll und ganz einverstanden!

verfasst am 23.06.2014, 11:01

...
:::OBWOHL DIE OMV ARABISCHE MITEIGENTÜMER HAT
..SPRICHT HERR ROISS EINFACH NUR KLARTEXT
:::dafür gebührt ihm ein exra-orden
....

verfasst am 23.06.2014, 10:27

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