15.02.2016, 17:56  von APA/dpa/AFP/Reuters

Europas Stahlbranche wettert gegen Billigkonkurrenz aus China

Billigimporte aus China gefährden Jobs in Europa / Bild: REUTERS (YVES HERMAN)

Angesichts der Überproduktion bei gleichzeitigen Billigimporten bangt die europäische Stahlbranche um Tausende Arbeitsplätze.

Wien/Linz/Luxemburg/Paris. Europäische Arbeitnehmer und Konzernmanager zogen bei der Großdemonstration in Brüssel, die vom europäischen Stahlverband Eurofer angestoßen wurde, an einem Strang. Auch voestalpine-Chef Wolfgang Eder unterstützte die Proteste. "Auch wenn wir dank unserer Innovationsstärke und der Fokussierung auf den Hochtechnologiebereich nicht so stark von der aktuellen Krise der Stahlindustrie betroffen sind wie viele unserer europäischen Konkurrenten, unterstützen auch wir mit allem Nachdruck die Forderungen der Eurofer", sagte voestalpine-Chef Wolfgang Eder, der auch Präsident des Weltstahlverbandes ist, zur APA.

Überkapazitäten auch in Europa

Man dürfe aber nicht übersehen, dass auch die europäische Stahlindustrie ihre Hausaufgaben, nämlich den Abbau von Überkapazitäten, noch zu erledigen habe, betonte voestalpine-Sprecher Peter Felsbach. Der Linzer Stahlkonzern weise im Übrigen seit Jahren in regelmäßigen Abständen auf die kontinuierliche Verschlechterung der Rahmenbedingungen in Europa für die Stahlbranche und generell die energieintensive Industrie hin. Wenn seitens der Politik nicht rasch Initiativen zur Sicherung der industriellen Zukunft gesetzt würden, seien weitere zig-Tausende Arbeitsplätze in Europa massiv gefährdet, hieß es aus der voestalpine. "Wenn es so weitergeht, wie bisher, werden große Teile der Stahlindustrie in den nächsten 15 Jahren verschwunden sein."

Kritik übte die voestalpine einmal mehr an der von der EU geplanten Verschärfung des CO2-Zertifikatehandels, der Tausende Jobs kosten würde. Auf Dauer blieben dann wohl keine 50 Prozent der heutigen rund 360.000 Arbeitsplätze in der Stahlindustrie übrig.

Auf Protest stößt auch ein Plan der EU, China den "Marktwirtschaftsstatus" (MES) zuzugestehen. Damit würde man das Land als "gleichberechtigten Partner" in direkte Konkurrenz mit den heutigen europäischen Marktwirtschaften treten lassen, erklärte der voestalpine-Sprecher. Das wiederum würde das Einheben von Strafzöllen erschweren.

EU soll „vor der chinesische Bedrohung schützen"

Der Frankreich-Chef des Stahlriesen ArcelorMittal, Philippe Darmayan, hat die EU-Kommission zu raschem Handeln gegen die Billig-Konkurrenz aus China aufgefordert. "Wir verlangen von Brüssel, uns vor der chinesische Bedrohung zu schützen", sagte Darmayan am Montag dem französischen Sender BFM Business. Die europäische Stahlbranche demonstriert heute in Brüssel gegen die Konkurrenz aus China.

"Wir sind überzeugt, dass die europäische Stahlindustrie von den Chinesen schwer attackiert wird", sagte Darmayan. "Und wir sind überzeugt, dass Europa sich bewegen kann und muss, aber schnell." Es gehe um die "Anwendung der internationalen Handelsregeln": "Wir wollen, dass die Preise die Produktionskosten der Chinesen widerspiegeln."

Eine Reihe von Untersuchungen laufen bei der Behörde noch. "Die Prozeduren in Europa sind so langsam, dass wir womöglich erst eine Lösung haben, wenn es zu spät ist", beklagte Darmayan.

Gegen Billigkonkurrenz aus China

"Die Importe kommen nach Europa zu Preisen unter den Produktionskosten - das ist Dumping", sagte der Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer, Greet van Poelvoorde, am Montag in Brüssel. Die EU müsse effektivere Instrumente dagegen entwickeln und diese auch schneller einsetzen. Zudem warnte van Poelvoorde davor, China den Status einer Marktwirtschaft zuzusprechen. Die Unternehmen fürchten, dass dieser Schritt günstigen Einfuhren den Weg nach Europa erleichtern könnte.

Tausende Arbeiter und Unternehmensvertreter, darunter auch eine rund 180 Personen starke Delegation der oberösterreichischen voestalpine, zogen mit Plakaten wie "Stoppt China Dumping" in einem lautstarken Protestmarsch durch die Straßen des Brüsseler EU-Viertels. Sie sehen durch die billigen Importe aus China Jobs in den europäischen Industrien in Gefahr. Die chinesischen Betriebe würden teils vom Staat unterstützt, sagte der Sprecher des Industriebündnisses AEGIS, Milan Nitzschke. "Da kann keiner mithalten." AEGIS hatte zusammen mit Eurofer zu der Demonstration aufgerufen. Nach Angaben von Eurofer sind allein in den vergangenen sechs Monaten 7000 Arbeitsplätze in der europäischen Stahlindustrie verloren gegangen.

Vertreter zahlreicher Branchen diskutierten die Problematik mit EU-Politikern auf einer Konferenz in Brüssel. "Wir brauchen schnelle und effektive Mittel gegen Dumping", forderte Karl Köhler, Europachef der indischen Tata-Steel. Die Produzenten von Stahl oder Aluminium könnten sonst komplett aus Europa vertrieben werden. "Wenn eine Industrie verschwunden ist, dann kommt sie nicht mehr zurück." Druck kommt auch von den Regierungen zahlreicher EU-Länder: In einem Brandbrief hatten Deutschland und sechs weitere Länder die EU jüngst zum Handeln aufgefordert. Die heimische Industrie müsse gegen "unfaire Handelspraktiken" geschützt werden, hieß es.

Die EU-Kommission erklärte, sie sei sich der Situation des Stahlsektors bewusst und handle so schnell es im Rahmen europäischen Rechts möglich sei. Am Freitag hatte die Brüsseler Behörde bestimmte Stahlerzeugnisse aus China und Russland mit Einfuhrzöllen belegt. Bei drei weiteren Stahlprodukten aus China leitete die Brüsseler Behörde Anti-Dumping-Untersuchungen ein. Dabei soll festgestellt werden, ob ausländische Erzeugnisse in Europa zu einem künstlich niedrigen Preis verkauft werden. Van Poelvoorde kritisierte die Beschlüsse als nicht weitreichend genug. "Das hilft überhaupt nicht, die Zölle sind viel zu niedrig."

Auch die Wiederverwerter von gebrauchtem Stahl klagen über die derzeitige Situation. "Der billige Stahl aus China und der drastische Verfall der Eisenerzpreise sorgen dafür, dass sich die Herstellung von Stahl aus Recyclingmaterial immer weniger rechnet", hieß es bei der Bundesvereinigung Deutscher Stahlrecycling- und Entsorgungsunternehmen (BDSV). Zahlreiche Betriebe hätten bereits angekündigt, Arbeitsplätze abzubauen.

Seltene Eintracht von SPÖ und FPÖ

Dass günstiger Stahl aus China der europäischen Stahlbranche zusetzt, haben heute SPÖ und FPÖ näher zusammenrücken lassen. "Die mit Sozial- und Umweltdumping agierende Billigkonkurrenz aus China kann nicht hingenommen werden", empörte sich SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder, der nun Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) gefordert sieht.

Die FPÖ-EU-Abgeordnete Barbara Kappel betonte ihrerseits: "Die Union muss bereits bestehende Handelsschutzinstrumente schneller und effektiver umsetzen und gegebenenfalls auch neue Instrumente zur Anwendung bringen." Fast ein Drittel des jährlichen Stahlverbrauchs von rund 150 Millionen Tonnen in der Europäischen Union sei im vergangenen Jahr bereits aus China beziehungsweise aus Drittlandimporten gekommen, rechnete sie am Montag in einer Aussendung vor.

Wirtschaftskammer (WKÖ) und Industriellenvereinigung (IV), üblicherweise Anhänger von weniger Staat und mehr Marktwirtschaft, wollen, dass die EU bei der Anerkennung des Marktwirtschaftsstatus, der chinesische Stahlimporte erleichtern würde, sehr behutsam vorgeht. "Die EU muss faire, stabile und ausgewogene Wirtschaftsbeziehungen mit China sicherstellen", forderte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer.

Chinas Konjunktur bremst weltweite Stahlnachfrage

Die weltweite Nachfrage nach Stahl wird in den nächsten Jahren langsamer steigen als zuletzt erwartet. Das ist das Ergebnis einer am Montag veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC). Demnach wird der globale Stahlverbrauch bis 2025 um durchschnittlich 2,9 Prozent pro Jahr auf 2,23 Milliarden Tonnen zunehmen, fünf Prozent unter der Vorjahresprognose von 2,35 Milliarden  Tonnen.

Der globale Wettbewerb innerhalb der Stahlbranche werde sich vor diesem Hintergrund weiter verschärfen, erwartet PwC-Experte Nils Naujok. Wichtigster Spieler auf dem Markt bleibt demnach China mit einem erwarteten Anteil von 43 Prozent am globalen Stahlbedarf.

Auch in Europa dürfte die Stahlnachfrage der Prognose zufolge steigen. Die PwC-Experten rechnen mit einem durchschnittlichen jährlichen Plus von 1,8 Prozent auf 180 Millionen Tonnen im Jahr 2025. Deutschland bleibe dabei zentraler Stabilitätsanker.

Im direkten Wettbewerbsvergleich profitieren deutsche Stahlhersteller laut PwC von ihrer einzigartigen Vernetzung im Bereich Forschung und Entwicklung, von eingespielten Lieferketten und nicht zuletzt von ihrer Innovationskraft: Von weltweit 4.300 relevanten Stahl-Patenten kam 2014 rund ein Drittel aus Deutschland.

 

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