09.11.2010, 15:54

Gefühlte Inflation nimmt in Russland dramatisch zu

Amtlichen Angaben zufolge liegt die Inflationsrate in Russland seit Jahresbeginn bei 6,8 Prozent.
Diese wohl besten Kennzahlen in der jüngsten Geschichte Russlands geben auf den ersten Anblick Anlass zur Freude, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta". In Wahrheit aber ziehen die Preise für so genannte „sozial wichtige“ Lebensmittel deutlich stärker an.

Vertreter der Zentralbank behaupten, die Inflationsrate würde Ende des Jahres zwischen acht und 8,5 Prozent liegen. Seit Januar ist aber der so genannte „minimale Nahrungskorb“ selbst nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat um 15,2 Prozent teurer geworden. Unabhängige Experten und einfache Bürger verweisen darauf, dass die Lebensmittelpreise deutlich schneller steigen. Die Bürger müssen mit einem massiven Anstieg der Lebensmittel- und Kommunalausgaben kämpfen. Dabei handelt es sich nicht um exotische und teure, sondern um Grundnahrungsmittel wie Brot, Buchweizen, Nudelwaren, Milchprodukte, Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, Zucker, Eier, Tee, Salz etc. Die Ausgaben einer Moskauer Durchschnittsfamilie aus vier Personen für Gemüse z.B. sind in den zurückliegenden zwölf Monaten um 40 bis 200 Prozent gewachsen.

„Absolut alle haben den Preisanstieg für Lebensmittel gespürt“, so der Generaldirektor der Firma Finexpertisa (Finanzexpertise), Agwan Mikaeljan. „Wegen der gestiegenen Lebensmittel- und Kommunalausgaben ist der Ausgabenanteil für andere Zwecke geschrumpft.“ Die Bürger verzichten vor allem auf große Haushaltsgeräte und neue Möbel sowie Unterhaltung und Urlaub.

Die Tatsache, dass der Preisanstieg für Grundnahrungsmittel fast doppelt so hoch ist wie die offizielle Inflationsrate, sei durchaus logisch, so der Experte weiter. „Erstens hängen die Lebensmittelpreise in Russland von den Importpreisen ab, wobei 20 bis 50 Prozent der Nahrungsmittel importiert werden. Zweitens werden die Lebensmittelpreise von den Produktionskosten auf dem Binnenmarkt beeinflusst.“ Der Preisanstieg im Inland lasse sich auf die traditionelle Erhöhung der Energietarife um 20 Prozent sowie auf die schlechte Ernte in diesem Jahr zurückführen, ergänzte Mikaeljan.

Der Analyst der Gruppe Raswitije, Sergej Schandybin, kritisierte die Händler für den Preisanstieg für Brot und Milch, auf die die Bürger unter keinen Umständen (auch in den Krisenzeiten) verzichten können.

Ob der aktuelle Trend anhält, können die Experten nicht voraussagen, weil er von zahlreichen Faktoren beeinflusst werden kann. Allerdings herrscht darüber Einigkeit, dass die künftigen Lebensmittelpreise unmittelbar von den ständig steigenden Kommunal- und Energietarifen abhängen und deshalb hoch bleiben.

(Ria Novosti)

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