10.02.2016, 21:08  von Beatrice Bösiger

Tadschikistan: Mithilfe der Seidenraupe aus der Krise

Zu Sowjetzeiten wurden 80 Prozent der Seide der Union in der kleinen zentralasiatischen Republik hergestellt. /

Tadschikistan leidet unter der russischen Rezession: Die Überweisungen der Auslands-Tadschiken gehen zurück. Einen Ausweg soll das traditionelle Seidenhandwerk bringen.

Tack, tack, tack. Präzise, fast wie ein Uhrwerk klingt es in der kleinen Weberei in der Stadt Chudschand in Tadschikistan. Ibrahim Mamadschan setzt sich an den Webstuhl, zieht an einer Kordel und schießt das Weberschiffchen von rechts nach links durch den Webstuhl. „Bis zu acht Meter Stoff kann man so an einem Tag weben“, sagt der 82-Jährige, ohne seine Bewegung auszusetzen. Unter seinen geübten Händen entstehen Seidenstoffe, überwiegend in Rot- und Grüntönen in traditionellen Mustern.

Die Seidenproduktion hat in Tadschikistan eine lange Vergangenheit. Zu Sowjetzeiten wurden bis zu 80 Prozent aller Seiden der Union in der kleinen zentralasiatischen Republik hergestellt. Noch heute wird der exklusive Stoff bei Festen getragen, eine Hochzeit ohne Seidengewänder ist undenkbar. „Während der Sowjetunion haben wir zu Hause damit ein Zubrot verdient, wenn es zu wenig Arbeit in der Fabrik gab und das Geld nicht gereicht hat“, erzählt Mamadschan.

Dann kam der blutige Bürgerkrieg nach der Unabhängigkeit und in den Kämpfen ging die Seidenproduktion unter.

Frauen an den Webstuhl

Chudschand, die zweitgrößte Stadt Tadschikistans, liegt im Norden des Landes. Auf der Karte schiebt sich das Gebiet wie eine schmale Zunge zwischen Usbekistan und Kirgisistan. Hier versuchen die Behörden, dem Wirtschaftszweig Seide neues Leben einzuhauchen. In zweimonatigen Kursen können Frauen in der kleinen Handweberei das Weben erlernen.

„400 Frauen arbeiten in unserem Bezirk so in Heimarbeit“, sagt Abdurahim Soliew, Chef des Energie- und Industriedepartements in Chudschand. Für viele Familien bietet dies eine wichtige Verdienstmöglichkeit, in Zeiten, in denen das Geld aus Russland weniger wird.
Tadschikistan ist stark abhängig von den Überweisungen seiner Arbeitsmigranten. Über eine Million der rund acht Millionen Tadschiken verdienen mangels Arbeitsplätzen in der Heimat ihr Geld im Ausland, meist in Russland. Deren Überweisungen trugen vor der Krise 49 Prozent zum BIP bei, laut der Weltbank der weltweit höchste Anteil. Infolge der Rubel-Abwertung sind die Überweisungen im ersten Halbjahr 2015 um 32 Prozent eingebrochen.

Viele haben ihre Jobs im Ausland auch verloren und kehren mangels Alternativen in ihre Heimat zurück. Auch deshalb setzen die Behörden nun auf die alte Tradition.

Seidenraupen aus China

In Chudschand werden die Seidenraupen jeden Januar und Februar aus China eingeführt und an einzelne Familien zur Aufzucht verteilt. Nach der Verpuppung werden sie zur Weiterverarbeitung an die Firma VT Silk in Chudschand geschickt. In einer Halle im ersten Stock werden die großen Säcke mit jeweils 25 Kilogramm Kokons geliefert. Arbeiterinnen sitzen in mehreren Reihen und sortieren die weißen, runden Bällchen. Der Rohstoff ist begehrt. Ein Kokon enthält einen Faden von bis zu 1000 Metern Länge, Seide gilt als einzige natürlich vorkommende textile Endlosfaser. In mehreren Arbeitsschritten werden die Kokons danach ausgekocht, gereinigt und mehrere der dünnen Fäden zusammengedreht. Um ein Kilogramm Rohseide zu erhalten, sind etwa drei Kilogramm Kokons nötig.

VT Silk existierte bereits während der Sowjetunion, die Firma hat bis heute in Form eines tadschikisch-vietnamesischen Joint Ventures überlebt. 60 Prozent gehört den Investoren aus Südostasien, 40 Prozent Tadschikistan, sagt Soliew. Auf wie viel sich die Investitionen genau belaufen, will er nicht sagen. Eigenen Angaben zufolge kann VT Silk pro Jahr 500 Tonnen Seidenkokons verarbeiten, 400 Tonnen der im Bezirk Chudschand insgesamt produzierten 750 Tonnen. Ein Teil der fertigen Rohseide wird laut Soliew nach Vietnam exportiert.

„400 Frauen arbeiten in unserem Bezirk in Heimarbeit.

Abdurahim Soliew


An einem Export in die EU wäre Soliew auch interessiert, räumt allerdings ein, dass es schwierig ist, im Moment neue Märkte zu erschließen. China und Usbekistan könnten billigere Seide liefern.

Ein Teil der Rohseide wird jedoch auch direkt in der Stadt weiterverarbeitet. In der Fabrikhalle der Seidenweberei Atlas Khujand ist es ohrenbetäubend laut, die Maschinen aus den 1970er-Jahren rattern um die Wette. Frauen in farbigen, traditionellen Gewändern knüpfen in einem kompliziert ausschauenden Verfahren die gewünschten Muster, dann wird das Rohmaterial in die industriellen Webstühle eingespannt. Im Nebenraum steigt Dampf aus großen Bottichen, zwei Männer heben einen gelb gefärbten Seidenstrang in die Höhe, begutachten die Qualität der Farbe. Die fertigen Stoffe können sich sehen lassen. Trotzdem finden sie nicht genügend Absatz. „Die Seide ist zu teuer und verkauft sich nicht“, gibt Muattar Latipowa, Buchhalterin bei Atlas Khujand, offen zu.

Größte Arbeitgeber

Das ist umso bitterer, als die beiden Seidenfabriken zu den größten Arbeitgebern in Chudschand gehören. Verdienen lassen sich hier im Monat zwischen 700 Somoni (ca. 82 €) und 1500 Somoni (ca. 175 €). Der regionale Durchschnittslohn liegt laut Soliew bei 900 Somoni (ca. 105 €). 95 Prozent der Wirtschaft sei hier in Privatbesitz, versichert Soliew. Darunter sind viele Kleinunternehmer, die auf dem Markt am zentralen Pandschschanbe-Platz ihre Waren verkaufen.

Trotz der wenig aussichtsreichen Perspektiven gibt sich Soliew zuversichtlich. In den vergangenen neun Monaten seien in Chudschand an die 600 neuen Arbeitsplätze geschaffen worden, vor allem in der Produktion. Ihre Lebensmittelindustrie sei landesweit führend. Baumaterial wird bereits nach Afghanistan und China exportiert.

Für Tadschikistan insgesamt schaut es düsterer aus. Das bettelarme Land leidet unter der Rezession in Russland. Potenzielle Investoren klagen zudem über die Bürokratie, hohe Steuern, Korruption und den schwach ausgebauten Rechtsstaat.

Die Weltbank rechnet für 2015 mit einem BIP-Wachstum von gerade noch 4,2 Prozent. Ein deutlicher Rückgang gegenüber den durchschnittlichen 7,5 Prozent pro Jahr während des vergangenen Jahrzehnts. Neben der Krise in Russland sind auch die gesunkenen Weltmarktpreise für Aluminium und Baumwolle, zwei der wichtigsten Exportgüter Tadschikistans, für den Wachstumsrückgang verantwortlich.

Kein Geld von außen

In Chudschand fehlt es vor allem an Investitionen, sagt Stadtvertreter Soliew, die meisten bringen sich als Kleinunternehmer irgendwie durch. Das gilt auch für den alten Weber Ibrahim Mamadschan. Damit seine ganze Familie besser leben könne, müsse er eben auch noch arbeiten, sagt er.

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