29.02.2016, 07:28  von Beatrice Bösiger

Lokalaugenschein im Donbass: Ohne Moskau lebt Donezk nur zwei Wochen

Donezk: Wer etwas zu verkaufen hat, versucht sich damit über Wasser zu halten – an Geld mangelt es überall. / Bild: Beatrice Bösiger

Wirtschaftswunder. Gezahlt wird in Rubel, das Geld kommt aus Russland, die Lebensmittel in den Läden ebenfalls. So richtig glücklich ist trotzdem niemand in der Volksrepublik Donezk.

Auf der kleinen Landstraße herrschen chaotische Zustände. Lange Autokolonnen stauen sich, Fahrzeuge stehen quer, dazwischen immer wieder Gegenverkehr. Stundenlange Wartezeiten sind vor den Checkpoints, die auf das Territorium der selbst ernannten „Volksrepublik“ Donezk (DNR) führen, die Regel. Fünf Stunden sind es an diesem Sonntag nahe der Siedlung Marinka westlich von Donezk. Die Stimmung ist gereizt. Im Durcheinander wird eine Frau von einem Auto angefahren. Wer mit dem Autobus unterwegs ist, muss vor den Kontrollposten aussteigen und den Rest der Strecke zu Fuß zurücklegen. Kein ungefährlicher Weg: Ein Schild warnt vor Minen.

Links und rechts im Niemandsland umgeknickte Strommasten, dicke Kabel liegen im Feld. Auf ukrainischer Seite sind die Masten in den Nationalfarben Gelb und Blau eingefärbt. Offen ist der Übergang derzeit von acht bis 18 Uhr. Soldaten mit umgehängten Kalaschnikows inspizieren die Autos, mustern prüfend die Passagiere, öffnen den Kofferraum. „Sie suchen nach Schmuggelware. Drogen oder Bargeld“, erklärt Igor Rudenko, der Kleider aus der Türkei nach Donezk importiert. Durch den Krieg ist das Geschäft schwieriger geworden. Steckt man den Posten auf beiden Seiten etwas zu, sei es aber immer noch möglich, Waren nach Donezk zu bringen, erzählt er.

Kein Geld

Käufer findet Rudenko für seine gefälschten Marken-Sportklamotten derzeit jedoch kaum, wie er erzählt. Wirtschaftlich ist die Lage in der international von keinem Staat anerkannten „Volksrepublik“ schlecht. Arbeitsplätze sind rar, die Gehälter niedrig. Zwischen 11.000 und 15.000 Rubel (circa 130 bis 180 €) beträgt der Durchschnittslohn. Viele zehren noch von ihren Ersparnissen oder sind von Überweisungen von Verwandten außerhalb der DNR abhängig.

Bevor der Konflikt im Frühsommer 2014 begann, war die Kohleindustrie einer der wichtigsten Arbeitgeber im Donbass. Kriegsbedingt sank die Kohleproduktion laut dem ukrainischen Energie- und Kohleindustrie-Ministerium 2014 jedoch um 22,4 Prozent. Vor einem Jahr hat die Ukraine gegen die Separatistengebiete eine Wirtschaftsblockade verhängt und die Zahlungen von Sozialleistungen an die Bewohner eingestellt.

Seit damals sind Donezk und das benachbarte Luhansk komplett von Russland abhängig. Donezk hat die Uhren auf Moskauer Zeit umgestellt. Zahlungsmittel ist der Rubel. Aber anders als noch im vergangenen Sommer herrscht zumindest bei den Lebensmitteln kein Defizit mehr. Im „Ersten Republikanischen Supermarkt“ in Donezk sind die Regale gut gefüllt, fast ausschließlich mit russischen Produkten. Einzig die Preise seien aufgrund der ukrainischen Handelsblockade gestiegen, erzählen die Leute.

Nach monatelanger Unterbrechung zahlt nun Moskau anstelle von Kiew in den beiden selbst ernannten „Volksrepubliken“ Pensionen, Sozialleistungen und die Löhne der Staatsangestellten. Auf insgesamt mehr als eine Milliarde US-$ pro Jahr werden die Kosten dafür geschätzt – die militärische Unterstützung nicht eingerechnet. Bezahlt wird in Donezk bar. Bankomaten und Kreditkarten funktionieren nicht mehr. Die DNR ist vom internationalen Bankensystem ausgeschlossen.

Die lokalen Machthaber versuchen zwar mit der „Zentralen Republikanischen Bank“ ein eigenes Geldinstitut aufzubauen, bislang aber nur mit beschränktem Erfolg. Findige Unternehmer bieten Einwohnern der DNR daher gegen Kommission die nicht ganz legale Alternative an, Bargeld über ihre Kreditkarten zu beziehen.

Kaum Gäste im Restaurant

Fast drei Millionen Menschen haben laut UNO wegen des Krieges ihre Heimat verlassen. Vorher zählte die Stadt Donezk rund eine Million Einwohner. Verlässliche Angaben darüber, wie viele Einwohner die beiden durch Russland gestützten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk momentan haben, gibt es nicht.

Dank eines fragilen Waffenstillstands, der im vergangenen September in Kraft getreten ist, kehren zwar wieder Leute zurück. Im Zentrum Donezks eröffneten erneut zwei Shoppingcenter. Kinos und Theater zeigen Vorführungen. Doch trotzdem sitzen in den Restaurants im Zentrum der Donbass-Metropole kaum Gäste. Das öffentliche Leben läuft auf Sparflamme. Normalität und Alltag wirken trügerisch. Ab 22 Uhr herrscht Ausgangssperre. Viele Geschäftslokale stehen immer noch leer. Aus den Autohäusern sind die Neuwagen verschwunden. Von den internationalen Handels- und Fast-Food-Ketten, die sich 2012 im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft in großer Zahl in der Stadt niederließen, sind nur Werbeschilder zurückgeblieben. Stattdessen kleben an den Hauswänden nun Flyer, die günstige Busreisen nach Charkiw, Kiew, Dnepropetrovsk oder Destinationen in Russland anpreisen. Der DNR droht die Isolation. Rund um Donezk verkehren nur noch einige wenige Vorortszüge. Die vorher bestehenden Verbindungen wurden alle eingestellt.

Die Versorgung von Donezk gestaltet sich unter solchen Umständen schwierig. Davon weiß auch Oleg Mokry, Generaldirektor des städtischen Wasserversorgers Voda Donbassa, zu berichten. Das Unternehmen mit mehr als 11.000 Angestellten in und außerhalb der Separatistengebiete betreibt den zentralen Wasserkanal Sewerski-Donez-Donbass, der von Norden nach Süden verläuft und Trinkwasser in Dörfer und Städte auf beiden Seiten der Front liefert. Die Checkpoints erschweren den Nachschub von Chemikalien für die Kläranlage oder von Ersatzstücken zur Reparatur der zerschossenen Wasserpipelines. „Die DNR-Kämpfer behaupten allen Ernstes, dies seien Raketen. Ich weiß nicht, was die im Kopf haben“, sagt der Generaldirektor. Mokry laviert zwischen den Seiten. Die Zentrale von Voda Donbassa ist zwar in Donezk, ihre juristische Adresse haben sie aber nun nach Mariupol, auf ukrainisches Gebiet verlegt. Abgerechnet wird in Griwna, trotzdem haben sie in der DNR ein Konto eröffnet, um ihre lokalen Angestellten in Rubel bezahlen zu können. Dafür werfe ihm Kiew nun Terrorismus vor, erzählt Mokry.

Nach fast zwei Jahren Krieg sind viele der Politik und Propaganda überdrüssig. Die Unsicherheit über die Zukunft in der DNR ist groß. Die lokalen Machthaber gelten als austauschbar, die Rede ist von internen Machtkämpfen. Der Konflikt und die Wirtschaftsblockade haben die Menschen von Kiew entfremdet. Nur zögerlich wird die Frage beantwortet, ob es für den Donbass eine Zukunft als Teil der Ukraine gebe.

Zwei Wochen ohne Moskau

Frieden, Stabilität, ein Arbeitsplatz lauten die drängendsten Wünsche. Entscheidend wird schlussendlich aber sein, wie lange sich Russland eine finanzielle Unterstützung der Separatistengebiete in der Ostukraine noch leistet. Zwei Wochen könne die DNR überleben, wenn Moskau den Geldhahn zudreht, sagt Roman Sapryka, Geschäftsmann aus Donezk.

Trotzdem will er seine Chance nützen und ein leer stehendes Restaurant wiedereröffnen. Zumindest die Musik- und Beleuchtungsanlage hat den Test bestanden: Discoklänge und Strandbilder lassen Wirtschaftsblockade und Krieg kurz vergessen.

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