29.08.2012, 10:00  von Tim Schäfer

„Erwarte milde Rezession in Europa, die lange anhält"

Bild: Beth Ann Bovino/S&P

Interview. Eine schärfere Krise in Europa würde zwar das US-Wachstum hemmen, wäre aber weniger schlimm, als man denkt, sagt S&P-Expertin Bovino. In den USA drohe aber ein Sparkurs.

New York. Wegen der Schuldenkrise erwartet S&P Chefvolkswirtin Beth Ann Bovino im Gespräch mit WirtschaftsBlatt-Korrespondent Tim Schäfer in Europa nur eine milde Rezession, die aber lange andauern werde. Die USA werden zwar weiterhin ein Wirtschaftswachstum sehen, allerdings droht Gefahr vom Sparpaket.

WirtschaftsBlatt: Wie lange wird die Phase des geringen Wirtschaftswachstums in den USA anhalten? Sie haben ja fast Null-Prozent-Wachstum mit hoher Arbeitslosigkeit.
Beth Ann Bovino: Wir erwarten 2012 ein Wachstum von zwei Prozent und nicht null Prozent. Üblicherweise gibt es nach dem Ende einer Rezession viel mehr Wachstum. Zwei Prozent ist sehr, sehr wenig. Im nächsten Jahr erwarte ich 1,9 Prozent. Was uns bremst, sind die Sparanstrengungen. Unternehmen, Haushalte und die Regierung befinden sich in einer Phase der Entschuldung.

Wie wird sich die Arbeitslosigkeit in den USA entwickeln, die aktuell bei 8,3 Prozent liegt?
Ich rechne für 2012 und 2013 mit acht Prozent. Den 50-Jahres-Schnitt von sechs Prozent werden wir in den nächsten Jahren meiner Meinung nach nicht erreichen.

Was sind die Gründe für diese schwierige Erholung?
In den USA und vielen anderen Ländern gab es die schwerste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die folgende Rezession war die schlimmste Phase seit der Großen Depression. Üblicherweise sehen wir viele Jahre geringes Wachstum. Das erleben wir derzeit. Für die USA kann es nach unserem Modell ab dem Jahr 2007 zehn Jahre dauern, bis wir wieder auf dem durchschnittlichen Arbeitslosigkeitsniveau sind.

Das ist aber ziemlich lang...
Das hängt wie gesagt mit der Entschuldung zusammen. Ein Land kann entweder aus der Krise herauswachsen, was in den USA nicht der Fall ist; oder aber ein Land kann sich entschulden, indem es weniger ausgibt, was langsames Wachstum zur Folge hat.

mit einer enormen Kriegsaktivität und damit verbundenen erhöhten Rüstungsausgaben könnten wir aus der Situation herauswachsen.

Warum wählen die USA nicht Ihre erste Option und wachsen schnell aus der Krise heraus?
Wie können die USA das erreichen? Ganz einfach: Wir brauchen einen Krieg. Zum Glück hatten wir keine signifikante Krise, die einen folgenschweren Krieg nach sich zog. Aber mit einer enormen Kriegsaktivität und damit verbundenen erhöhten Rüstungsausgaben könnten wir aus der Situation herauswachsen.

Was können Politiker alternativ dazu tun, um schneller diesem Dilemma mit niedrigem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit zu entkommen?
Während der Krise und zu Beginn der Rezession gab es eine nationale Entschuldung. Die Regierung war die letzte Bastion des Geldausgebens, was voriges Jahr sehr zur Erholung beitrug. Nun sehen wir aber, dass die Regierung beginnt, selbst Kürzungen vorzunehmen. Je nachdem, wie schnell und wie viel die Regierung kürzt, hat das Auswirkungen auf die Erholung.

Das schadet also der Erholung?
Es kommt darauf an. Wir haben gleichzeitig ein langfristiges Verschuldungsproblem der Regierung, das angegangen werden muss. Die Frage ist, wie schnell dieses Problem in Angriff genommen wird.

Sie raten dazu, die Kürzungen nicht zu abrupt vorzunehmen?
Ich stimme mit der US-­Notenbank überein, dass die Langfristschulden reduziert werden müssen. Mittelfristig brauchen wir eine Lösung für die Schuldenproblematik. Wenn der Kongress bis Ende des Jahres keine Lösung für die auslaufenden Steuer­erleichterungen der Bürger findet, die steuerpolitische Klippe sozusagen erreicht wird, werden wir einen Anstieg bei den Kreditausfällen sehen, was wiederum Auswirkungen auf die Erholung haben wird.

Angenommen, die Politiker ­ringen sich nicht zu einer Verlängerung der Steuererleichterung durch. Was passiert dann?
Ich glaube, das wird vermieden. Wenn aber der Kongress keinen Kompromiss beschließt, passieren vier Dinge: Erstens enden die Steuererleichterungen von Ex-Präsident Bush in diesem Jahr. Zweitens nimmt die Frustration über die Budgetkürzungen der Regierung zu. Auf 1,2 Billionen $ summieren sich die Kürzungen. Drittens endet die vorübergehende Senkung der Einkommenssteuer dieses Jahr. Viertens endet die verlängerte Arbeitslosenversicherungsleistung. Insofern wird der Bundeshaushalt ab 2013 um ca. drei Prozent im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt gekürzt.

Fällt dann die Wirtschaftsleistung um diese drei Prozent geringer aus?
Nein, es handelt sich um die Größe der Regierung im Verhältnis zum Sozialprodukt. Es hätte aber natürlich Einfluss auf das Wirtschaftswachstum. Es würde wegen der Unsicherheit im privaten Sektor eine Rezession bedeuten.

Wir haben auch ein pessimistisches Szenario, das eine tiefere Rezession unterstellt.

Wie schätzen Sie die Lage in Europa ein?
Vor dem Hintergrund der europäischen Staatsschuldenkrise erwarte ich persönlich eine milde Rezession, die lange anhalten wird. Wir haben aber auch ein pessimistisches Szenario, das eine tiefere Rezession unterstellt.

Welche Gefahr geht von einer schärferen Krise in Europa für die USA aus?
Es würde natürlich den USA schaden und das Wachstum hemmen. Es gibt vier Einflussbereiche: Erstens schadet es den Exporten. Nicht so sehr, wie Sie vermuten würden, weil die US-Exporte in die Eurozone nur drei Prozent der Größe der US-Ökonomie ausmachen. Weh tun würde es trotzdem. Zweitens würde der Dollar stärker werden, was dem US-Export in andere Länder schaden könnte. Drittens würden die Unternehmensgewinne stärker unter Druck kommen, als sie es ohnehin schon sind. Die US-Investitionen in die Eurozone machen 25 Prozent aller Auslandsinvestitionen aus. Die Profite aus diesen Direkt­investments leiden dann, wenn sich die Krise in Europa verschärfen sollte. Viertens wäre das Risiko einer Ansteckung ausgehend vom globalen Bankwesen groß.

Wer hat am meisten unter der Krise in den USA gelitten - war es die Mittelschicht?
Wenn Sie sich die Umfrage der US-Notenbank zur Vermögenssituation der Privathaushalte anschauen, fiel das Nettovermögen in drei Jahren um ganze 39 Prozent. In diesen Zahlen sind das Finanzvermögen, Immobilien und die Spareinlagen der Konsumenten berücksichtigt. Fast 40 Prozent sind in der Rezession zwischen 2007 und 2010 zunichtegemacht worden. Wenn Sie das durchschnittliche Vermögen der Haushalte auf der Zeitachse anschauen, sind wir dadurch auf das Niveau des Jahres 1992 zurückgefallen. Anders ausgedrückt haben wir 20 Jahre verloren. Der größte Verlierer war eindeutig die Mittelschicht.

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    Kommentare

    4 Kommentare

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    Gast: Ludwig meint

    Ich hoffe doch sehr, dass die Antwort zur fünften Frage eine Übersetzungsfehler bzw. eine schwache Übersetzung ist. Auf die Frage "Warum wählen die USA nicht Ihre erste Option und wachsen schnell aus der Krise heraus?" darf man nicht Antworten "...Ganz einfach: Wir brauchen einen Krieg." Das ist nicht in Ordnung! Allenfalls der Konjunktiv in Verbindung mit der Aussage, dass das keine wirkliche Option ist, wäre zu ertragen gewesen.

    verfasst am 29.08.2012, 18:15

    hw007 meint

    Leider zeigt die Geschichte der USA hier eine Periode von etwa 10-15 Jahren.

    verfasst am 30.08.2012, 01:13

    Also, nun mal wirklich, ich habe selten soviel Unsinn von einer Person gehört.

    verfasst am 29.08.2012, 13:23

    Gast: Peace meint

    S&P findet also Rüstungsausgaben als Wirtschaftsaufschwung ..... die scheinen ja bar jeder Vernunft !

    verfasst am 29.08.2012, 12:24

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