17.01.2013, 20:29

Algerien: Armee tötet Geiseln und Kidnapper

Mokhtar Belmokhtar, Anführer der Geiselnehmer / Bild: EPA (INTELCENTER HANDOUT)

Konflikt. Bei einem Angriff der Armee sollen etliche Ausländer und Algerier getötet worden sein. Unter den Opfern befindet sich angeblich ein Niederösterreicher.

Algier/St. Pölten/Bamako. Bei einem Militäreinsatz zur Befreiung Dutzender Geiseln in Algerien sind offenbar mehrere festgehaltene Ausländer getötet worden. Zu den genauen Zahlen lagen zunächst unterschiedliche Angaben vor. Die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr am Donnerstag von einem Informanten vor Ort, sechs Ausländer seien bei der Aktion algerischer Soldaten getötet worden und 25 entkommen. Außerdem seien acht der islamistischen Geiselnehmer ums Leben gekommen.

34 getötete Geiseln und 15 getötete Islamisten meldete dagegen die mauretanische Nachrichtenagentur ANI, die in engem Kontakt mit den Geiselnehmern stand. Später meldete die Agentur unter Berufung auf einen der Kidnapper, sieben ausländische Geiseln seien noch am Leben. Laut der dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehenden Gruppe sollen bei dem Einsatz der algerischen Streitkräfte 34 Geiseln getötet worden seien. Sieben Geiseln sollen noch am Leben sein, drei Belgier, zwei US-Bürger, ein Japaner und ein Brite. Über das Schicksal eines nach Medienberichten ebenfalls gekidnappten Österreichers herrscht weiter Unklarheit.

Am Abend hieß es hingegen, dass vier Geiseln befreit wurden, darunter ein Franzose, zwei Briten und ein Kenianer. Der Einsatz der algerischen Armee war am Donnerstagabend gegen 20 Uhr noch im Gang.

Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse waren die Zahlen zunächst nicht überprüfbar. Die Geiselnehmer hatten nach eigenen Angaben 41 Ausländer und zahlreiche Algerier am Mittwochmorgen in ihre Gewalt gebracht. Sie forderten ein Ende der französischen Militärintervention im benachbarten Mali. Rund 600 algerische Arbeiter der Förderanlage konnten nach einer Meldung der staatlichen Agentur APS von dort fliehen.

Unter den Gekidnappten soll sich laut Medienberichten auch ein 36-jähriger Niederösterreicher befinden. Das Außenministerium in Wien bestätigte am Donnerstag nicht direkt, dass sich der 36-jährige Niederösterreicher unter den Geiseln befand. Man sei aber formiert worden, dass auch ein Österreicher von der Situation betroffen sei.

Für welche Firma der entführte Österreicher arbeitete, wollte das Außenministerium nicht bekannt geben. Nach Informationen von Reuters war er für die britische BP tätig, die gemeinsam mit dem norwegische Ölkonzern Statoil das Gasfeld in In Amenas betreibt. Auch Mitarbeiter des japanischen Konzerns JGC Corp. waren in In Amenas beschäftigt. Die BP-Presseabteilung in London lehnte gegenüber der APA ebenfalls jegliche Auskunft zur Nationalität ihrer festgehaltenen Mitarbeiter ab.

Weitere 26 der Verschleppten seien während der Attacke auf die islamistischen Geiselnehmer befreit worden, berichtete der Sender France Info am Donnerstag. Bei dem Angriff durch Kampfhubschrauber seien die Fahrzeuge der Kidnapper zerstört worden, berichteten Augenzeugen.

Die Al-Kaida nahestehende mauretanische Informationswebseite ANI, auf die sich die internationalen Agenturen bei ihren berichten gezogen, berief sich ihrerseits auf einen Sprecher der islamistischen Gruppe.

Geiseln geflüchtet

Die Geiselnehmer forderten ein Ende des französischen Militäreinsatzes gegen Islamisten in Mali. Die Geiselnahme habe deshalb in Algerien stattgefunden, weil das Land seinen Luftraum für die französische Luftwaffe geöffnet habe, erklärten sie. Am Donnerstag forderten sie zudem freies Geleit für sich selbst und die Geiseln, um das Gasfeld verlassen zu können.

Unterdessen gelang 15 Ausländern und 30 Algeriern am Donnerstag offenbar die Flucht aus In Amenas. 15 Ausländer, darunter ein französisches Paar, seien entkommen, berichtete der algerische Privatsenders Ennaha unter Verweis auf eine "offizielle Quelle". Die algerische Nachrichtenagentur APS meldete, mehr als 30 Algerier seien vom Gasfeld geflohen.

Die Entführer hätten zudem berichtet, dass bei Bombardements algerischer Militärhubschrauber zwei japanische Geiseln verletzt worden sein, wie die mauretanische Nachrichtenagentur ANI meldete. ANI gilt als Al-Kaida-nahe.

Rückzug der Armee gefordert

Drei mutmaßliche Geiseln forderten am Donnerstag telefonisch gegenüber dem Fernsehsender Al-Jazeera einen Rückzug der algerischen Armee. Ein Brite, ein Ire und ein Japaner sagten, die rund um das Gasfeld stationierten algerischen Soldaten müssten abziehen und die Schüsse gegen die Anlage einstellen, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden und eine Verhandlungslösung zu ermöglichen. In der Nacht auf Donnerstag war laut algerischen Medienberichten ein Befreiungsversuch des algerischen Militärs fehlgeschlagen.

Mittwochabend hatte eine mutmaßliche französische Geisel gegenüber dem Nachrichtensender "France24" angegeben, die Geiseln würden in einem mit Sprengfallen präparierten Gebäude auf einem BP-Gasfeld festgehalten. Mehrere Geiseln trügen Sprengstoffgürtel, um mögliche Angriffe von Sicherheitskräften zu verhindern.

Weniger Gas

Wegen des Geiseldramas fließt Händlern zufolge weniger Gas nach Europa. Die Lieferungen aus dem nordafrikanischen Land seien am Donnerstagmorgen über die Transmed-Pipeline um rund zehn Millionen Kubikmeter pro Tag gefallen, teilte der italienische Gasnetzbetreiber Snam Rete auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters mit.

Gewöhnlich würden rund 70 bis 75 Millionen Kubikmeter am Tag durch die Pipeline fließen. Der Händler eines großen italienischen Versorgers sagte, die Unterbrechungen seien auf die Geiselnahme auf dem Gasfeld in Algerien zurückzuführen. Islamisten hatten am Mittwoch die Einrichtungen gestürmt und halten dort nach eigenen Angaben mehr als 40 Ausländer gefangen .

"Im Fadenkreuz des Terrors"

Nach dem Überfall hat der deutsche Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vor der Terrorgefahr für Europäer gewarnt. "Wir stehen im Fadenkreuz des islamistischen Terrors", sagte Friedrich am Donnerstag beim Treffen der EU-Innenminister im irischen Dublin. Dies habe der Vorfall in Algerien wieder einmal bestätigt. "Die Bedrohungslage für Europa und auch für Deutschland ist immer hoch gewesen." Der Minister fügte hinzu: "Wir bleiben weiter wachsam."

Nach Friedrichs Worten geht die terroristische Gefahr vor allem vom Maghreb aus, also den Ländern in Nordwestafrika, zu denen Algerien, Libyen, Marokko und Mauretanien zählen. "Im Moment sehen wir ein Al-Kaida-Problem im Maghreb", sagte der Minister. "Dies war ein Problem in den vergangenen Jahren und es wird ein Problem in der Zukunft sein." Nachdem der Norden von Mali von Islamisten eingenommen wurde, entstehe "dort natürlich ein Bedrohungspotenzial."

Friedrich rief die europäischen Staaten dazu auf, gemeinsam gegen den Terrorismus zu kämpfen und eine Antwort auf den Vorfall in Algerien zu finden. "Wir brauchen Solidarität in Europa und der EU." Dazu gehörten auch enge Absprachen mit den Amerikanern.

Die EU-Innenminister sprachen am Rande ihres Treffens in Dublin über das Terrorismus-Thema. Bei der informellen Sitzung wurden keine Entscheidungen erwartet.

 

 

 

(APA/Reuters/AFP)

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